Band 247, 2017, Titel: 57. Biennale Venedig: Gespräche, S. 238

Susanne Pfeffer

Raumbesetzung und Körpermanipulation
von Heinz-Norbert Jocks

Heinz-Norbert Jocks: Warum hast du dich für Anne Imhof entschieden? Welche Überlegungen gingen der Wahl voraus?  

Susanne Pfeffer: Ich habe mir für die Recherche und die Entscheidung viel Zeit genommen und mich darauf intensiv konzentriert. Mir lag daran, einen Horizont des Gegenwärtigen zu entwickeln. In einer von Transformationsprozessen und Brüchen extrem geprägten Zeit ist die Kunst unverzichtbar, weil sie darüber reflektieren und dabei helfen kann, sich dieser Veränderungen bewusst zu werden. Und Anne Imhof ist eine Künstlerin, die mit einem so gegenwärtigen wie klaren Realismus auf die Gesellschaft, das Individuum und den Körper blickt.  

Welche ihrer Arbeiten haben dich so überzeugt, dass du dich ganz auf sie konzentriert hast?  

Die erste Arbeit, die ich von ihr sah, war 2012 im MMK Frankfurt im Rahmen der damaligen Absolventenausstellung der Städelschule. Von da an habe ich ihre Arbeit verfolgt. Die Entscheidung fiel Anfang letzten Jahres. Mir war wichtig, dass Imhof genug Zeit hatte, sich auf die Konzeption der Arbeit zu konzentrieren.  

Könntest du über einige Arbeiten detaillierter reden, ebenso darüber, was an diesen besonders bemerkenswert ist?  

Die Konstellation von Individuum und Gruppe beispielsweise. Um diese kreist, finde ich, thematisch eine von Anne Imhofs ersten Performances „School of the Seven Bells“ (2012). Diese, mit Gesang eingeleitet und mit 14 Freunden verwirklicht, ist wie ein Spiel angelegt. Als Betrachter möchte man die Regeln nachvollziehen, was aber nicht gelingt, denn ihre Stücke ändern sich fortlaufend, von Aufführung zu Aufführung. Es reicht ein Blick auf die politische Landschaft, um zu realisieren, wie schnell sich sowohl diese als auch die Sprache im Journalismus ändert, sobald sich die Parameter verschieben. Die Anbindung an gesellschaftliche Realität ist ein Aspekt, den Imhof seit jeher mitbedenkt. Indem sie mit einer Gruppe von Menschen arbeitet, thematisiert Imhof auch die Komplexität der Wahrnehmung. Sie spricht in diesem Kontext davon, dass sie ein Bild schafft, das räumlich und zeitlich nicht begrenzt ist. Für mich ist diese Äußerung eine schöne Metapher dafür, dass es am besten ist, über eine Gesellschaft zu reflektieren, wenn man das Bild so groß wie möglich macht.  

Wo siehst du die Verbindung zwischen den früheren und der neuen, für Venedig entwickelten Arbeit?  

Auf jeden Fall in der starken, mit den Jahren entwickelten Ikonographie. Ihre Arbeiten spiegeln indirekt wider, dass sich die Zeiten geändert haben. Die Form, wie sie arbeitet, ist die gleiche geblieben, aber die Komplexität hat zugenommen, und zwar nicht nur im Denken, sondern auch in der Ausführung. Es gibt noch eine stärkere Konzentration und Erfahrung.  

Lesen Sie diesen und alle weiteren Artikel der Ausgabe sowie alle Inhalte der bisher 247 erschienen Bände im KUNSTFORUM Probe-Abo. Mehr erfahren

Wenn Sie bereits Abonnent sind, loggen Sie sich hier ein: Anmelden

Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

weitere Artikel von ...

Wichtige Personen in diesem Artikel
Susanne Pfeffer

* 1973, Hagen, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Anne Imhof

* 1978, Gießen, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Biennalen
Biennale di Venezia

I – Italien

weitere Artikel zu ...