Magazin: Publikationen , 1995

Akademie

Angesichts des Krisenbewußtseins eines Teils der zeitgenössischen Künstler verwundert es, daß es erst jetzt zu einer Publikation gekommen ist, die die Akademie als Ausbildungsstätte kritisch unter die Lupe nimmt. Anläßlich der Sommerakademie des Münchner Kunstvereins hat Stefan Dillemuth das Wagnis unternommen. Dem dickleibigen Band ist es gelungen, das Thema soweit anzugehen, daß man wohl in Zukunft noch auf einen kongenialen Nachfolger warten muss. Wer wie Dillemuth davon ausgeht: „Innerhalb einer aktuellen Kunstdiskussion hat die Akademie überhaupt keinen Stellenwert, obwohl sie laufend junge Künst ler produziert“, besetzt eine Leerstelle und braucht sich nicht um eine gelungene Besetzung Sorgen zu machen. Dem allerdings entspricht der Band keinesfalls. Mit historischen Rückblicken, unter anderem auf die Werkstätten der Sowjetunion der 20er Jahre oder die Auseinandersetzungen um die Düsseldorfer Akademie unter Beuys, Beispielen für andere Modelle von Künstlerausbildungen wie dem Whitney-Studio Programm oder der Cooper Union, wird ein Spektrum abgedeckt, daß Weite und Vielfalt offenlegt. Die persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema kommt nicht zu kurz, auch wenn zuweilen deren Jargon der Jugendlichkeit irritiert. In zahlreichen Gesprächen äussern sich unterschiedliche Künstler zu Hintergrund und Vordergrund ihrer akademischen Ausbildung und notwendigen Ausbruchsversuchen. Im wesentlichen geht es der Publikation wohl nicht allein um die Darstellung der gesellschaftlichen Funktion von Akademien, sondern um deren Kritik und daran anschliessende Reformen. Die Freie Klasse Berlin, dessen Abspaltung zu einem Gespräch mit Dillemuth im Rahmen der Vorstellung des Bandes lud, ist eines der wenigen Beispiele für eine aktive Reform. Bis allerdings die Kultusminister der neuen und alten Länder das Buch in die…

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von Thomas Wulffen

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