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VILÉM FLUSSER

Kunst und Forum

Für KUNSTFORUM International

Vilém Flusser Mag sein, daß das alte Wort „Forum“, dessen Wurzeln sich vielleicht im Neolithikum verlieren, ursprünglich jeden Ort meint, der vor der Tür liegt. In diesem Sinn also meint Forum den Ort des Ausstellens des Hergestellten vor die Tür, damit es sich herausstellen möge. Aber wenn sich die vorliegende Zeitschrift KUNSTFORUM nennt, dann geht es um einen metaphorischen Gebrauch des Wortes. Forum meint dann nicht mehr alles das, was vor der Tür steht und auch nicht mehr den römischen Marktplatz. Was es meint, darüber will sich der vorliegende Aufsatz den Kopf zerbrechen.

Es gibt drei Arten von Leuten, die auf Marktplätzen angetroffen wurden, bevor Supermärkte, Hypermärkte und ähnliche verlogene Märkte auf der Bühne erschienen waren. Die erste Art von Leuten ging hin, um etwas (etwa die eigene Haut) zu Markte zu tragen. Man kann sie die Aussteller, die Exhibitionisten, die Prostituierten nennen. Die zweite Art ging hin, um das zur Schau getragene (etwa die Haut eines anderen) zu beschauen und gelegentlich gegen Entgelt nach Hause zu tragen (was bei ausgestellter Haut einige praktische Schwierigkeiten bietet). Diese Art kann Konsument, Voyeur, kurz Publikum heißen. Die dritte Art ging hin, weil sie nichts Besseres zu tun hatte, störte dort den Betrieb und redete. Sie kann Tratschweib, Philosoph, Kunstkritiker und, wie Plato meint, sogar König genannt werden. Der vorliegende Aufsatz wird vom königlichen Standpunkt der Tratschweiber geschrieben. Er stellt sich daher die müßige Frage, was eigentlich die Leute bewegt, die Haut oder was immer zu Markte zu tragen.

Es gibt dafür zwei Motive. Das eine ist banal, weil seitens Marktforschung durchleuchtet. Man stellt aus, bietet an, um zu verkaufen. Das zweite ist in Geheimnis gebadet, obwohl von philosophischer und theologischer Tradition seit mindestens zweieinhalbtausend Jahren erwogen. Man stellt aus, damit sich der Wert des Hergestellten herausstellen möge. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als seien diese beiden Motive ein und dasselbe: Auf dem Markt stellt sich eben heraus, wieviel das zum Verkauf Angebotene wert ist. Nämlich zum Beispiel 10.- DM beziehungsweise Talente. Bei einigem Nachdenken jedoch wird deutlich, daß dieser meßbare Wert, nämlich der Tauschwert, gar nicht jener ist, der von Ausstellern, die im zweiten Sinn motiviert sind, gemeint war. Wenn ich meine eigene Haut in Form eines Manuskripts, eines Bildes oder eines anderen wie auch immer gearteten Werks zu Markte trage und wenn mir jemand laut Angebot und Nachfrage 10.- DM beziehungsweise Talente dafür bietet, dann weiß ich immer noch nicht, was mein Werk eigentlich wert ist. Denn dieser eigentliche Wert, der Eigenwert im Gegensatz zum Tauschwert, ist nicht quantifizierbar. Das mögen sich jene hinter die Ohren schreiben, die vom gegenwärtigen Sieg der Marktwirtschaft über die Planwirtschaft eine Befreiung der Kunst erwarten.

Der Tauschwert quantifiziert das Opfer, das ich zu erbringen habe, um etwas Ausgestelltes vom Markt heimzutragen. Er gehört also in die gleiche Kategorie wie Diebstahl, Raub, Betrug und Krieg, die ja auch Methoden sind, Ausgestelltes heimzutragen. Man kann diese übrigen Methoden geradezu als Versuche bezeichnen, das im Tauschwert quantifizierte Opfer (10.- DM beziehungsweise Talente) zu hintergehen. Es mag zwar Leonardo im Grab überraschen und vielleicht sogar erfreuen, welche komplizierten und kostspieligen Strategien angewandt werden müßten, um die „Mona Lisa“ zu rauben (sei es auch nur, um einen Schnurrbart auf sie zu malen). Aber das ist nicht jener Wert, den zu erreichen er beim Herstellen des vom Tauschwert her überschätzten Bildes versucht hat. Denn er hat ja das Bild nicht eigentlich für Konsumenten, das Publikum, herstellen und ausstellen wollen. Unter dem Blick des französischen Königs, also eines der Tratschweiber, hat sich der Eigenwert des Werkes herausstellen sollen.
Wir stehen hier an einer der Wurzeln der westlichen, jetzt sich in der Krise befindenden Gesellschaft. Laut klassischer Tradition ist das Werk das Resultat eines Versuchs, eine Form auf einen Stoff zu drücken (ihn zu informieren) und umgekehrt einen Stoff in eine Form zu stopfen (sie ersichtlich zu machen). Und die klassische Tradition mußte nicht erst auf Marx warten, um von der Tücke des Stoffes zu wissen. Die Trägheit des Stoffes, seine amorphe Sturheit, stemmt sich gegen die ihn erfassen wollende Form: Als Glas zerbricht er, als Stein zerspringt er, als Butter entschlüpft er zwischen den Fingern, als Worte zerschmilzt er auf der Zunge, als Töne zerschellt er in den Ohren, und wer ihn zu informieren versucht, zerschneidet sich die Finger, zerreißt sich die Haut, bricht sich die Nägel, verbrennt sich die Zunge, und seine Trommelfelle platzen. Und diese Wunden trägt er zu Markte, zugleich mit dem Resultat seines Kampfes gegen den Stoff, den zu informieren er ausging. Und die Tratschweiber, die Philosophen, die Kritiker sollen jetzt beurteilen, wieweit er im Kampf gegen den Stoff besiegt wurde oder gesiegt hat. Die Distanz zwischen der angestrebten und der erreichten Form ist der Eigenwert des Werkes. Aus dem sich so herausgestellt habenden Eigenwert ist zu ersehen, wieweit es einer Form, einer Idee, gelungen ist, durch den Herstellenden hindurch ansichtig zu werden. Und wieweit es dem Glas, dem Stein, der Butter, dem Wort, dem Ton gelungen ist, den Kämpfer für die Idee im Stofflichen zu bannen. So, von der Tradition gesehen, wäre ein Kunstkritiker, also einer jener, der müßig auf dem Markte herumsteht, Zeuge vor Gott und Mensch für den immer wieder gewagten, immer wieder verlorenen und immer wieder begonnenen Kampf gegen den Stoff und zugunsten der Form. Gegen die Sturheit und zugunsten der Schönheit. Und der Eigenwert wäre die Funktion der Kraft der Sturheit einerseits und der Schwäche des begeisterten Schaffens andererseits.

Diese unsere hohe klassische Tradition, wonach das Forum jene Arena ist, worin Schiedsrichter den Kampf zwischen Materie und Geist beurteilen und entscheiden, ist leider abgebrochen. Die siegreichen Handwerker der Frührenaissance haben zwar die kirchliche Planwirtschaft mit ihrem praecium iustum zugunsten des freien Marktes abschaffen wollen, aber was sie tatsächlich angestellt haben, war etwas anderes. Sie haben geglaubt, dem Tauschwert dank Angebot und Nachfrage einen kybernetischen Spielraum auf dem Markt zu gewähren, aber sie haben tatsächlich dadurch den Eigenwert aus dem Markt anderswohin verschoben. Als sie dem Bischof das Recht nahmen, den gerechten Preis festzustellen, haben sie den Kunstkritiker aus dem Markt in klägliche Winkel wie dritte Seiten von Zeitungen vertrieben. Aber der Sieg der Handwerker über den Bischof, der Praxis über die Theorie, war nur möglich, weil die klassische (platonische) Tradition, die da von Form und Stoff spricht, der Renaissance und der Moderne nicht standhalten konnte. Beide Begriffe, Theorie und Kunst, mußten unter dem Ansturm des Handwerks auf die Kirche umgedacht werden. Theorie war nicht mehr das Ersehen einer Form, die mit Stoff gestopft wird, sondern das Ausarbeiten immer besser stopfbarer Formen (von Modellen). Und Kunst war nicht mehr der zum Scheitern verurteilte Versuch, einen Stoff in eine Form zu stopfen, zum Lob der höchsten aller Formen, ad maiorem Dei gloriam nämlich. Sondern Kunst wurde jetzt das geradezu lächerliche Unterfangen, immer neue Modelle, immer neue Moden in sich und einander überschlagender Folge auf den Markt zu tragen. Auf einen Markt, wo es keine Schiedsrichter mehr gibt, sondern nur noch aufgerissene Mäuler (Konsumenten).

Das wahre Forum kennen wir nur als Ruine und wandern touristischerweise darin umher, um an verlorene Werteinsichten erinnert zu werden. Der gegenwärtige verlogene Supermarkt ist ein Ort, worin sich nicht einmal der Tauschwert herausstellt, denn dort ist alles Ausgestellte bereits preisbezettelt. Noch weniger ist er ein Ort, worin vom Eigenwert und vom Kampf der Formen gegen den Stoff gesprochen wird. Weil dort jedes Gespräch mittels brüllender Lautsprecher und verschwörerisch zwinkernder Werbung unterbunden wurde. Der Tauschwert wird nicht mehr auf dem Markt, sondern irgendwo in einem unzugänglichen Raum wie Börsen oder Kartellen ausgehandelt. Und was den Eigenwert betrifft, so wagt kaum noch jemand, das Wort auch nur in den Mund zu nehmen, weil er fürchtet, lächerlich zu werden.

Dennoch: Der Kampf zwischen Form und Stoff, zwischen Idee und Erscheinung, also der Kampf gegen sture Entropie, in die wir bei der Geburt geworfen wurden, kann trotz Verschwindens der Fora nicht totgeschwiegen werden. Ausstellungen, Galerien, Symposien, Workshops und ähnliche Ad-hoc-Veranstaltungen sollen dem Gespräch über Eigenwert (oder, wie man heute lieber sagt, Information) Zeiträume und Raumzeiten gewähren. Wer sich gegenwärtig bemüht, einem Stoff Form zu geben, um dann das Resultat einem Schiedsrichter vorzulegen, der kann seine Haut nicht mehr zu Markte, sondern muß sie anderswohin tragen. Dorthin, wo gegenwärtig die Kritiker, also die Ex-Bischöfe, Ex-Philosophen, Ex-Könige ihr zweifelhaft gewordenes Wesen treiben.

Und dann kamen einige mutige und weitsichtige Menschen und entschlossen sich, die vor den zweifelhaften Kritikern ausgestellten blutenden Häute und die darunter zuckenden Muskeln einzusammeln und auf ein wenig dauerhaftere Tribünen zu stellen. Sie wollten damit dem Kampf zwischen Form und Stoff, zwischen Geist und Materie, jenen Raum wieder bieten, der nach dem Zusammenbruch des Forums unzugänglich wurde. Dieses Herausreißen aus Ausstellungen, Symposien und Workshops ins kontemplative Bedenken ist nach Meinung dieses Aufsatzes die Erklärung, warum die Zeitschrift, die ihn veröffentlicht, den Namen KUNSTFORUM trägt.

 

Kurzbiografie

Vilém Flusser, war Philosoph und Schriftsteller, Kommunikationswissenschaftler und Kunstkritiker. Er wurde in Prag geboren, emigrierte 1938 über London nach Sao Paulo (Brasilien).

In den siebziger Jahren kehrte er nach Europa zurück und ließ sich später in einem kleinen Dorf in der Provence nieder.

Florian Rötzer hat über Flusser notiert: »Er erweist sich als Denker, der radikal von eigenen Wahrnehmungen und von der eigenen Sprache ausgeht, was heute selten geworden ist.«

Flussers Denken entwirft Modelle und Strategien, die eine neue Orientierung in einer unlesbar und unbeschreibbar gewordenen Welt erlauben. In seiner postum erschienenen philosophischen Autobiographie »Bodenlos« (1992) beschreibt er den Menschen als Wesen, dessen Existenz im Grunde haltlos ist.

In seinen letzten Lebensjahren hat Flusser der allgemeinen Zukunftsskepsis und dem landläufigen Kulturpessimismus ein Bild des Menschen entgegengehalten, der mit seiner kreativen Kraft für unmöglich Gehaltenes auf die Beine zu stellen vermag. In der Computerisierung der Lebenswelt sah er keineswegs einen teuflischen Prozeß, der zur Entmündigung und Verdummung des Menschen beiträgt, sondern eine willkommene Befreiung von menschenunwürdigen Arbeiten. Denn der Computer sei, so Flusser, nichts anderes als eine Maschine - und diese sei »geronnene Kreativität«.

Flusser stirbt am 27. November 1991 bei einem Verkehrsunfall in der Nähe von Prag; am Tag zuvor hatte er im dortigen Goethe-Institut seinen letzten Vortrag gehalten: »Paradigmenwechsel«

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