Band 236, 2015, Ausstellungen: Humlebaek, S. 311

Ursula Maria Probst

Afrika

»Architektur, Kultur, Identität«

Louisiana, Museum of Modern Art, Humlebaek, 25.6. – 25.10.2015

Die Ausstellung „Afrika“ bildet das dritte Kapitel einer geopolitisch engagierten Trilogie von Ausstellungen im Louisiana, Museum of Art, die sich mit dringlichen Themen zur Architektur, Kultur und Identität in Afrika durch eine künstlerische, kuratorische Herangehensweise auseinandersetzt. Der erste Teil der Trilogie befasste sich 2012 mit nordischer Architektur, Teil 2 galt 2014 der kulturellen Einflusssphäre zwischen der arabischen Halbinsel und dem Maghreb in Nordafrika.  

Nicht Afrika als Krisenherd (Ebola, Aids, Armut, Hunger, Konflikte, Militärdiktaturen) bildet nun den Ausgangspunkt, sondern jene kreativen Impulse, die derzeit von afrikanischen KünstlerInnen und ArchitektInnen und internationalen Kooperationen ausgehen. Gleichzeitig wirft das laborartig gestaltete Display, das teils wie ein Forschungszentrum für soziopolitische und urbankulturelle Entwicklungen in Afrika wirkt, die Frage nach neuen Ausstellungsformaten auf. Die architektonischen Eingriffe stehen exemplarisch für Modelle temporärer Architekturen, die nach Lösungen für die derzeitigen Bedürfnisse suchen. Die mit Installationen, Kartografien Afrikas, Dokumentationsmaterialien, künstlerischen Fotografien, Gemälden, Filmen und Videos gestaltete Ausstellung verlangt nach einer intensiven Auseinandersetzung. Die in die sieben Unterkapitel „Belonging“, Coexistence, Growing cities, Making space, Rebuilding, New communities, Building futures gegliederte Schau lässt in eine komplexe Annäherung an Afrika eintauchen, die mit dem eigenen Informationsdefizit konfrontiert und zu einer Flut von Entdeckungen, aber auch Aha-Erlebnissen führt.  

Gegenüber der virulenten über drei Etagen und in den Außenraum verlaufende Ausstellung bildet das direkt am dänischen Meer gelegene Louisiana Museum einen Ruhepol. In Anspielung auf jene Zäune, die im ländliche Bereich der Sub-Sahara-Afrika errichtet werden, um die Grenzen von Siedlungen und Dörfern zu markieren, wurde vor Ort die Installation „Louisiana Spine“ (2015) von Mieke Droomer und Andre Christensen zwischen dem bereits vorhandenen Skulpturenpark errichtet. Die Koexistenz von verschiedenen Systemen als Charakteristikum der afrikanischen Lebenswirklichkeit, die Frage der Zugehörigkeit bildet einen zentralen Aspekt der Ausstellung, ebenso wie der interkulturelle Austausch. Eine Klammer bilden dabei Phänomene der globalen Pop-Kultur, die in ganz Afrika anzutreffen ist. Was es bedeutet, als Homosexueller im islamischen afrikanischen Staat Somalia zu leben und mit welchen Taboos er dabei konfrontiert ist, thematisiert Diriye Osman in seiner Fotoserie „To be young, gay and african“ (2014). Ein beeindruckendes tableau vivant schafft David Claerbout in seinem Video „Oil workers (from Shell company of Nigeria) returning home from work, caught in torrential rain“ (2013) und übt dabei Kritik am postkolonialistischen Imperialismus globaler Konzerne. Inspiriert von historischen Ereignissen erzählt der Film „Afronauts“ (2014) von Frances Bodomo die Story des Wettlaufs zwischen den Nationen in den 1960er Jahren, als es darum ging in den Weltraum vorzudringen und wie davon Afrika ausgegrenzt blieb. Gezeigt wird auch ein Dokumentarvideo des von Christoph Schlingensief initiierten Projekts „Operndorf“.  

Eingehend befasst sich die Schau mit dem rasanten Wachstum der Bevölkerung in den afrikanischen Städten Kinshasa (DR Kongo), Lagos (Nigeria) oder Johannesburg (Südafrika). Besonderes Augenmerk wird in der Ausstellung auch darauf gelegt, wie durch die Vernetzung von NGOs zunehmend innovative soziale Projekte entstehen. Das nigerianische Büro NLÉ konzipierte und realisierte 2012 die „Makoko Floating School“ in der Lagune der Hauptstadt Lagos, die heute als gelungenes Modell für Architektur auf dem Wasser gilt. Der südafrikanische Fotograf Mikhael Subotky und der Brite Patrick Waterhouse produzierten eine Serie von Ponte City, der Skyline von Johannisburg, die zunächst für die weiße Bevölkerung gebaut und schließlich von jenen besiedelt wurde, die nachdem sie die Townships zurückließen, zu den ökonomischen Newcomer-Gruppen zählen.  

Beeindruckend ist, wie in den afrikanischen Ländern verschiedene Ausrichtungen im Aufgreifen von Utopien existieren, die von europäisch-amerikanisch angehauchten Gigantomanien bis zu chinesischen Plagiaten reichen. Zwar ist bekannt, dass immer mehr chinesische Investoren in afrikanischen Städten ganze Stadtviertel hochziehen. Kurios mutet dennoch an, dass dies im chinesischen Baustil passiert, wie Lard Buurman in seiner zwischen 2009 bis 2013 entstandenen Fotoserie „Africa Junction“ aufzeigt. Das Einbeziehen von verschiedensten Formen der Koexistenz visualisiert die Ausstellung anhand einer Reihe von Beispielen räumlicher Topologien, die durch die Anforderungen des alltäglichen Lebens quer durch die ländlichen Gebiete der Sub-Sahara verlaufen und sich ihren natürlichen Umgebungen anpassen. Wie moderne Architektur und daran gekoppelte künstlerische Ideen sich dieses durch Generationen gewachsene Wissen aneignen und gleichzeitig in ihren global ausgerichteten Kreativzentren lokale Identität einbeziehen, ist ebenfalls Thema. In die Ausstellung integriert ist die Installation „Louisiana Canopy“ (2015), ein von Kéré Architecture konstruierter Baumkronendachraum, der Bauweisen von Burkina Faso aufgreift und eine Sitzlandschaft zum gemeinschaftlichen Zusammentreffen gestaltet. Gleichzeitig orientiert sich deren Ausführung an dem Grundriss von typischen Siedlungen Burkina Fasos.  

Die Frage des Wiederaufbaus ist in dem durch Bürgerkriege und Genozide traumatisierten Afrika eine dringliche. Wie ein friedlicher, sozialer Wandel forciert werden kann, thematisiert das „Ruanda Archiv“, das als Installation im Louisiana Museum die historischen Entwicklungslinien als einstige Kolonie Deutsch-Ostafrika bis zur Unabhängigkeit und den augenblicklichen Zustand von Ruanda nachzeichnet. Multifunktionale Räume, wie sie in der afrikanischen Tradition durch Marktplätze vorhanden sind, wirken anregend in der Strukturierung von Räumen wie sie den Anspruch gegenwärtigen Gemeinschaften entsprechen. Architektonische Phantasien und Visionen futuristischer Architekturen finden sich in den Installationen des kongelesischen Künstlers Bodys Isek Kingelez. Der nigerianische Künstler J. D. ’Okhai Ojeikere schuf mit seinen „Eintages-Skulpturen (1974-2004) ins Haar geflochtene Architekturen durch welche für ihn die optimistischen Erzählungen eines in den 1960-Jahren aufstrebenden Landes nachhallen. Wie einer der Kuratoren der Ausstellung Mathias Ussing Seeberg treffend bemerkte, ist Afrika zwar der zweitgrößte Kontinent auf dieser Welt, dennoch wissen wir nach wie vor erstaunlich wenig über die gegenwärtige Kultur in Afrika südlich der Sahara Wüste. Es existiert Nachholbedarf! Der durch die Ausstellung „Afrika“ eröffnete Zugang bietet dazu einen gelungenen Einstieg.  

Autor
Ursula Maria Probst

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Weitere Personen
Lard Buurman

* 1969 , Zeist, Niederlande

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David Claerbout

* 1969, Kortrijk, Belgien

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Bodys Isek Kingelez

* 1948, Kimbembele Ihunga, Kongo

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Christoph Schlingensief

* 1960, Oberhausen, Deutschland; † 2010 in Berlin, Deutschland

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Mikhael Subotzky

* 1981 , Südafrika

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Patrick Waterhouse

* 1981 , Bath, Grossbritanien

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