Titel: Konflikte , 2014

Claudia Emmert

Affekte als Waffen.

Die Affizierungsmaschine Gesellschaft und ihre Konflikte

Affekte sind wieder salonfähig. Bis in die 1990er Jahre galt das Affektive als suspekt. Es wurde in Bezug gesetzt zum gefährlichen Pathos der Nationalsozialisten. Damals führte unter anderem die blindwütige Affizierung des deutschen Volkes zum größten Völkermord der Geschichte der Menschheit und zu einem Weltkrieg, mit dessen Folgen Politik und Gesellschaft bis heute zu kämpfen haben. Die Nachkriegszeit zeichnete sich daher zunächst durch eine entschiedene Affektfeindlichkeit aus. Die Affektdiskurse der Vorkriegszeit, wie sie die Künstler des Expressionismus, des Kubismus und des Futurismus sowie Wissenschaftler wie Carl Einstein, Aby Warburg, Sigmund Freud oder Martin Heidegger führten, waren mit der Machtübernahme durch die Nazis bis weit hinein in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Erliegen gekommen. Die Sprache und mit ihr die Ratio standen im Vordergrund, wenn es um die Bewältigung gesellschaftlicher oder politischer Krisen ging. Der Kalte Krieg dominierte die Stimmung in Europa, die Gefahr eines vernichtenden Atomschlags war allgegenwärtig und mahnte zu eiserner Vernunft. Doch das Projekt der Moderne als Sieg einer rationalen fortschrittlichen Vernunft geriet in die Krise.

Mit dem Ende des Kalten Krieges – spätestens mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 – sollte sich dies ändern. Sowohl die Politik also auch die mit ihr verflochtene Marktwirtschaft entwickelten sich zu gigantischen Affizierungsmaschinen. Wähler und Käufer sollen begeistert und mitgerissen, verängstigt und eingeschüchtert werden. Im Gegensatz zur gesellschaftlichen Stimmung der Wirtschaftswunderjahre, die das kühle Kalkül zum Erfolgsfaktor erhob und Affizierungen zu vermeiden suchte, gilt heute die gezielte Evozierung von Affekten als…

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von Claudia Emmert

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