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Ausstellungsrezensionen noch laufender Ausstellungen

Band 201, 2010, S. 277

Ralf Hanselle

Roots. Indiens junge Kunst

White Square Gallery, Berlin, 23.1. – 13.3.2010

Wo die Wirtschaft boomt, boomt auch die Kunst. Kalkutta etwa, gestern noch ein Hinterhof auf dem indischen Subkontinents, wird im Zuge des neuen asiatischen Wachstums schon bald sein erstes Museum of Modern Art eröffnen können. Im Mai 2008 unterzeichnete die westbengalische Regierung hierüber einen Vertrag mit dem Schweizer Architektenbüro Herzog & de Meuron. Eröffnung soll demnach bereits in drei Jahren sein. Eben noch, da schien es, als würde in weiten Teilen Indiens das sprichwörtliche Elend bis zum Himmel schreien. Jetzt, mit dem rasanten Aufstieg des 1,2 Milliarden Einwohner zählenden Riesenlandes, sprießen an gleicher Stelle gläserne Architekturen und erlesene Kulturbauten empor. Die […] weiterlesen


Band 201, 2010, S. 281

Rainer Unruh

Beate Gütschow: »I«

Produzentengalerie, Hamburg, 30.1. – 13.3.2010

Man kennt Beate Gütschow als Fotografin seltsam attraktiver Alpträume der Architektur. In ihren Schwarzweißfotografien findet zusammen, was geographisch weit getrennt ist, aber stilistisch zusammengehört. Dutzende von Ansichten verschiedener Städte zerlegt sie am Computer und fügt sie zu Bildern, in denen Betonbauten im urbanen Niemandsland der Vorstädte ihrem Verfall preisgegeben sind. Drei dieser großformatigen Prints sind auch in der Hamburger Produzentengalerie ausgestellt.
Doch im Mittelpunkt stehen die neuen Arbeiten der Fotografin. Sie wirken zunächst wie ein radikaler Bruch. Thema der I-Serie (I für Innenraum oder Interior) sind Dinge, die im Studio abgelichtet wurden. Zog Beate Gütschow für die Stadtlandschaften in die Welt hinaus, […] weiterlesen


Band 201, 2010, S. 355

Ursula Maria Probst

Wir Wohnen

»Zeige mir, wie Du wohnst und ich sage Dir, wer Du bist«

Kunstraum Niederösterreich, Wien, 15.1. – 13.3.2010

Unter welchen ästhetischen Vorzeichen stehen alltägliche Abläufe des Wohnens unabhängig von trendigen Schlagwörtern wie „Interaction Design“, „Creational Design“, „Democratic Design“ oder „Corporate Design“? Als Maxime lässt „Wir wohnen“ bereits im Ausstellungstitel anklingen, dass sich hinter dem Bedürfnis nach individuellem Wohnen nicht bloß Lifestyle, Design, soziale Programmatiken oder ein Wiederaufleben moderner Utopien verbergen, sondern ein intensives Verlangen, eigene Befindlichkeiten, jenseits gesellschaftlicher Normen oder kreativer Imperative auszuleben. Als Kuratorin begibt sich die Künstlerin Ingeborg Strobl auf die Suche nach Gegenentwürfen zur Ästhetik von Hochglanz Architektur oder Design Magazinen, konfrontiert mit Obsessionen, Sicherheitsbedürfnissen, Rückzugsmomenten, Notwendigkeiten und Absurditäten menschlicher Existenz. Ein exakt durchdachtes Display in […] weiterlesen


Band 201, 2010, S. 330

Christian Huther

Eberhard Havekost

»Retina«

Schirn Kunsthalle, Frankfurt/Main, 15.1.-14.3.2010

Das erste Bild zeigt eine Kuss-Szene, das letzte Bild eine bekleidete Frau unter Wasser, aber ohne Kopf. Dazwischen nur verschwommene, unscharfe Gemälde. Kein leichtes Unterfangen für den Betrachter, den Maler zu verstehen, der unstet zwischen Figuration und Abstraktion zu schwanken scheint. Aber dieser erste Eindruck täuscht. Eberhard Havekost, der 1967 in Dresden geborene und seit geraumer Zeit in Berlin lebende Künstler, weiß genau, was er will. Schon lange vor dem Boom um die Leipziger Schule wurde er bekannt mit figürlichen, aber banalen Motiven, die er beim weiteren Bearbeiten auf ihre Grundaussagen reduzierte. Museen von Amsterdam bis Chicago rissen sich darum. Mit […] weiterlesen


Band 201, 2010, S. 309

Ann-Katrin Günzel

Franz West: Autotheater

Museum Ludwig, Köln, 11.12.2009 – 14.03.2010

Der Titel der Retrospektive, die das Kölner Museum Ludwig dem Wiener Künstler Franz West ausrichtet, ist programmatisch und hat in seiner übergeordneten Eigenschaft Aufforderungscharakter: Autotheater. Es geht um das interaktive Kunsterfassen, bei dem der Betrachter zum Akteur wird. West hat in den 70er Jahren, beeinflusst von den Wiener Aktionisten, seinen ersten Ausstellungseröffnungen einen performativen Charakter gegeben und sich mit der Öffnung und Erweiterung des Kunstbegriffs auseinandergesetzt, was in der Folge zu einer Kunst geführt hat, welche den Betrachter als Partizipanten einbezieht. Statt kontemplativ vor dem Kunstwerk zu stehen, ist er aufgefordert, sich aktiv mit den Werken auseinander zu setzen, damit […] weiterlesen


Band 201, 2010, S. 279

Hajo Schiff

Wo ist der Wind, wenn er nicht weht?

»Politische Bildergeschichten von Albrecht Dürer bis Art Spiegelmann«

Kunstverein in Hamburg, 19.12.2009 – 14.3.2010

Mit dem Weltuntergang anfangen und dann langsam an Dramatik zulegen: Frei nach diesem Motto beginnt die Ausstellung im Hamburger Kunstverein mit der christlichen Endzeitvision Dürers von 1496/98. Und um klarzumachen, dies hier sei aber nicht das Kupferstichkabinett eines verstaubten Museums, füllen die 32 graphischen Blätter (übrigens Faksimiles) die Wand in der Form eines großen Hakenkreuzes. So muss der Altmeister das nationale Kreuz tragen und darf kurzschlüssige Analogien lostreten: Kirche und Partei, Nürnberg und die fanatisierten Massen, der falsche Prophet Hitler und der Holocaust.
Apokalypsen gibt es hier gleich mehrfach und auch andere kunsthistorische Größen müssen sich zu neuen Kontexten überformen lassen oder […] weiterlesen


Band 201, 2010, S. 362

Max Glauner

Rolf Iseli

»Zeitschichten. Les strates du temps«

Kunstmuseum Bern, 18.12.2009 – 21.3.2010

Bern, Kunstmuseum, der enge Anbau aus den 1970er Jahren, Kellergeschoß. Oben zeigt man unter dem Titel „Farbe und Licht“ Giovanni Giacometti, den duftig-helle Berge malenden Vater des Bildhauers. Die Treppe hinunter ist in einem Zeitsprung von 100 Jahren die Ausstellung „Zeitschichten“ des Berner Künstlers Rolf Iseli, Jahrgang 1934, zu sehen. Während man oben auf Nummer sicher setzt, ist der breite Erfolg unten nicht unbedingt garantiert. Denn das in Bern monografisch präsentierte Werk Islis zeigt sich nach einem furiosen Auftritt des jungen Künstlers auf der internationalen Bühne mit seinen nachfolgenden Brüchen und Verweigerungen, eigensinnigen Material- und Formfindungen – Erde, Draht, Nägel auf […] weiterlesen


Band 201, 2010, S. 316

Cornelia Gockel

David Lynch: Dark Splendor

»Surreale Bildgeschichten«

Max Ernst Museum, Brühl, 22.11.2009 – 21.3.2010

Es muss irgendwo in einer dieser nichts sagenden Unterführungen passiert sein, die langweilige, von großen Verkehrsstraßen geteilte Stadtviertel miteinander verbinden. Grauer Betonfußboden, ein paar Schaufenster, deren Auslage doch niemand beachtet, und dieses kalte, blaugrüne Licht, das jeden Passanten wie einen drogensüchtigen Junkie erscheinen lässt. Eine Kugel hat den Brustkorb des Mannes zerfetzt und ein riesiges blutendes Loch in sein frisch gebügeltes, weißes Oberhemd gerissen. Mit großen vor Schreck geweiteten Augen starrt uns der Sterbende ungläubig an. Es hätte jedem passieren können. Der Mann auf dem Bild ist ein Nobody mit schlecht sitzendem Sakko, über das nun das Blut spritzt. „This man […] weiterlesen


Band 201, 2010, S. 293

Michael Stoeber

Ich. Zweifellos. 1309 Gesichter

Kunstmuseum Wolfsburg, 21.11.2009 – 28.3.2010

Wer sind wir, wenn wir Ich sagen? Die Frage nach der Identität ist eine eminent moderne. In früheren Zeiten gab es wenig Zweifel hinsichtlich der eigenen Verfassung. Es herrschte eine stolze Selbstgewissheit, die auch die bildliche Repräsentation des Ichs bestimmte. Wie in der hoch fahrenden Darstellung des Grafen Matthias Johann von der Schulenburg-Emden (1661-1745) durch den französischen, als Hofmaler in preußischen Diensten stehenden Rokokokünstler Antoine Pesne (1683-1757). Stolz und entschlossen, elegant und prächtig schaut der ruhmreiche Heerführer und Feldmarschall der Republik Venedig, der berühmte Vorfahre der Schlossherren von Wolfsburg, aus der Höhe seines Gemäldes auf den Betrachter. Mag auch das Abbild […] weiterlesen


Band 201, 2010, S. 259

Ronald Berg

Paul Pfeiffer

»The Saints«

Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin, 10.10.2009 – 28.3.2010

Gesang ertönt im Hamburger Bahnhof. Gesang? Man könnte es auch Raunen, Brüllen und Skandieren nennen. Der Ton klingt vertraut, auch wenn die Quelle beim Eintritt in die für Paul Pfeiffer bestimmten Räume vorerst unsichtbar bleibt. Was sichtbar wird, ist ein Stadion. Das passt zur permanent hörbaren Klangkulisse, die einem Fußballmatch entstammen muss. Das Stadion aber ist nur ein hölzernes, etwas übermannshohes Modell und auch keineswegs vollständig. Es handelt sich nur um das Viertelstück einer Stadionschüssel, dessen Schnittkanten von Glaswänden begrenzt werden. Die rudimentäre Konstruktion, bei der auf der Außenseite nur einige notwendigen Stützen stehen, wandelt sich auf wunderbare Weise, wenn man […] weiterlesen


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