Band 245, 2017, Titel: Kunst lernen?, S. 44

Kunst lernen?

Akademien und Kunsthochschulen heute

herausgegeben von Stephanie Dieckvoss und Tanja Klemm

Wie bilden Kunstakademien heute aus? Während Hochschulgremien weltweit Curricula entwerfen, Abschlüsse internationalen Standards anpassen und Promotionsstudiengänge für Künstler einführen, tauchen Studenten auf der ganzen Welt in das Experiment eines Kunststudiums ein. Der vorliegende Themenband spürt Ausbildungsorten weltweit nach, von Südostasien über Afrika, den Nahen Osten, Europa, Lateinamerika und den U.S.A, an denen gedacht, gemacht und geforscht wird. Besonderen Raum in den Berichten und ergänzenden Gesprächen mit Studenten, Dozenten, Alumni, Künstlern und Museumskuratoren nahmen die zentralen Fragen nach dem Verhältnis zwischen handwerklichem Tun und theoretischer Reflexion sowie zwischen Können und Wissen in den unterschiedlichen Lehrmodellen ein – mit der Absicht, ein möglichst breites Spektrum zu eröffnen, das Affinitäten und Differenzen zwischen den unterschiedlichen Kulturen im Umgang mit Techniken und Handwerk greifbar macht. Dabei soll herausgestellt werden, welche Bedeutung Akademien und Kunsthochschulen der Ausbildung von Materialfertigkeiten in der Lehre heute zuschreiben.  

Als älteste Akademie des Bandes zeugt die Accademia di Belle Arti in Rom von ihrer Relevanz für das 21. Jahrhundert und bleibt zugleich der italienischen Akademietradition treu. „Arbeit am Genius Loci“ nimmt die Ortsbezogenheit der Akademie zum Ausgangspunkt – einer Akademie, die im Zeitalter globaler Studentenflüsse Materialwissen und zeichnerische Praxis nicht aus den Augen verliert und die avancierte künstlerische Forschung in ihrer experimentellen Papierwerkstatt verfolgt. Eine weitere hier vorgestellte Akademie im traditionellen Sinn ist die Kunstakademie Düsseldorf. Sie steht für ein Modell, das jenseits europäischer Vereinheitlichungen ein nach wie vor sehr freies Kunststudium ermöglicht. Aus der Sicht der künstlerischen Werkstätten spürt der Artikel „Künstlerakademie“ der Bedeutung von Materialfertigkeiten in Düsseldorf nach. Die Beobachtung außerhalb Europas gelegener Kunsthochschulen beginnt in Singapur mit dem LASALLE College of the Arts. Der Beitrag „Ausbildung für die Zukunft“ beleuchtet die Zukunftsorientiertheit der Ausbildung der dortigen Kulturschaffenden. Hoher technischer Standard und ultramoderne Räumlichkeiten schließen allerdings den Blick auf lokale Kunstgeschichten nicht aus. Um ganz andere Formen der Verortung handelt es sich im kolumbianischen Medellín. Hier entwickelt sich jüngst ein „kreatives Ökosystem“, das ästhetische und gesellschaftspolitische Praktiken und Diskurse miteinander verzahnt. Das Departamento de Artes Visuales, Universidad de Antioquia, ist Teil dieser Entwicklung und setzt neuerdings auch auf die Ausbildung regionaler, vorkolonialer Fertigkeiten. „Potentiale des Lokalen“ geht diesen Tendenzen nach. Der Text zum College of Art and Built Environment der Kwame Nkrumah University of Science and Technology in Kumasi, Ghana, spürt den Nachwirkungen britischer Kolonialherrschaft ebenso wie dem Stolz auf indigene Traditionen nach. Diese machen sich nicht nur in der freien Kunst in Motiven und Themenwahl bemerkbar, sondern vor allem auch in der Bewahrung und Weiterentwicklung lokaler Handwerkstraditionen. „Handwerklichkeit als Existenzstrategie“ befragt die Synthese zwischen Theorie und Material. Auch an der Bezalel Academy of Arts and Design in Jerusalem beziehen sich Kunst und Handwerk aufeinander, und dies seit ihrer Gründung 1906. „Synergien zwischen Kunst und Handwerk“ konzentriert sich auf die Studiengänge Freie Kunst und Keramik und Glas, in denen konzeptuelle und materialbasierte Zugänge eine gemeinsame künstlerische Haltung bilden. Am Ende des Heftes stehen zwei Kunsthochschulen, die sich beide auf ihre Weise am globalen Diskurs über Kunsterziehung beteiligen. Central Saint Martins in London positioniert sich als globale Brand und betont in seiner Ausbildung die Idee, das Konzept und den individuellen Studenten. Hier hat sich die neoliberale Kunsterziehung wohl von allen Hochschulen am intensivsten manifestiert. Der Artikel „Die Pädagogik der Idee“ wirft ein Auge auf die Kunsterziehung im Königreich. Die Rhode Island School of Design in Providence ist eine der ältesten und renommiertesten Kunsthochschulen in den USA. Die private Hochschule hat sich unter einer neuen Leitung re-positioniert: in den Mittelpunkt ihrer Ethik, angewandt auf alle Fachbereiche, stellt sie das „Critical Making“. Die Hochschule besticht vor allem durch ihren fokussierten Ansatz, bei dem technisches Können und theoretische Reflektion Hand in Hand gehen.  

Lesen Sie diesen und alle weiteren Artikel der Ausgabe sowie alle Inhalte der bisher 245 erschienen Bände im KUNSTFORUM Probe-Abo. Mehr erfahren

Wenn Sie bereits Abonnent sind, loggen Sie sich hier ein: Anmelden

Autor
Stephanie Dieckvoss

weitere Artikel von ...

Weitere Personen