Nachrichtenforum: Aktionen und Projekte · von Jürgen Raap · S. 332
Nachrichtenforum: Aktionen und Projekte ,

Aktionen und Projekte

KUNST HILFT GEBEN

 

Seit sechs Jahren führt die Kölner Initiative „Kunst hilft geben“ Benefiz-Aktionen zugunsten von Obdachlosen durch. Namhafte Künstler wie Gerhard Richter, Markus Lüpertz, Christi oder Klaus Staeck haben das Projekt bislang unterstützt. Für die nächste Benefiz-Ausstellung vom 13. bis 25. November 2018 im Kölner Atelierhaus Alteburger Wall 1 haben 20 Künstler Werke gestiftet: Boris Becker, Anna Blume, Markus Bollen, Felix Büchel, Manfred Dahmen, Datajan, Gabriele Demmel, Robert Haiss, Lars Käker, Benjamin Katz, Markus Krips, Bettina Mauel, Berta Maria Reetz, Odo Rumpf, Jörg W. Schirmer, Anatoliy Stepanko, Kanjo Také, Rosemarie Trockel, Sam Zahdeh sowie Bernd Zöllner. Der Erlös fließt in die Realisierung des Integrationshauses „Casa Colonia“. Eine Besonderheit stellt der Beitrag des Künstlers Manfred Dahmen dar: sein 1 × 2 m großes Lack-Acrylbild soll eine Milliarde Euro kosten. Solange niemand dieses Bild für dieses Preis erwirbt, kann es jeder für 20.000 Euro ausleihen, aber nur so lange, bis ein anderer die Leihgebühr verdoppelt. Die Ausleih-Aktion soll dann solange fortgesetzt werden, bis der Kaufpreis von einer Milliarde Euro erreicht ist. www.kunst-hilft-geben.de

BODYSCAN

 

Die Dokumentation der Anatomie menschlicher Körper zu Lehrzwecken entstand früher in enger Zusammenarbeit zwischen Anatom und bildendem Künstler. Noch heute findet man bisweilen in Arztpraxen Schautafeln mit Farbzeichnungen von Organen oder Gefäßsystemen. Unter dem Titel „Bodyscan“ widmet sich die ERES-Stiftung vom 21. November 2018 bis zum 2. März 2019 der „Anatomie in Kunst und Wissenschaft“. Dabei geht es sowohl um die makroskopische Anatomie der mit bloßem Auge sichtbaren Körperteile als auch um die Zellbiologie. www.eres-stiftung.de

AICA-SYMPOSIUM ZUR KUNSTKRITIK

Im Kontext der Ausstellung Konstruktion der Welt, Kunst und Ökonomie ist der Kunstkritikerverein AICA am 10. November 2018 in der Kunsthalle Mannheim zu Gast. Sabine Maria Schmidt, KUNST-FORUM- Autorin und Vize-Präsidentin der AICA Deutschland, hat für diese Tagung ein Symposium zum Thema „Kunstkritik und Netzkultur – Bestandsaufnahmen aus dem Arbeitsalltag“ konzipiert. Die Teilnehmer diskutieren „die neuen Chancen und Herausforderungen für die Kultur- und Kunstberichterstattung, die Funktionsweise verschiedener – auch zukünftiger – Medienformate, neuer Begrifflichkeiten und Verschlagwortungen im Internet, der Bildung neuer Interessensgemeinschaften bzw. Interessenskonflikte und Möglichkeiten des Corporate Publishing. Dazu referieren Barbara Hess, Annekathrin Kohout, Sabine Maria Schmidt, Thomas Wagner, Johannes Bendzulla und Thierry Geoffrey aka El Colonel. www.aica.de

DUCHAMPIANA IM SCHAUFENSTER SOHM

Der Markgröninger Zahnarzt Hanns Sohm (1921–1999) trug ein einzigartiges Archiv über die Fluxus-Bewegung und die intermediäre Kunst der 1960er und 1970er Jahre zusammen. Das Archiv Sohm besteht aus Korrespondenzen, Fotos, Büchern, Filmen, Aktionsrelikten und Objektkunst. Seit 1981 ist das Material Bestandteil des Kunstarchivs der Staatsgalerie Stuttgart. Mit der Reihe „Schaufenster Sohm“ bietet die Staatsgalerie Stuttgart in wechselnden Ausstellungen Einblicke in das Archiv. Als Vorschau auf die umfangreiche Ausstellung zu Marcel Duchamp (23.11.2018 bis 10.3.2019) präsentiert die Staatsgalerie Stuttgart dort bis zum 6.1.2019 unter dem Titel „Duchamoiana“ zwei Künstlerpositionen, die von Duchamp geprägt wurden. Neben Nam June Paiks zweiteiliger Videoarbeit „Merce by Merce by Paik“ werden die Tonaufnahmen der japanischen Medienkünstlerin Shigeko Kubota präsentiert, die sie 1968 während eines Schachspiels zwischen Marcel Duchamp, seiner Frau Alexina und John Cage in Toronto machte. Das Schachbrett war mit elektronischen Kontakten versehen worden, die das Spiel zwischen den Künstlern in Ton- und Lichtsignale umwandelte. www.staatsgalerie.de

LEIPZIG: VISIBLE SOUND

Bis zum 29. März 2019 widmet sich im Kunstkraftwerk Leipzig die Ausstellung Visible Sound der „von einzelnen Tönen bis hin zu komplexen Kompositionen.“ Interaktive künstlerische Ansätze versetzen den Ausstellungsbesucher in die Lage, „das zu hören was er sieht, und das zu sehen was er hört.“ Zu diesen Visualisierungen gehören auch Beiträge der Fotografen Bertram Kober und Marek Brandt: „Während Kober die Visualisierung der drahtlosen Kommunikation unternimmt, fokussiert sich der Berliner Fotograf und Klangkünstler Marek Brandt in seiner „Clubserie“ auf die bildliche Darstellung der Momente nach oder vor einer Tanzveranstaltung in verschiedenen Dancefloors und Musikklubs im Osten Deutschlands“. Holger Schulze schuf mit seinem „Sternenspiegelraum“ die „phantastische Illusion“ eines „unendlichen Raumes“, und Philipp Artus ist mit einer Laserskulptur vertreten. www.kunstkraftwerk-leipzig.com

HEK BASEL: ECO VISIONARIES

Eco-Visionaries Kunst, neue Medien und Ökologie nach dem Anthropozän nennt sich eine Ausstellung im HeK-Haus der elektronischen Künste Basel (bis 11.11.2018). Sie untersucht „neue Medien, Technologien und technowissenschaftliche Methoden in den Künsten und deren Bedeutung für die Wahrnehmung und das Bewusstsein des „Ökologischen“. Die Gruppenausstellung thematisiert die Vorstellung eines nachhaltigen Umgangs mit der Umwelt und eines ökologischen Zusammenlebens zu einer Zeit, in der alle, insbesondere die Naturwissenschaften und die Künste, vom Anthro pozän sprechen.“ Beschrieb die traditionelle Anthropologie im 20. Jh., z .B. bei dem Philosophen Max Scheler und dem Soziologen Arnold Gehlen, den Menschen noch als ein „Mängelwesen“, das einen „Umweltdruck“ bewältigen müsse, um in einem gefährlichen und sogar feindlichen Biotop zu überleben, so meint die Bezeichnung „Anthropozän“ eine geochronologische Epoche, in der der Mensch nicht mehr so defensiv agiert, sondern offensiv zu einem „der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden“ ist. Eine wirtschaftliche Wachstumsideologie legitimiert massive Umgestaltungsprozesse mit Raubbau an der Natur, und die klimatologischen Konsequenzen spüren wir jetzt schon. Die Ausstellung präsentiert künstlerische Reaktionen auf diese Entwicklung: „Es wird gezeigt, wie neue Medien und Technologien eingesetzt werden, nicht nur um auf die Herausforderungen, die für die nähere ökologische Probleme aufmerksam zu machen, sondern auch, um visionäre Lösungsansätze zu entwerfen… Die Fähigkeit der Kunst, Menschen einzubinden, bringt bestenfalls ein nachhaltig verändertes Verhalten mit sich.“

LINIENSCHAREN

2012 gründete sich in Stuttgart die Künstlerinitiative „Linienscharen“ als Plattform für zeitgenössische Zeichnung. Unlängst schrieb die Initiative unter dem Titel „Seiten | Räume“ die Teilnahme an einem Künstlerbuchprojekt aus, d.h. es galt, ein „Buchprojekt im Sinne eines Künstlerbuchs einzureichen, das an verschiedenen, nicht nur für bildende Kunst typischen Orten, einer breiteren Öffentlichkeit zugängig gemacht werden soll. Ein mobiles Regal präsentiert die vereinten Bücher und Interessierte vor Ort können sich selbst am Möbel bedienen und die Bücher blättern.“ Nach jeweils ein bis zwei Wochen zieht das Projekt mit seinen 70 Einreichungen an einen anderen Ort weiter. Nach dem Auftakt im Württembergischen Kunstverein Stuttgart 2018 wird das Projekt im Hospitalhof Stuttgart (26.3.–16.4.2019) fortgesetzt. www.linienscharen.de

DEIN BRUNNEN FÜR MÜNSTER

Die Initiative Dein Brunnen für Münster e.V. „setzt sich für die dauerhafte Umsetzung des Kunstwerks „Sketch for a Fountain“ der amerikanischen Künstlerin Nicole Eisenman ein, das im Rahmen der Skulptur Projekte 2017 entstanden und zu deren Ende abgebaut worden ist. Die mehrfigurige Brunnenanlage war nicht nur eine künstlerisch wertvolle Arbeit, sondern auch ein beliebter Treffpunkt. Die Skulptur lud durch die besondere Darstellung zur Diskussion und Kontroverse ein. Die Skulptur soll ein Brunnen von und für die Bürger werden und ist in dieser Weise ein einzigartiges Projekt. Die Idee ist, dass jede Bürgerin und jeder Bürger sich beteiligt und zum Auftraggeber wird.“ Dazu sammelt die Initiative Bürgerspenden. www.deinbrunnen4ms.de

MÜNCHEN: ARCHIVES IN RESIDENCE

Bis zum 9.6.2019 präsentiert die Archiv-Galerie des Haus der Kunst in München die Ausstellung Archives in Residence: APP Archiv Künstlerpublikationen.Neben öffentlich zugänglichen Archiven und Sammlungen als Aufbewahrungsort und Wissensspeicher gibt es autonome Archive, deren Bestände oft nur geringe Aufmerksamkeit erhalten. Dabei treffen gerade die Sammler autonomer Archive ihre Entscheidungen, was aufbewahrungswürdig ist, unabhängig von Kriterien wie Bekanntheitsgrad, materiellem Gegenwert, Auflagenhöhe, Seltenheit und den gesetzlichen Richtlinien. Hubert Kretschmer führt seit 1980 ein autonom angelegtes Archiv von Künstlerproduktionen, „AAP Archive Artist Publications“ Kretzschmer hat Stücke von 50.000 Künstlern aus 76 Ländern zusammen getragen, und zwar Künstlerbücher und -magazine, Multiples, Plakate, Einladungen, CDs und Schallplatten, Künstlerbriefmarken, Videos, Zines, Lieferverzeichnisse und Ausstellungskataloge. Das Archiv umfasst Material u. a. von Joseph Beuys, Jörg Immendorff, Franz Erhard Walther Emmett Williams, George Brecht, Christian Boltanski, Laurie Anderson, John Baldessari, Daniel Buren, Jochen Gerz und Kiki Smith.

BASEL: RADIOPHONIC SPACES

In 14 Themenwochen präsentiert das Museum Tinguely Basel bis zum 27.1.2019 Radiophonic Spaces. Bereits 1877 hatte Thomas Alva Edison einen Phonografen für Tonaufzeichnungen erfunden; 1898 reichte der dänische Physiker Valdemar Poulsen ein Patent für das erste Tonbandgerät ein. Damit konnten nun Musik- und Sprechaufzeichnungen unabhängig vom Ort und beliebig oft gesendet werden. Bereits 1906 strahlte zu Weihnachten ein Sender von Brant Rock / Massachusetts ein erstes Rundfunkprogramm aus: eine Lesung aus der Bibel und eine Violindarbietung des Liedes „Stille Nacht, heilige Nacht“ konnten sogar auf Schiffen in der Karibik empfangen werden. Die Reihe „Radiophonic Spaces“ dokumentiert nun in einem Hör-Parcours „100 Jahre Radiokunst“ u. a. mit Werken von Antonin Artaud, John Cage und László Moholy-Nagy bis hin zu Michaela Mélian, Milo Rau und Natascha Sadr Haghighian auf einzigartige Weise erlebbar. Gestaltet wurde der Parcours von dem Künstler, Architekten und Musiker Cevdet Erek.

ZUM TOD VON STEFFEN MEYN IM HAMBACHER FORST

Am 19. September 2018 starb durch einen Unfall im Hambacher Forst der 27-jährige Steffen Meyn. Die Presse berichtete vom Tod eines Journalisten und Bloggers. Meyn gehörte zu der Bürgerbewegung, welche sich aktiv für Naturschutz, Ökologie und damit auch die Rettung des sehr alten Hambacher Forstes einsetzten. Meyn war Journalist und Blogger, aber er war auch Student an der Kunsthochschule für Medien Köln. „Facetten des Widerstands – Teil 1 Hambacher Forst“ lautete der Titel seiner Projektarbeit, die sich der aktuellen Lebensform der Bewohner im Wald und der bevorstehenden Räumung widmete. Meyn arbeitete, als Pressemitglied offiziell angemeldet, im Forst und den Baumhäusern mit einer 360°-Kamera. Meyns tiefes Interesse an einer verschonten Natur ging einher mit dem sozialen Impuls, der an der informellen Anarchie und Selbstorganisation in situativen oder auch temporär exponierten Lebensformen interessiert war. Meyn dachte skeptisch über die Möglichkeiten der Kunst in der heutigen Gesellschaft nach. Dabei ging es ihm nicht vorrangig oder gar ausschließlich um Bilder. Seine Interessen waren vielfältig. Im Dossier, mit dem Meyn sich 2015 an der KHM anmeldete, sind unter „persönliche Interessen“ vermerkt: „Schauspiel, Musik, Theater, Film, Kochen, Lesen, Politik, Umwelt und Tierschutz, neue Orte und Menschen kennenlernen, Skandinavien, die finnische Sprache.“ Steffen Meyn engagierte sich im Studierendenparlament und im Asta der KHM Köln. Gläubiger Christ und Veganer, war er sanftmütig, freundlich, bestimmt, klar und radikal zugleich – ein friedlicher, besonnener Mensch, der Lösungen suchte, Pauschalisierungen und Feindbilder stets ablehnte.

Hans Ulrich Reck, Rektor der Kunsthochschule für Medien Köln