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Titel: Performance und Performance Art · S. 118 - 131
Titel: Performance und Performance Art , 1988

6. Die 60er Jahre

Historische Kategoriesierungen sind immer schwierig vorzunehmen, bei der PerformanceArt ist es nicht anders. Vorgänger kann man aus vergangenen Zeiten zitieren, auch die PerformanceArt als „live art“ mit den Futuristen ansetzen. Doch mir scheint, daß sich die Performance erst zusammen mit dem globalen Siegeszug der Medien, speziell des TV, richtig ausbilden und etablieren konnte. Die Rocksänger der ersten Stunde Chuck Berry, Elvis Presley u. a. waren die ersten richtigen Performer, sie brachten die Massen auf Touren. Ihre Songs sind in der Mitte der 50er Jahre Zeugnisse einer qualitativen Massenkommunikation, gleichfalls spätere der Beatles, Janis Joplins oder Laurie Andersons. Masse hieß jetzt auch Urbanismus. Und um den kümmerten sich die ersten Theoretiker der Performance (wie man sie heute bezeichnen muß), die Situationistischen Internationalen. Sie sondieren, um was es jetzt geht und definieren mit der Situation, dem Spiel, dem Unitären Urbanismus, einer Theorie des Moments und des Umherschweifens alle wichtigen Elemente der PerformanceArt, wie sie sich etwa zur selben Zeit in Entwicklung befindet. Sie kristallisiert sich heraus aus den künstlerischen Bewegungen Happening, Event, Fluxus und Aktionismus, die einander folgten. Die PerformanceArt zu beschreiben ist aber ein Unterfangen, das mit vielen Unbekannten rechnen muß und sich hin und wieder zur Selbstaufgabe zwingen muß. Deshalb, weil sie eben eine flüchtige Kunst ist, eine Kunst des Dabei-Seins und Dabei-gewesen-Seins, wenigstens der Erzählung, wie es gewesen ist. Jede Aufzeichnung ist ja nur ein Abklatsch der Atmosphäre, und in den seltensten Fällen ist z. B. eine Fotografie so sprechend, daß sie als Ersatz für das Ereignis aufkommen kann. Dann schon, wenn sie – wie bei Molinier – das beabsichtigte Produkt der Intimperformance ist. Immerhin haben wir aber gelernt, mit den Medien umzugehen und können somit doch, wie beim guten Standfoto, das Konzentrat einer Ideenfolge lesen und verstehen. Der Rezipient muß im Rahmen der PerformanceArt und alltäglicher performancenaher Ereignisse ein anderes Engagement eingehen. Er muß sich der Situation stellen, vielleicht sogar sich selber in sie einbringen. Das ist dann eben die Nähe zum Leben, die jedoch nie in der flotten Formel Leben = Kunst aufgeht, die in der einen oder anderen Form in den 60er Jahren behauptet wurde. Zu dieser Zeit kann man erst vorsichtig von PerformanceArt sprechen, anderen Kunstformen oder Begriffen galt die Aufmerksamkeit. Doch sicherlich sind die 60er Jahre die Wiege der PerformanceArt wie wir sie heute verstehen. Und es ist wichtig zu sehen, daß zu ihrer Genese die Frauen genau so viel beigetragen haben wie die Männer.