Band 221, 2013, Ausstellungen: Frankfurt/Main, S. 308

Susanne Boecker

Rineke Dijkstra

»The Krazy House«

Museum für Moderne Kunst, Frankfurt, 23.2. – 26.5.2013

Die niederländische Fotografin Rineke Dijkstra (geb. 1959) ist bekannt für ihre intensiven Porträts. 1992 sorgten ihre Fotografien von Jugendlichen am Strand für Furore: sie machten die Künstlerin schlagartig bekannt. Das Bild des jungen Mädchens in grünem Badeanzug – oft mit der „Venus“ von Botticelli verglichen – ist geradezu eine Ikone der zeitgenössischen Fotografie geworden. Diese Aufnahme hängt allerdings nicht in der großen Ausstellung, die das Frankfurter Museum für Moderne Kunst Rineke Dijkstra jetzt eingerichtet hat. Auch ihre bekannten Serien wie die „Stierkämpfer“ oder die Porträts von Frauen nach der Geburt sucht man in den verwinkelten Räumen des Hollein-Baus vergeblich: Die bisher umfassendste Ausstellung der niederländischen Künstlerin in Deutschland setzt den Fokus auf das bewegte Bild und zeigt sämtliche Videoinstallationen, jedoch nur einige fotografische Werkgruppen. Damit setzt sich die Schau von der großen Retrospektive ab, die im vergangenen Jahr im New Yorker Guggenheim Museum zu sehen war.  

Erste Erfahrungen mit dem bewegten Bild machte Dijkstra 1996/97. Damals entstanden ihre beiden Videos „The Buzz Club/Mystery World“ und „Annemiek (I wanna be with you)“. Bereits in diesen beiden Werken fand sie Thema und Form, an die sie erst zehn Jahre später wieder anknüpfen sollte. Für ihre erste Videoarbeit nahm Rineke Dijkstra junge Clubgänger im Liverpooler Buzz Club sowie in der Diskothek Mystery World in Zaandam, Niederlande, auf. Die Künstlerin wählte Clubs und Diskotheken als Orte, in denen Jugendliche „sie selbst“ sein können, in denen sie sich unter ihresgleichen erproben, ihre persönlichen „Looks“ vorführen, ihre (sexuelle) Anziehungskraft austesten, sich im Tanz ausdrücken. Rineke Dijkstra hat die Teenager direkt vor Ort gefilmt - allerdings als isolierte Individuen vor neutral weißem Hintergrund. Nach diesem Schema entstand 2009 auch „The Krazyhouse, (Megan, Simon, Nicky, Philip, Dee)“. Das Ergebnis sind intensive und sehr emotionale Porträts, die den Zustand des „Dazwischen“, der Identitätsfindung zwischen Kind-Sein und Erwachsen-Werden festhalten.  

Wie können einem solche Aufnahmen gelingen? Wohl nur mit viel Empathie, Wärme, Einfühlungsvermögen und großem Respekt. Um Empathie und Einfühlungsvermögen, um das Nachvollziehen des Anderen geht es auch in zwei weiteren, zentralen Werken dieser Schau: In der Dreikanal-Videoarbeit „See a Woman Crying (Weeping Woman)“ und in dem Video „Ruth Drawing Picasso“. Thema der beiden 2009 entstandenen Arbeiten ist die Wahrnehmung und Interpretation von Pablo Picassos berühmtem Gemälde „Weeping Woman“ (1937). In der ersten Arbeit beobachtet Rineke Dijkstra eine Gruppe junger Schüler, die von ihrem Lehrer die Aufgabe bekommen haben, dieses Bild zu beschreiben. Dijkstra zeigt das Gemälde nicht, sondern blickt nur auf die Gesichter der Kinder, die versuchen, zu beschreiben, was sie auf dem Bild sehen. Gilt ihr Interesse anfangs noch formalen Aspekten, wie etwa der Farbigkeit, steigen die Kinder nach und nach immer tiefer in die Materie ein und spekulieren über das Schicksal der Frau auf dem Bild. Es ist wunderbar, ihren Interpretationen zu folgen, ihre offene und unverbildete Zwiesprache mit der Kunst zu erleben, in die immer auch ganz viel Eigenes mit einfließt. Auch die Schülerin, die Rineke Dijkstra in dem zweiten Video porträtiert, hat sich ganz auf Picassos Gemälde eingelassen: Sie sitzt auf dem Fußboden und ist hochkonzentriert mit einer Nachzeichnung des Kunstwerks beschäftigt.  

Wer sich selber ein Bild von Picassos „Crying Woman“ machen möchte, kann dies im zentralen Erdgeschossraum des MMK tun. Hier hängt die Leihgabe aus London als „ältestes je im Haus gezeigtes“ Werk an der Wand und bildet mit Dijkstras Foto „Amy, The Krazyhouse“ und Tobias Rehberges „Most Beautiful“ (1999, aus eigenem Bestand) den Auftakt zur Ausstellung, die nämlich nicht nur der niederländischen Künstlerin gewidmet ist, sondern auch der eigenen Sammlung. In geschicktem Schachzug hatte man das Haus leer geräumt und es Rineke Dijkstra überlassen, eine Auswahl aus den Beständen des Museums treffen und diese gemeinsam mit ihren Videoarbeiten und Fotografien zu inszenieren. Herausgekommen ist eine sehr luftige Präsentation, in die sich die Black Boxes der großen Videoinstallationen locker einfügen. Doch ob Andy Warhol oder Jeff Wall, Jason Evans oder Douglas Gordon, Sigmar Polke oder Andreas Slominski: Man sollte nicht der (naheliegenden) Versuchung erliegen, bei den ausgewählten Arbeiten nach einem Bezug zu Dijkstras eigenen Werken zu suchen. Vordergründig stimmig ist allein der Raum mit ihrer Porträtserie „Almerisa“ (1994-2008): vor den elf Sitzporträts liegen Reiner Ruthenbecks „Umgekippte Möbel“ (1971/93). Anders als der Ausstellungstitel nahelegt, hat Rineke Dijkstra das MMK nicht auf den Kopf gestellt. Neben einer frischen Auswahl aus der Sammlung präsentiert sie uns ihre großartigen Videoarbeiten. Nur schade, dass da nicht auch noch Platz für weitere Fotografien blieb.  

Autor
Susanne Boecker

* 1961, Wuppertal, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Rineke Dijkstra

* 1959, Sittard, Niederlande

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