MLD 25
Seit 25 Jahren arbeiten die Brüder Maik und Dirk Löbbert zusammen. Das H 2 -Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast, Kunstsammlungen und Museen Augsburg, zeigt aus diesem Anlass eine groß angelegte Schau des Künstler-Duos. (10.9.2010-27.2.2011).
Lamspringer September
Die Lamspringer Septembergesellschaft und das Bad Gandersheimer Wirtschaftsforum haben zwischen diesen beiden Orten seit 1998 einen Skulpturenweg angelegt. Vorbild für dieses Projekt, das entlang einer stillgelegten Bahntrasse verläuft, ist die Vision des Malers und Bildhauers Otto Freundlich, dem bereits in den 1930er Jahren eine Skulpturenstraße von Paris bis nach Moskau vorschwebte. Freundlichs Idee blieb indes reine Utopie: solch eine völkerverbindende Kunst-Straße war für jene Epoche massiver politischer Spannungen in Europa völlig unrealistisch.
Otto Freundlich selbst schlug sich damals als jüdischer Exilant im Pariser Exil auch nur mit Not und Mühe durch: zu seinem 60. Geburtstag 1938 verfassten Max Ernst und andere deutsche Künstler-Emigranten einen Spendenaufruf, der dem am Rande des Existenzminimums lebenden Freundlich etwas Geld zum Kauf von Farben einbringen sollte. Von Freundlichs Skulpturenstraßenprojekt wurde bislang nur eine Minimalversion umgesetzt, nämlich mit 13 Skulpturen auf einer Strecke von zwölf km zwischen Lamspringe und Bad Gandersheim.
Jedes Jahr findet der „Lamspringer September" mit Kunst- und Musikveranstaltungen, Theater, Lesungen, Kabarett etc. statt. Für den Bereich der bildenden Kunst ist in diesem Jahr der Bildhauer Karl Günter Wolf zu einer Ausstellung mit seinen Metallskulpturen und Meditations-Rollbildern eingeladen.
Fiebergärten
Bis zum 26. September 2010 präsentiert der Kunstverein und Stiftung Springhornhof in Neuenkirchen bei Soltau Ulu Brauns Projekt „Fiebergärten". Braun montiert Filmsequenzen und Bildmotive aus unterschiedlichen Quellen zu faszinierenden Landschaftspanoramen. Für die Ausstellung im Springhornhof hat Ulu Braun eigens eine Videoarbeit geschaffen, das die fiktive Bevölkerung einer idyllischen Küstenregion porträtiert.
Dokumentation Futurismus
Vom Juni 2009 bis Januar 2010 fand in Köln, Bonn und Düsseldorf eine Veranstaltungsreihe zum Thema „100 Jahre Futurismus" statt. Auf einer Tagung diskutierten deutsche und italienische Fachreferenten aus der Kunst-, Literatur- und Filmwissenschaft, Semiotik und Musik über „Zukunftsmusik oder Schnee von gestern ? - Interdisziplinarität, Internationalität und Aktualität des Futurismus". Dazu hat Donatella Chiancone-Schneider nun eine Dokumentation in Buchform sowie eine DVD publiziert.
Durchblicken
Die Insel Wilhelmstein mit ihrer Festungsanlage liegt im Steinhuder Meer, einem Binnensee bei Hannover. Seit nunmehr fünf Jahren führt dort der Kunstverein „Meerkunstraum e.V." seine Ausstellungsreihe „Durchblicke" durch. Eingeladene Künstler können in den Sommermonaten mit ihren Plastiken und Installationen fünf kleine Glasgewächshäuser bespielen. 2010 nehmen Inge-Rose-Lippok, Almut und Hans Beuste, Felix Pedersen, Wolfgang Buntrock und Frank Nordiek sowie Klaus Madlowski an dem Projekt teil.
Werkstatt für Veränderung
Vom 14. August bis zum 4. September 2010 gastiert Seraphina Lenz mit ihrer „Werkstatt für Veränderung" wieder im Carl-Weder-Park von Berlin-Neukölln. Seit 2002 hat die Künstlerin dort in jedem Sommer „performative künstlerische Interventionen" durchgeführt. In diesem Jahr schließt sie die Aktionsreihe ab mit einer dokumentarischen „Freiluftausstellung", die von einer „Retro-Parade und Jubiläumsfeuerwerk" begleitet wird, samt „Souvenir-Kaufladen, Objekten aus dem Fundus und Köstlichkeiten aus der Parkküche". Die Projektreihe wird in einem Buch dokumentiert, das 2011 erscheint.
Skulptur für Friedberg
2009 gewann Barbara Szüts den Skulpturenwettbewerb der Stadt Friedberg/Augsburg. Ein Jahr später hat sie nun ihre Arbeit auf dem örtlichen Bahnhofsplatz realisieren können. Ihre Skulpturen sind Übersetzungen von Linienzeichnungen ins Plastisch-Räumliche. Barbara Szütz: „Die Skulptur täuscht keine andere Räumlichkeit vor, als die schon in der Zeichnung vorhandene... Als ich das erste Mal den Platz sah, entschied ich mich sofort für einen Bewegungsablauf, der drei Bewegungen ineinander beschreibt. Es sind Bewegungen, die ineinander verschmelzen, in denen ein stetes Fluktuieren an Stelle statischer Beziehungen tritt - sozusagen flüssige Grenzen."
Quellen im Strom
Unter der Fahrbahn der Deutzer Rheinbrücke in Köln befindet sich ein düsterer, wenig anheimelnder Hohlraum, durch den man von Ufer zu Ufer gelangen kann. Normalerweise werden hier Materialien für den Hochwasserschutz gelagert. Gelegentlich kann diese Brückenhöhle auch für Kunstaktionen genutzt werden. Vom 26. 9. bis 3.10. 2010 bespielt die Kölner Gruppe „Kunst in Resonanz" den „Bauch" der Brücke mit Installationen und Klangdarbietungen zum Motto „Quellen im Strom".
Baptist Ohrtmann hat für seine Klanginstallation Töne aus dem „Lebensumfeld der Drücke" aufgenommen. Auch Ralf Peters arbeitet akustisch. Er fügt den Fluten des Rheins und dem Verkehrsstrom aktionistisch seinen „Stimmfluss" hinzu und sucht dabei „nach klanglichen Überlappungen". Eine Tanzperformance von Vera Sander und die Musik des Saxophonisten Lutz Streun reagieren ebenfalls auf die atmosphärischen Eigentümlichkeiten des Brückenhohlraums. Karin Meinel beteiligt sich mit einer Videoprojektion, und Petra Gerster lässt Papierobjekte über dem Wasser und durch den Raum schweben.
Denkmal für Edelweißpiraten
Im November 1944 ließ die Gestapo Zwangsarbeiter aus Polen und Russland sowie Mitglieder der jugendlichen Widerstandsgruppe „Edelweißpiraten" am Bahndamm von Köln-Ehrenfeld ohne Gerichtsurteil demonstrativ in aller Öffentlichkeit hinrichten. Die Edelweißpiraten waren aus der 1936 verbotenen „Bündischen Jugend" hervorgegangen und wollten sich nicht durch die Hitler-Jugend vereinnahmen lassen. Die Ursprünge dieser Jugendbewegung liegen in einer Wandervogel- und Lagerfeuerromantik, doch in den 1930er Jahren gerieten sie in eine Opposition zu den herrschenden politischen Verhältnissen.
Einige Edelweißpiraten-Gruppen, so jene in Köln, leisteten während der Kriegsjahre aktiven Widerstand gegen die Nazis. Viele Jugendliche wurden inhaftiert, gefoltert und ermordet. Den Überlebenden verweigerte man nach 1945 eine Anerkennung als Widerstandskämpfer und Wiedergutmachungszahlungen - die Beamten im Kölner Regierungspräsidium stützten sich stattdessen weiterhin auf die alten Gestapo-Akten, in denen die Edelweißpiraten kriminalisiert werden. Erst 2005 rehabilitierte der damalige Regierungspräsident und heutige OB Jürgen Roters (SPD) die Verfolgten.
Auch um den Text für eine Gedenktafel am Bahndamm gab es jahrzehntelangen Streit, denn die örtliche CDU stellte sich quer. 2003 wurde schließlich nach langem Gezerre ein Künstlerwettbewerb für die Neufassung der Gedenktafel durchgeführt, doch eine würdige Gedenkstätte entstand auch dann nicht: Das Ambiente an den Bahnbögen ist bis heute vernachlässigt; Schutt und Müll prägen die Optik. Jetzt hat eine lokale Initiative um den Liedermacher Rolly Brings junge Künstler beauftragt, die Nische neben der Gedenktafel mit einem großen Wandbild auszumalen. Es zeigt eine Horde uniform grau gewandeter im Gleichschritt marschierender Nazi-Soldaten, über denen - in Anspielung an das Liedgut der Edelweißpiraten - ein Segelschiff mit dem Edelweiß-Symbol schwebt.
Twilightzone
Dreizehn Künstler wie Peter Kogler, Yves Netzhammer, Tatzu Nishi, Modulorbeat, Xavier de Richemont, Siegrun Appelt oder Mader Stublic Wiermann inszenieren zeitversetzt 16 Arbeiten, die das Ruhrtal in eine Lichtroute verwandeln. Als „schwimmende Architektur" sind die von innen beleuchteten „Big Tanks" der Künstlergruppe Modulorbeat für die Besucher begehbar.
Ihre Lichtkonstruktion wandert von Hagen nach Mülheim und zum Duisburger Innenhafen. Dort erreicht „Twilight Zone" am 24. September 2010 den finalen Festivalort auf der Uferpromenade. Peter Kogler wirft an dieser Stelle auf einer Länge von 350 Metern mit Hilfe von zehn Beamern ein Lichtkunstnetz auf die Stufen.
Bildungsoffensive Mariposa
Das Kulturprojekt Mariposa auf Teneriffa versteht sich als „Impulsgeber für kreative Lösungen auf den verschiedensten gesellschaftlichen Ebenen". In dem Zentrum finden regelmäßig Seminare, Klausur-Tagungen und philosophische Diskurse statt. Seit 2006 kooperiert Mariposa auch mit einem Stuttgarter Gymnasium („Bildungsoffensive Mariposa"). Das Pilotprojekt ist auf zehn Jahre angelegt. Die bisherigen Erfahrungen mit der „erweiterten Pädagogik" dieser „Jugend-Mariposion"-Begegnungen auf Teneriffa werden vom 23.8. bis zum 6. 9. 2010 auf dem „1. Lehrer-Mariposion" reflektiert.
Zweck der Zusammenkunft ist eine „Erarbeitung von Modulen für eine erweiterte Schulpraxis in Didaktik, Methodik, Jugend-Psychologie und innerer Schulentwicklung. Die Ergebnisse werden veröffentlicht und zur Verwendung interessierten Schulen zur Verfügung gestellt. Teilnehmer sind dieses Mal Lehrer verschiedener Stuttgarter Gymnasien, Vertreter Pädagogischer Hochschulen, Musikhochschulen sowie Querdenker und Künstler... Die Lehrer-Mariposien sollen als ein neuer Typ pädagogischer Fortbildung und Zukunftswerkstatt etabliert werden..."
Gefängnis-Wörterbuch
Bevor Karl May (1842-1912) mit „Hintertreppenromanen", wie man die Trivialliteratur damals nannte, und mit seinen „Winnetou"-Geschichten als Volksschriftsteller Berühmtheit erlangte, arbeitete er zeitweise als Lehrer und Redakteur. In jungen Jahren geriet er auf die schiefe Bahn: In Chemnitz, Zwickau und Waldheim verbüßte er zwischen 1861 und 1874 mehrere Gefängnisstrafen wegen Hochstapelei, Betrug und Diebstahls. Die Haftzeit nutzte May zum Studium von Forschungsliteratur über die Mescalero-Apachen. Er schlüpfte später als Ich-Erzähler in die Rolle des Old Shatterhand, um eigene fiktive Reisen in den Wilden Westen zu erzählen.
Bei seinen Wildwest-Romanen und ebenso bei den Orient-Bänden bescheinigten die Kritiker Karl May, seine Landschaftsbeschreibungen überzeugten durch eine verblüffende geografische, botanische und zoologische Exaktheit. Nicht zuletzt deswegen prägen die Karl May-Bände bis heute bei vielen jugendlichen Lesern das ethnologische Bild über die Indianerkultur. Der Berliner Künstler HS Winkler stellte bei einer Reise durch die USA erstaunt fest, dass selbst die heutigen Apachen Karl-May-Bücher in ihren Regalen haben. Als Gastgeschenk erhielt Winkler bei seinem Besuch im Apachen-Reservat das originale Wörterbuch des Stammes.
Es dokumentiert eine Sprache, die heute vom Aussterben bedroht ist. „Kultur" z.B. heißt im Apachen-Idiom „Wo Leute Orientierung finden". Künstler Winkler gestaltete ein Wörterbuch „Deutsch-Apache" als Abreisskalender. Auf jeder der 365 Seiten sind Wörter und Redewendungen aus der Apachensprache abgedruckt und übersetzt. Dieses Wörterbuch ist allerdings nicht im üblichen Buchhandel zu erwerben: HS Winkler verteilte die Exemplare ausschließlich an die Insassen der sächsischen Gefängnisse, in denen seinerzeit auch Karl May inhaftiert war.
Einsiedlerbibliothek
1987 richtete der Berliner Künstler Stefan Micheel auf der Sattelalm oberhalb des Brennerpasses in einer Schutzhütte eine Einsiedlerbibliothek ein („Kunstforum" berichtete). Als der Künstler im Sommer 2010 nach 13 Jahren wieder an diesen Ort zurück kam, war im Inneren noch alles unverändert. Lediglich eine Kolonie Murmeltiere hat inzwischen in der Hütte Quartier genommen.
Stefan Micheel: „Die Bücher sind vor 11 Jahren wieder ins Tal gebracht worden, doch ansonsten haben die Einrichtung und das Inventar die Zeit des Dornröschenschlafs angestaubt überdauert. Selbst die Inventarbox des Bücherbestandes der Einsiedlerbibliothek ist noch zur Einsicht vorhanden. Auch von dem Ausstellungsprojekt ‚Berg-Äther' mit Thomas Demand, Wolfgang Müller, Karin Sander u.a., das ich dort 1999 kuratiert hatte, sind noch Relikte zu entdecken."
Wohlfühlstrategien
Auf dem Einkaufszettel standen Salami, Nutella, Schnittkäse und frisches Gemüse: Für einen 14tägigen Aufenthalt im örtlichen Reichswald hatte sich die Nürnberger Künstlergruppe „Der Kreis" mit ausreichend Proviant eingedeckt. Als Unterkunft für die elf lokal ansässigen Künstler und ihre neun internationalen Kollegen diente im August 2010 das „Waldwichtelhaus", das sonst als Kindergarten genutzt wird.
Bei dem Künstler-Symposion „Waldprojekt 37 Grad" ging es um „Überlebens- und Wohlfühlstrategien", die allesamt von der „normalen" menschlichen Körpertemperatur (37 Grad) abhängen: Kleidung und Behausungen sollen den Körper vor Unterkühlung schützen, und wenn wir uns in Badewasser mit einer Temperatur von 37 Grad am wohlsten fühlen, dann beruhe dies auf der pränatalen Erfahrung, dass es in der mütterlichen Bauchhöhle genauso warm sei. „Der Wald als Gegenstück zur urbanisierten Welt bildet... den optimalen Ort, die Grundfragen dieser Strategien neu zu stellen", notierte die Gruppe in ihrem Konzeptpapier.
Bundesrasenschau
Nach dem Ersten Weltkrieg sahen die Bestimmungen des Versailler Vertrags eine Entmilitarisierung des Rheinlands vor. Auch in Köln mussten ab 1919 die preußischen Festungsanlagen abgerissen werden. An ihrer Stelle ließ der damalige OB Konrad Adenauer einen „Grüngürtel" anlegen, der sich halbkreisförmig um die Innenstadt zieht. In diesem Areal mit Parksträuchern und großen Rasenflächen nahm der Künstler Ralf Witthaus im August/September 2010 dreißig Tage lang einen Fußmarsch mit einem Rasenmäher auf sich.
Auf einer Strecke von 12 km entstanden Zeichnungen, die Witthaus und seine Assistenten mit dem Rasenmäher in die Wiesenflächen hinein schnitten. Ausgangspunkt des Künstler-Marsches durchs Grün war der Rheinpark, in dem 1957 eine Bundesgartenschau stattfand. Die Ergebnisse der jetzigen „Bundesrasenschau" bleiben noch bis Anfang Oktober 2010 sichtbar. Dann sind die Zeichnungen wieder zugewachsen.
7 hours
Christiane Grüß kuratiert in Haus 19, einem ehemaligen Tierstall auf dem Gelände der Berliner Humboldt-Universität, ein Programm mit Installationen, Performances und Neuer Musik („7 hours"). Vom 17. September bis zum 16. Oktober 2010 stellt Norbert Prangenberg dort unter dem Titel „Clay and history" ein Konvolut von 30 bis 50 plastischen Arbeiten unterschiedlichen Formats vor. Alle Werke sind erst in jüngster Zeit geschaffen worden, teilweise eigens für diese Ausstellung. Prangenberg ist seit 1993 Professor für Glas und Keramik an der Kunstakademie München. Bekannt wurde er in den 1980er Jahren mit großvolumigen amphorenartigen Hohlkörpern, die er als „Figuren" bezeichnet.
Nasenflötenorchester
Wer Berlins Kunstszene bereits in den 1980er Jahren erlebt hat, erinnert sich noch gut an die provokativen Auftritte der legendären Künstlergruppe „end art". Ein Hauch dieses Zeitgeistes durchwehte unlängst die Kneipe „Goldener Hahn" in der Oranienburger Str., als dort im August 2010 zur Wiedereröffnung das „Nasenflötenorchester" spielte und das frühere „end art"-Mitglied Klaus Theuerkauf die Wände mit seinen „Artefuckten" bestückte.







