Band 238, 2016, Ausstellungen: Salzburg, S. 310

Heinz Schütz

Carolee Schneemann

»Kinetische Malerei«

Museum der Moderne Salzburg, 21.11.2015 – 28.2.2016

In ihrem 1965 veröffentlichten Aufsatz über Happenings versteht Susan Sonntag die damals noch junge, avantgardistische Kunstform als Protest gegen „die museale Vorstellung von der Kunst“ und gegen die künstlerische Aufgabe, „Dinge zu machen, die gehegt und gepflegt werden“. „Man kann“, so schreibt sie, „ein Happening nicht aufbewahren und man kann es nicht mehr hegen als einen Feuerwerkskörper, der einem gefährlich dicht vor der Nase explodiert.“ Lange Zeit wurden Happenings im musealen Rahmen ignoriert. Mit dem gesteigerten Interesse an performativer Kunst ist die Erinnerung an sie, als Würdigung und Zähmung gleichermaßen, im Museum angekommen. Schon lange zuvor wurden die Aktivitäten Carolee Schneemanns in der Kunstgeschichtsschreibung zu Ikonen der performativen Kunst. Die Rezeption richtete sich dabei insbesondere auf „Eye Body: 36 Transformative Actions for Camera“ (1963), „Meat Joy“ (1964) und „Up to and Including Her Limits“ (1973-1976). Mit wachsendem Abstand zu den Aktionen wuchs das Interesse an Schneemann und die Zahl von Ehrungen, Ausstellungen und akademischen Beschäftigungen. Die bisher umfassendste Retrospektive zeigt nun das Salzburger Museum der Moderne, dessen Direktorin Sabine Breitwieser einen Schwerpunkt auf feministische und performative Kunst – in letzter Zeit insbesondere us-amerikanischer Provenienz – legt.  

Wenn Schneemann bisher vor allem mit performativer Kunst in Verbindung gebracht wurde, präsentiert die Ausstellung nun neben Happeningdokumenten, Filmen, Environments und Konzeptuellem ausführlich frühe Malereien und steht als Ganzes unter dem Titel „Kinetische Malerei“. Dies mag umso erstaunlicher sein, da die Künstlerin schon seit Anfang der Sechzigerjahre nicht mehr, im Sinne der klassischen Minimaldefinition, Farbe mit Pinseln auf Leinwand aufträgt. Und doch stellt sie anlässlich einer Präsentation von „Up to and Including Her Limits“ im MoMA vor vier Jahren fest: „Ich bin eine Malerin. Ich habe mich selbst nie als (in Anführungszeichen) Performance-Künstlerin betrachtet“. Im selben Atemzug weist sie daraufhin, dass die von ihr betriebene Ausdehnung des Bildes mit seinen Materialien hinein in Zeit und Raum vom Happening herkommt, wie es von Claes Oldenburg, Jim Dine und Robert Whitman praktiziert wurde – interessanterweise lässt sie den Happeningpionier Allan Kaprow unerwähnt. Schneemanns frühe Malerei kann vor der Folie von de Kooning, Pollock und später auch Rauschenberg betrachtet werden. Insbesondere ihre Landschaftsbilder zeichnet eine rhythmische Dynamik aus, die das Gegenständliche absorbiert und in ein energetisch-vitales Flirren mündet. Besonders hervorzuheben ist die Objekt-Installation „Colorado House“. Sie entstand aus den Teilen zerstörter Bilder. Frei von ihren ursprünglichen Bildfunktionen sprechen die Materialien nun für sich und entwickeln ein Eigenleben, das mit aufgepflanzter Flagge Selbstbehauptung signalisiert. Die Zerstörung als konstruktiver Faktor kommt auch in den zur selben Zeit produzierten Materialkästen zum Tragen. Das von Schneemann gelegte Feuer wird zum Koproduzenten.  

Bereits 1962 erarbeitet Schneemann für das Living Theatre einen Happeningabend, an dem sie als Lichtgeberin mitwirkt. Der Einsatz ihres Körpers als malerisches Material wird besonders deutlich in der Fotoserie „Eye Body: 36 Transformative Actions for Camera“. In verschiedenen Positionen, den nackten Körper partiell bemalt, verwandelt sie sich hier in einen Teil ihrer Malerei-Collage-Installation „Four Cutting Boards“. Dieses Ins-Bild-Treten und Ins-Spiel-Bringen des eigenen Körpers lässt sich ästhetisch, aber durchaus auch politisch begründen. Im Katalog wird berichtet, wie Schneemann zur Zeit ihres Studiums am Bard College in Annsdale-on-Huston aufgrund eines Selbstporträts als Akt von der Schule verwiesen wird. Die selbstbestimmte, weibliche Selbstdarstellung wird hier noch als obszön denunziert und verboten, während der nackte Frauenkörper, der sich als Aktmodell dem männlichen Künstlerblick aussetzt, gefeiert wird. Der Einsatz des eigenen Körpers und dem Anderer setzt sich in einer ganzen Reihe von Happenings/Performances fort, wobei Schneemanns Choreografien improvisatorische Spielräume eröffnen. Mit Handlungen, deren Sinn sich der rationalen Auflösung gezielt entzieht, werden die Körper verdinglicht und in einem materialen Exzess als Fleisch mit sexueller Aufladung zelebriert. Dabei entstehen interaktive Felder aus körperlichen Berührungen und einfachen Handlung und Gesten. Nicht zuletzt aufgrund von Schneemanns Auftritten im Judson Dance Theatre, läge ein Vergleich mit den Choreografien banaler Handlungen von Anna Halprin, Simone Forte und Yvonne Rainer nahe.  

Die Konzentration auf die performativen Auftritte verstellte längere Zeit den Blick auf die radikalen, experimentellen Filme Schneemanns. Sie werden einzeln, in Doppelprojektionen oder in Installationen, aber auch als Teil von Happenings präsentiert. „Fuses“, dessen Filmmaterial physisch heftig bearbeitet wurde, liefert Aufnahmen von ihr und ihrem Partner im Sexualakt mit sich wiederholenden Blicken auf Schneemanns Katze. Ihr wird in der Doppelprojektion „Kitch´s Last Meal“ ein filmisches Denkmal gesetzt. Mit Filmen betreibt Schneemann Bildpolitik und wendet sich in den Sechszigerjahren in kritischer Absicht dem Vietnamkrieg und später dem Krieg im Libanon zu. Bis heute setzt sie sich in großen Installationen mit der herrschenden Gewalt auseinander.  

Außerhalb des Salzburger Ausstellungsrahmens wurden immer wieder Reenactmens von Schneemanns Performances betrieben. Betrachtet man etwa Ragnar Kjartanssons „Meat Joy“, das 2013 in der Tate Modern statt fand – in Rokoko-Kostümen wurde der langsame Verzehr eines Steaks vorgeführt – wird die radikale und einst äußerst provokante Entfesselung der Körper in Schneemanns Performances deutlich. Von heute aus betrachtet erscheinen sie wie ein letztes Aufbegehren der Körper vor ihrem Verschwinden im digitalen Raum.  

Infos zu Carolee Schneemann (* 1939, Fox Chase) unter www.kunstforum.de: 22 Artikel, 1 Mono., 3 Gespr., 6 Ausst.rez., 13 Abb.  

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Autor
Wichtige Personen in diesem Artikel
Sabine Breitwieser

* 1962, Wels, Österreich

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Carolee Schneemann

* 1939, Fox Chase, Verein. Staaten

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Weitere Personen
Jim Dine

* 1935, Cincinnati, Verein. Staaten

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Simone Forte

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Anna Halprin

* 1920, Verein. Staaten

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Allan Kaprow

* 1927, Atlantic City, Verein. Staaten; † 2006 in San Diego, Verein. Staaten

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Ragnar Kjartansson

* 1976, Reykjavík, Island

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Claes Oldenburg

* 1929, Stockholm, Schweden

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Yvonne Rainer

* 1934, San Francisco, Verein. Staaten

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Robert Whitman

* 1935, New York, Verein. Staaten

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