Kündigungsplastik
Es ist recht einfach, über die Beantwortung von Werbepost oder die Teilnahme an Preisausschreiben unter einem fiktiven Namen eine künstlich geschaffene Identität zu etablieren. So rief der Münsteraner Künstler Ruppe Kosseleck eine „erfundene Person" namens Dr. Billy Baypack ganz simpel „über Werbelisten ins Leben".
Der virtuelle Dr. Baypack bekommt seitdem „günstige Kredite von Bankinstituten angeboten" und Werbegeschenke von Beate Uhse. Seine ebenso fiktive Tochter „Claudia Baypack" holt sich als Mitglied des „Mc Donald's Junior Club" bei dem Bulettenbräter vierteljährlich ein Gratis-Eis ab, und schließlich wurde die Kunstfigur auch von der Gebühreneinzugszentrale GEZ erfasst. Brav meldete Kosselleck sein Alter Ego als Rundfunkteilnehmer an.
Doch auf des Künstlers Anfrage, wie die GEZ eigentlich an die Daten von Dr. Baypack herangekommen sei, blieb die GEZ bislang die Antwort schuldig und verschickte stattdessen Mahnungen über rückständige Gebühren. Dr. Baypack antwortete, die „Qualität der unterschiedlichen Programme" entspräche nicht seinen Interessen.
„Aus Wut über die Langeweile" bei der Ausstrahlung der Sendungen habe er seine Antenne abgebrochen und aus dieser eine kleine „Kündigungsplastik" geformt, die er nun als „als Beweis", dass er nicht mehr Rundfunkteilnehmer sei, an die GEZ schicke. Kosseleck ist nun gespannt, in welche Dimensionen „mittels Gerichtsvollzieher" oder gar Justizprozess seine Kunst-Posse noch weiter abdriften wird. (JR)
Töten
Der Mannheimer „zeitraumexit e.V." zeigt ab dem 1. Dezember 2007 Fotoarbeiten, Zeichnungen und Videos zum Thema „Töten". Kurator Wolfgang Sautermeister hat Künstlerarbeiten ausgesucht, die sich mit dem Töten im Krieg und bei Terrorakten, mit dem Freitod, der Todesstrafe und dem „Töten für Ideale" beschäftigen. Raphaël Dallaporta verfremdet z.B. Minen oder Streu-Munition, während Lucinda Devlin leere Hinrichtungsräume in Gefängnissen aufgenommen hat.
Claudia Reinhardt thematisiert das Leben und das Werk von Künstlerinnen, die sich selbst getötet haben: Sarah Kane, Silvia Plath, Anne Sexton, Diane Arbus oder Unica Zürn. Johan Grimonprez führt mit seinem Film „Dial H-I-S-T-O-R-Y" vor, wie Gewalt und Tod in den Nachrichtensendungen zum Medienereignis werden. Er dokumentiert die Geschichte der Flugzeugentführungen und vermischt dabei Bilder aus Reportagen mit Stücken aus Science-Fiction-Filmen selbst gedrehten rekonstruierten Szenen.
Künstlerbuch „Orr“
Einmal im Jahr lädt die rheinische Stadt Pulheim einen Künstler zu einer „Stadtbild.Intervention" ein. Im vergangenen Jahr verwandelte der Bremer Künstler Achim Bitter das leerstehende alte Rathaus in eine begehbare Installation. Dazu recherchierte er die jüngste Geschichte der Stadt und stieß auf eine Hausbesetzung in den 1980er Jahren. Damals hatten Schüler das alte Forsthaus im Park von Haus Orr okkupiert.
Aus diesen Recherchearbeiten ergab sich für Künstler Bitter der Wunsch, eine Dokumentation mit Querverweisen zu aktuellen Hausbesetzungen und einer historischen Darstellung der Besetzerszene zu erstellen. Eine solche, reich bebilderte Dokumentation hat er nun in Form eines Künstlerbuches vorgelegt (Achim Bitter, „Orr", Hrsg. Stadt Pulheim, ISBN 3-9809465-5-X). (JR)
Konspirative Wohnungen
2004 wurde die geheime „Straßenkartei F 78" des früheren DDR-Ministeriums für Staatssicherheit entdeckt. Hier hatten die Stasi-Schnüffler penibel „konspirative Wohnungen" aufgelistet. Die staatliche Überwachung dieser Wohnungen war „mit massenhafter Manipulation, Misstrauen und Angst" verbunden. Schon 2002 hatten die Londoner Künstlerin Pam Skelton und der Wissenschaftler Joachim Heinrich angefangen, in Erfurt 483 Wohnungen zu ermitteln, die in den 1980er Jahren bis zum endgültigen Zusammenbruch der DDR konspirativ genutzt wurden.
Dabei handelte es sich zumeist um Mietwohnungen, in denen sich -mit Einverständnis der Mieter - Führungsoffiziere der Stasi mit ihren Informanten trafen. Die Geheimdienst-Bürokraten führten für jede dieser Wohnungen penibel eine Akte mit eigenem Decknamen. Die Künstlerin Pam Skelton arbeitet in ihren Projekten generell mit Archiven, Film und Geschichtsschreibung, um die „Repression und den Missbrauch von Staatsmacht in Europa im 20. Jh." künstlerisch sichtbar zu machen. Ihr jüngstes Projekt über die konspirativen Treffs stellt sie vom 28. September bis zum 16. November 2007 im Kunsthaus Erfurt vor. (JR)
TERRA NULLUS
2002 erklärte der Berliner Künstler Stefan Micheel den Watzmann zur „Terra nullus" („Kunstforum" berichtete). An den Zugängen zu den Aufstiegen brachte Micheel Schilder an, auf denen er einen „Rückbau der Wege, Schutzhütten, Biwaks..." forderte, des weiteren eine „Sperrung des Luftraumes" über Deutschlands zweithöchstem Berg, der solchermaßen „seine natürliche Unberührtheit und reine Schönheit wieder erlangen" solle. Nur „von außen" sei nämlich die „ganze Erhabenheit" des Watzmanns spürbar, etwa so, wie sie Caspar David Friedrich als „inszenierte Vision des Berges" festgehalten hätte.
„Obwohl nie vor Ort, schuf er aus Splittern anderer Zeichnungen und Entwürfe ein Mahnmal einer verlorenen Welt". Für den Juli 2007 hatte Micheel eine persönliche „Letztbesteigung" angekündigt, die er jedoch abbrechen musste, weil bei unerwartet schlechtem Sommerwetter in 3000 m Höhe ein Schneesturm tobte. Im September 2007 unternahm Micheel dann einen neuen Anlauf, letztmalig in die „terra nullus" vorzudringen und auf dem Gipfel eine Aktion mit dem Titel „Das Kreuz mit dem Kreuz" durchzuführen: Eine Demonstration zur „Rückholung des Gipfelkreuzes ins Tal". (JR)
Aktion „Transfair“
Zu den Wahrzeichen Innsbrucks gehört das „Goldene Dachl". Dabei handelt es sich um ein Gebäude mit vergoldeten Dachschindeln über der Loggia. Im Oktober 2007 führte die Künstlergruppe „plattform kunst~öffentlichkeit" (Andrea Baumann, Christopher Grüner, Michaela Niederkircher, Robert Pfurtscheller, Christine Prantauer, Jeannot Schwartz) an diesem historischen Monument ihre Aktion „transfair" durch. Die Künstler ersetzten eine der goldenen Dachschindeln durch eine einfache hölzerne Schindel von einem Stall im Tiroler Wipptal.
Im Gegenzug bekam der Stall an genau derselben Stelle die goldene Schindel ins Dachgebälk eingesetzt. Dazu notierten sie in ihrem Pressetext: „Das Projekt beleuchtet Themen wie Stadt und Land, Zentrum und Peripherie, (touristische) Öffentlichkeit und (touristische) Abgeschiedenheit, Macht und Repräsentation, Wert und Wertlosigkeit, Tausch und Symbol". Als demonstrative künstlerische Geste war dies insofern ein „fairer" Tausch, weil auch solch ein traditioneller „Stadl" einen (kulturhistorischen) Wert repräsentiert und somit eine Balance gewahrt war. (JR)
Documenta urbana
In Kassel findet bekanntlich alle fünf Jahre die documenta statt, doch in der Zwischenzeit versinkt die Stadt kulturell und kulturpolitisch wieder in einen Dornröschenschlaf. Ebenso alt wie die documenta selbst ist jedoch auch die Idee, parallel zu dieser Kunstschau eine zweite Veranstaltung durchzuführen, die sich „mit Gestaltung, Planung und Bebauung unserer Umwelt" beschäftigt. Documenta-Gründer Arnold Bode, von Haus aus Künstler, der sich in den dreißiger Jahren wegen Berufsverbots durch die Nazis als technischer Zeichner im Architekturbüro seines Bruders durchgeschlagen hatte, regte schon in den 1950er Jahren die Durchführung einer solchen „documenta urbana" an. Doch erst zur 7. documenta 1982 kam es zur konkreten Umsetzung dieses Vorschlags: In jenem Sommer fanden sogar gleich zwei Veranstaltungen über die Aspekte des Urbanismus statt.
Die eine wurde in der Kasseler Dönche im Stil klassischer Bauausstellungen mit namhaften Architekten ausgerichtet, während sich die andere unter dem Namen „documenta urbana -sichtbarmachen" Kassels sozialen Brennpunkten widmete. Zu dieser zweiten Ausstellung hatte Lucius Burckhardt Architekten, Urbanisten, Theoretiker und Künstler eingeladen. 2005 griff man an der Universität Kassel die Idee einer „documenta urbana" wieder auf. Im Sommer 2007 leiteten Manuel Cuadra, Helmut Holzapfel, Wolfgang Schulze das „documenta urbana-Labor", und nach dem Willen der drei Kuratoren soll nun eine solche „documenta urbana" in Kassel als Veranstaltungsreihe zwischen den Kunstaussstellungen dauerhaft etabliert werden.
Internationale Symposien begleiten dieses Vorhaben. Das dritte Symposion findet unter dem Titel „Kunst braucht die Planung" statt. Martin Schmitz kuratiert diese Zusammenkunft mit Beiträgen von Heinz Emigholz, HeHe, Helen Evans & Heiko Hansen,Till Latz, Gerhard Lang, Stefan Rettich, Karo* Architekten und Boris Sieverts (Büro für Städtereisen). Termin und Ort: Samstag, den 3. November 2007 10-18 Uhr,Kunsthochschule Kassel, Hörsaal, Menzelstraße 13, Infos: www.documenta-urbana.de.
Wunder der Prairie
Exakt 400 Stunden dauerte das Performance-Festival „Wunder der Prairie" der Mannheimer Künstlerinitiative „zeitraumexit" in ihrem Aktionsraum in der Hafenstraße. Mehr als 3000 Besucher verfolgten 16 Tage lang die Darbietungen, die sich ohne Unterbrechung aneinanderreihten. „400 Stunden wurde in diesem einen Raum gesprochen, geschrieen, geflüstert, geatmet, diskutiert, getanzt, gelacht, gedacht, gefragt und geantwortet, geschwiegen, gesungen, gespielt, gehört, gesehen, geschlafen, geträumt, geputzt, gekocht und gestritten." (Pressetext). Viele Zuschauer kamen mehrmals, auch zu den Proben und zu den internen Abläufen „hinter den Kulissen", und einige von ihnen verbrachten sogar die Nächte in der Radio- und Videolounge.
Die Besucher waren auch live dabei, als Mannheims Prominenz sich auf der Performance-Bühne ungewöhnlichen Interviews stellte. So mussten sich z.B. der Oberbürgermeister und der Polizeichef Fragen gefallen lassen, die nach dem Zufallsprinzip ausgewählt wurden, etwa jene: „Wie viele Narben weist Ihr Körper auf?" Auf die Minute genau endete dann am 29. September 2007 Punkt 12 Uhr als letzter Auftritt die Soundperformance der kanadischen Künstler Dominique Sirois und David Jacques.
Die nächste „Wunder der Prärie"-Reihe soll im September 2008 „wieder im gewohnten Format" über die Bühne gehen: „10 Tage lang Performance, Theater, Tanz, Vorträge und Bildende Kunst" bei zeitraumexit, in den Straßen Mannheims, in der dortigen Alten Feuerwache sowie in den Kunstvereinen von Ludwigshafen und Mannheim. Infos: http://www.wunderderpraerie/. (JR)
Ressource Stadt
Seit 1971 existiert in der Stuttgarter Innenstadt der „MAGAZIN"-Laden. Hier können junge Künstler und Designer eigene Produkte vorstellen. Im vergangenen Jahr begann man, in loser Folge Künstler einzuladen, im Laden oder unter dessen Glasvorbau Aktionen und Installationen durchzuführen. Derzeit arbeitet dort das Berliner Künstlerpaar Folke Köbberling und Martin Kaltwasser an seinem Projekt „Rekonstruktion - Ressource Stadt".
Dabei handelt es sich um eine begebare Rauminstallation, die komplett aus benutzem Bauholz, Recyclingmaterial und Baustoffresten besteht. Während der „Bauaktion" verwandelt sich der Laden in eine „temporäre Werkstatt". Richtfest des „Rohbaus" ist am 7. November 2007 (Adresse: Lautenschlagerstr. 16, Stuttgart). (JR)
Performance-Reise
Im September/Oktober 2007 ging eine Performance-Guppe auf Tournee durch Polen und Österreich. Stationen waren bis zum 4. Oktober 2007 Gdansk, Poznan, Krakow, Wien, Graz und Linz. In den polnischen Städten kuratierte Angelika Fojtuch das Programm, für den österreichischen Teil waren Elisa Andessner, Nora Riedl und Wolfgang Tragseiler organisatorisch zuständig. Weitere Teilnehmer an der Reise waren Noemi Auer, Paulian Braun und Anna Kalwajtys.
Der Tross reiste gemeinsam im Auto und hielt sich an jeder Station drei oder vier Tage auf, um erst einmal Eindrücke vom dortigen Alltagsleben zu sammeln, aus denen dann jeweils der konkrete Performance-Auftritt konzipiert wurde, der sowohl in einer Galerie als auch im öffentlichen Stadtraum stattfinden konnte. Für 2008 sind Dokumentationsveranstaltungen über diese Performance-Reise in Linz und Gdansk angekündigt. (JR)
Canale Grande
Venedig in Bochum ? Man braucht schon viel Phantasie, um sich vorzustellen, in der nüchternen Ruhrpott-Stadt ginge zu wie zwischen den Dogenpalästen der Lagunenstadt und der „Rummel" (Pressetext) in der Fußgängerzone der Bochumer Innenstadt sei mit dem lautstark-mediterranen Treiben an der Rialto-Brücke vergleichbar. Zumindest muss man der Phantasie visuell ein wenig auf die Sprünge helfen, und das unternimmt die Künstlerin Evelyn Ebert mit ihrer Installation vor dem Eingang der örtlichen Sparkasse am Dr.-Ruer-Platz.
Dort gibt es einen Treppenaufgang zur Schalterhalle, der wie eine Brücke einen unterirdischen Bereich überdeckt. Die Künstlerin verwandelt diesen Bereich bis zum 20. November 2007 in einen venezianischen Anlegesteg, indem sie dort acht hölzerne Anlegepoller aufstellte, wie sie typisch für das Erscheinungsbild der Kanäle Venedigs sind. Zugleich verweist sie damit auf die historische Situation, denn früher gab es an dieser Stelle tatsächlich mal einen Kanal, nämlich den Bochumer Stadtgraben. (JR)
Seven hours
Christiane Grüß kuratiert die „7 hours"-Reihe mit Installationen in Haus 19 auf dem Gelände der Berliner Humboldt-Universität („Kunstforum" berichtete). In diesem Gebäude war früher der Stall für die Versuchstiere untergebracht. Soeben zeigte Till Hohn dort seine Bild-Klang-Skulptur „Stabledance" mit Videoaufnahmen von Straßenszenen aus New York, die sich in der Schnittfolge des Films wiederholen und rhythmisch dynamisieren wie bei einem Tanz. Dazu hatte er aus der Tonspur die mittleren Tonhöhen herausgefiltert und die Geräuschkulisse solchermaßen extrem verfremdet. Das nächste „7 hours"-Projekt bestreitet Norbert Prangenberg mit vier seiner ehemaligen Studenten, nämlich Fanny Geisler, Barbara Spaett, Edith Plattner und Oliver Westerbarkey. Die Vernissage ist am 21. September 2007 (Park Campus Nord der Humboldt-Universität Berlin, Eingänge Reinhardstraße oder Luisenstr.). Infos: http://www.7hours.com/. (JR)
City of Women
Véronique Bourgoin und Silverbridge kuratieren die Ausstellung „City of Women" mit „Bildern der Frauen heute - Inszenierungen, Reflexionen, Phantasmen". Das Projekt wird von der EU unterstützt und findet im Laufe der Sommermonate 2007 zusammen mit Workshops und diversen „künstlerischen Interventionen" in Montreuil bei Paris statt. Auszug aus der Künstlerliste: Linda Bilda, Charlet Kugel, Antoine d´Agata, Jacqueline Hassink, Deborah Schamoni, Risk Hazekamp, Lucy Dodd, Elfie Semotan u.a. Adresse: La Fabrique des Illusions, 16 rue du Ruisseau, F-93100 Montreuil, Tel : +33(0)1 48 59 60 01, http://www.atelier-reflexe.org/, http://www.bourgoin.name/. (JR)
Kunstaktion von Schulen
Zehn Kölner Schulen beteiligten sich an einer „Umwelt-Kunstaktion", den „Vater Rhein" und „seine Tierwelt rund um den Lebensraum Wasser" zu erforschen. Dazu trafen sich die beteiligten Schüler zu künstlerischen und naturwissenschaftlichen Workshops auf dem Bootshaus der örtlichen Universität, die dort Wasserproben untersucht, im Naturschutzgebiet einer Rheinaue und auf der ökologischen Rheinstation. Einer der Workshops fand auch in der „Villa Öki" statt, die eine Auszeichnung im Rahmen des Wettbewerbs „Deutschland Land der Ideen" erhielt. Die Workshop-Ergebnisse in Form künstlerischer Objekte, Bilder, Fotografien und Installationen werden vom 2. bis zum 30. September im Großklärwerk Köln-Stammheim ausgestellt. (JR)
Städtereisen
Wolf Vostell lud sein Publikum in den sechziger Jahren zu „Cityrama"-Besichtigungen ein und führte sie zu Kölner Trümmergrundstücken mit den Resten von Kriegsruinen. Auch Happening-Kollege HA Schult unternahm mehrfach mit seinen Anhängern Bustouren zu seinen künstlerischen Aktionsorten und fungierte dabei als wortgewaltiger Reiseleiter. In dieser Tradition eines alternativen Kunsttourismus steht das „Büro für Städtereisen" des Kölner Künstlers Boris Sieverts. Seit 1997 führt er interessierte Gruppen durch urbane Zonen abseits der touristischen Trampelpfade und der Ausflugsgastronomie.
Stattdessen besichtigen die Sieverts-Kunden Baggerseen, Manöverplätze und Asylantenheime. Auch seine derzeitige Ausstellung im Kölnischen Kunstverein (bis 30. September 2007) begleitet er mit solch einem Besichtigungsprogramm. Im Angebot sind acht Touren, bei denen das nie gebaute Merheimer Autobahnkreuz, der Hauptbahnhof und andere eher unwirtliche Orte frequentiert werden einschließlich Übernachtung in einem kargen Autobahn-Motel. (JR)
Totentanz
Seit dem 14. Jahrhundert kennt die Kunstgeschichte den Topos des Totentanzes: Es sind allegorische Bilder, die die Gewalt des Todes über das Menschenleben visualisieren. Für die damaligen Betrachter war die alltägliche Konfrontation mit dem Tod eine ständig wiederkehrende reale Erfahrung: Die hygienischen Verhältnisse, Hungersnöte, Auszehrung, falsche medizinische Behandlung von Krankheiten durch unstudierte Quacksalber, Epidemien mit Pest, Typhus und Cholera rafften viele vorzeitig dahin. Viele Frauen starben schon im Wochenbett, von zehn Kindern in einer Familie erreichten höchstens zwei die Volljährigkeit. Die Trauformel „Bis dass der Tod euch scheidet" hatte eine andere Bedeutung als heute, denn unter den damaligen Umständen war manch einer schon mit 30 oder 35 Jahren verwitwet.
Der berühmte Lübecker Totentanz in der Marienkirche entstand um 1460 wohl unter dem Eindruck des „schwarzen Todes", d.h. der Pest. Das Werk wurde 1942 im Zweiten Weltkrieg zerstört. Noch vorhandene grafische und malerische Reproduktionen von diesem Totentanz stehen im Mittelpunkt einer Sammlung, die der Kölner Arzt und Ausstellungsmacher Dr. Hartmut Kraft zusammengetragen hat. Er lud 25 zeitgenössische Künstler ein, Exemplare eines Nachdrucks des Lübecker Motivs neu zu bearbeiten.





