Band 247, 2017, Titel: Länderbeiträge Giardini, S. 230

Deutschland

Anne Imhof

FAUST
Komissar: ifa (Institut für Auslandsbeziehungen)
Kuratorin: Susanne Pfeffer  

„Faust“ wider dem Strich

Erst Gregor Schneider (2001), dann Christoph Schlingensief (2011), schließlich Tino Seghal (2013) und jetzt Anne Imhof. Sie alle wurden in jüngster Zeit für ihre Inszenierungen mit dem Goldenen Löwen für den besten Nationalpavillon ausgezeichnet. Nach der Bekanntgabe wurden die Warteschlangen vor dem weißen Haus, dessen Boden Hans Haacke im Jahre 1993 als Widerstandgeste gegen die faschistische Architektur zertrümmert hatte, länger und länger. Es bedurfte großer Geduld, um schließlich einen Einblick in das performative Geschehen im Innern zu bekommen. Zwar konnte man auch von außen durch ein Fenster lugen. Doch das unmittelbare Erlebnis, dessen Wirkung man sich nicht entziehen kann, lässt sich auf diese Weise nur annährungsweise erahnen. Man bleibt außen vor wie einer, dem ein Blick durch ein Schlüsselloch gewährt wird.  

Die Innenarchitektur mit eingezogen Glasboden, der beim Gehen und Stehen und Schauen das Gefühl vermittelt, über einem Grund zu schweben, ist nicht wieder zu erkennen. Hatte Gregor Schneider mit seinem von Remscheid nach Venedig verschifften „Totes Haus u r“ eine stickige, geradezu miefige Atmosphäre modelliert, wechselt Imhof ins andere Extrem. Sie adelt die großzügige Weite der Räume mit designmäßiger Noblesse. Mit einem Begriff wie Luftigkeit lässt sich die Empfindung beim Durchschreiten am einfachsten beschreiben. Nicht alle Räume sind für das Publikum offen. Einige sind mit Fensterwänden abgetrennt. Der eigentliche Haupteingang mit dem Vorraum, der mit Glaswänden zu einem weiträumigen Hundezwinger oder Schaufenster umgestaltet wurde, erfährt eine Um-Funktionalisierung, denn die Besucher betreten den Bauch des Pavillons durch einen Nebeneingang. Dort findet die Performance statt, die sich als Inbesitznahme oder Raumbesetzung versteht. Statt auf einer Bühne findet sie mitten unter uns statt. Doch nicht nur direkt neben, sondern auch über und unter uns. Beinah so, als vermischten sich Akteure und Besucher so, dass es schwerfallen könnte, beide Gruppierungen, hier die Akteure, dort die Zuschauer, auseinanderzuhalten. Doch während die Bewegungen der Performer bis zum Stillstand verlangsamt sind, bildet auf der anderen Seite das Geschiebe und Gedränge der mit ihren Handys herumfuchtelnden Menge, die zu Schaulustigen oder Voyeuren von Szenen verdammt sind, ein unerträgliches Sehhandicap. Dabei handelt es sich um keine dramatischen, sondern, wenn nicht gerade gesungen wird, um stille Szenen. Manchmal könnte man annehmen, Gilbert & Georges mit ihrer Idee der „Living Sculpture“ wäre dabei ein Vorbild.  

Minutenlang, bewegungslos wie eine Skulptur, hockt ein Darsteller in Jogginghose mit Baseballkappe auf einer in der Wand befestigten Glassitzfläche. Oben auf der Balustrade steht ein anderer Darsteller, der irgendwann sein kurzärmeliges Shirt ein Stück weit hochzieht, so dass ein kleiner Ausschnitt seines Oberkörpers freigelegt ist. Wie ein Modell, das sich nicht von der Stelle rührt, während ihm gegenüber eine Frau hockt. Ein Blonder haucht eine Glasscheibe an. Immer wieder durchlaufen Performer wie von allem abwesende Modelle aus der Moderbranche den Raum. Einige strecken die Arme aus. Durch die Schönheit Ihrer Langsamkeit und die Gleichgültigkeit gegenüber der Hektik um sie herum erscheinen sie wie aus der Zeit gefallene Wesen aus einer anderen Welt. Alle in Schwarz. Zu einer jungen Frau in einem Wasserbassin gesellt sich ein junger Mann, der sie bedrängt. Danach umarmt die Frau den Mann von hinten. Er zieht ihren Kopf nach vorne und drückt ihn unter Wasser. Eine Frau mit Brille in Jeans rennt mit nacktem Oberkörper hinter einer Glasscheibe auf und ab. Ein Mann steht angelehnt an der Wand in der Ecke, während eine Frau in kurzer weißer Hose mit einer Hand dessen Kopf gegen die Wand drückt. Dabei wirkt sie apathisch oder wie eine Schlafwandlerin, nicht ganz bei sich, während der Junge mit Baseballkappe dabei zuschaut, als bekümmerte dies ihn gar nicht. Das wirkt zu einem Teil wie eine Neo-Form des Tanztheaters post Pina Bausch. Es handelt von Gewalt und Stillstand, von Versuchen verfehlter Annährungen, von Menschen, deren Bewegungen zu Skulpturen erstarren, von Kritik an der rasanten Geschwindigkeit, die uns nicht nur blind macht, sondern auch entfremdet. Von so vielem, dessen man sich erst im Nachhinein bewusst wird.  

Lesen Sie diesen und alle weiteren Artikel der Ausgabe sowie alle Inhalte der bisher 247 erschienen Bände im KUNSTFORUM Probe-Abo. Mehr erfahren

Wenn Sie bereits Abonnent sind, loggen Sie sich hier ein: Anmelden

Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

weitere Artikel von ...

Wichtige Personen in diesem Artikel
Anne Imhof

* 1978, Gießen, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Susanne Pfeffer

* 1973, Hagen, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Biennalen
Biennale di Venezia

I – Italien

weitere Artikel zu ...