Nachrichtenforum: Aktionen und Projekte · von Jürgen Raap · S. 332
Nachrichtenforum: Aktionen und Projekte ,

Aktionen und Projekte

Kuratieren und künstliche Intelligenz

„Die nächste Biennale sollte von einer Maschine kuratiert werden“, nennen das Künstlerduo UBERMORGEN (lizvlx & Hans Bernhard), der digitale Humanist Leonardo Impett und die Kuratorin Joasia Krysa ihr Projekt, mit dem sie ein „experimentelles System“ entwickeln wollen, „das kuratieren kann und auf den Prinzipien des Mensch-Maschine-Lernens basiert“. Welche neuen Perspektiven bietet künstliche Intelligenz hinsichtlich der Praxis des Kuratierens? Für ein erstes Online-Experiment haben sie bereits einen Auftrag von der Liverpool Biennial 2020 und dem Whitney Museum of American Art für die Online-Galerie space artport: „Wie würde die nächste Biennale oder eine große Ausstellung aussehen, wenn Maschinen gebeten würden, den kuratorischen Prozess zu übernehmen und eine große Menge von Daten aus der Kunstwelt zu verstehen, die die Kapazität des menschlichen Kurators bei weitem übersteigen?“ Teil des Projekts ist der Appell Meinungen und Daten zu historischen und zeitgenössischen Kunstwerken und Kunstinstitutionen an datasets@biennial.ai einzusenden oder diese selbst auf data.biennial.ai hochzuladen.

Transmediale 2020

Als Festival für Medienkunst und digitale Kultur findet die transmediale vom 28. Januar bis zum 01. März 2020 in Berlin im Haus der Kulturen statt. „Die Aktivitäten der Transmediale zielen darauf ab, ein kritisches Verständnis der gegenwärtigen, von Medientechnologien geprägten Kultur und Politik zu vermitteln.“ Den Schwerpunkt des jährlichen Festivals bilden ein Konferenzprogramm, wechselnde Ausstellungsformate, ein Film- und Videoprogramm, Performances und Workshops. Die begleitenden Ausstellung „The Eterenal Network“ dazu im Haus der Kulturen der Welt dauert vom 28. Januar bis zum 1. März 2020. Unter dem Titel „E2E“ (End to End) „untersucht das Festival Netzwerke und deren Grenzen und forscht nach vergessenen und möglichen Zukunftsszenarien mit und ohne Netzwerke. Die transmediale hat sich im Laufe ihrer Geschichte von ihren Anfängen als VideoFilmFest zu einer der weltweit wichtigsten Veranstaltungen für Kunst und digitale Kultur entwickelt. Über die jährliche Veranstaltung hinaus ist die transmediale eine übergreifende, dynamische Plattform mit einer lebendigen Community und einem starken Netzwerk, das regelmäßige Veröffentlichungen und ganzjährige Aktivitäten wie Aufträge und Künstlerresidenzen ermöglicht. Die Kuratorin Nora O Murchú übernimmt ab der Festivalausgabe 2021 die künstlerische Leitung der transmediale. Sie verfügt „über mehr als ein Jahrzehnt Erfahrung in der digitalen Kunst und hat bereits Ausstellungen und Veranstaltungen für Institutionen wie die Akademie Schloss Solitude, LABoral Centro de Arte y Creación Industrial, The Science Gallery und das ZKM Zentrum für Kunst und Medien kuratiert.“ O Murchú wird dann Nachfolgerin von Kristoffer Gansing, der sich mit der aktuellen Ausgabe aus der Festivalleitung verabschiedet.
www.transmediale.de

Berlin: CTM-Festival– Liminal

CTM Festival ist eine Veranstaltung für experimentelle und elektronische Musik in Berlin. Es wurde 1999 als Begleitveranstaltung zur transmediale gegründet. Es hat sich mitlerweile zu einem eigenständigen Festival entwickelt und präsentiert als festival for adventurous music and related arts jährlich aktuelle Trends der elektronischen und experimentellen Musik sowie künstlerische Projekte im Kontext von Klang- und Clubkulturen. „CTM 2020 (24. Januar–2. Februar 2020) will Schwellenzustände und Grenzphänomene in und mittels Musik und Sound erkunden, um nach den Potenzialen einer experimentellen Politik im liminalen Raum zu fragen, die auf weiteres ohne greifbare Utopien auskommen muss“, heißt es zum Konzept der Veranstaltungsreihe. Das Programm umfasst u. a. eine „kreative Verschränkung von Radiokunst mit Live-Performance und Installationskunst“. Gemeinsam mit den Berliner Universitäten haben die Initiatoren auch ein Nachwuchsforschungsprogramm über „den Bereich Sound und angrenzenden Feldern“ entwickelt. Veranstaltungsorte sind u. a. das Berghain, HAU Hebbel am Ufer, Kunstquartier Bethanien sowie Radialsystem V, SchwuZ und der „Heimathafen“. Zu den Kooperationspartnern gehört auch in diesem Jahr wieder die „transmediale“. Programminfo: www.ctm-festival.de

exp 2-Projekte zur Berlin Biennale

Bis zum 8. Februar 2020 lässt die Berlin Biennale ihre Räume in bei ExRotaprint im Rahmen von „exp. 2“ von Virginia de Medeiros und der „Feministische Gesundheitsrecherchegruppe“ bespielen. „Die Feministische Gesundheitsrecherchegruppe (FGRG), bestehend aus den Künstlerinnen Inga Zimprich und Julia Bonn, hat in den vergangenen Jahren gegenseitige Fürsorge als gemeinschaftlichen Akt des Widerstands erprobt. Ihre Arbeit entwickelte sich bei informellen Treffen in ihren Wohnungen – im reproduktiven Raum des Kochens und der Betreuung ihrer kleinen Kinder – und wurde zu einer Form des Wissensaustauschs rund um eine radikale feministische Gesundheitssorge. Von ihrer eigenen Situation als Künstlerinnen und Mütter ausgehend, beziehen sie die Erfahrungen anderer mit ein, die sich mit der Praxis selbstorganisierter radikaler Gesundheitssorge befassen … Medeiros, die eine militante queere Subjektivität vertritt, startet ihre dreimonatige Residency in Berlin mit der Präsentation ihres Films Trem em Transe [Zug in Trance] (2019). Die Protagonistin Simone, eine selbst ernannte Transvestitin, steht für das Verlangen, das unerträgliche Ausmaß an erlebter sozialer Einsamkeit rückgängig zu machen …“
www.berlinbiennale.de

Zentrum für Politische Schönheit: Denkmal mit Holocaust-Asche

1933 verhalfen die Nationalkonservativen in der Deutsch-Nationalen Volkspartei als Koalitionspartner der NSDAP an die Regierungsmacht – im Irrglauben, Hitler und seine Nazis ließen sich auf diesen Weise „einhegen“. Daran erinnerte das ZPS-Zentrum für Politische Schönheit mit einer Säule, die angeblich die Asche von Holocaust-Opfern enthielt, die das ZPS in Deutschland, Polen und der Ukraine ausgegraben haben wollte. Darüber empörte sich der Autor Konstantin Nowotny in Jakob Augsteins Zeitschrift „Der Freitag“: „Philipp Ruchs selbsternannte ‚Sturmtruppe der moralischen Schönheit‘ kennt keinen Respekt und betrachtet Geschichte als bunten Selbstbedienungsladen, als Requisitenarchiv fürs eigene Schauspiel … Der Erinnerung an die dramatische Kurzsichtigkeit der Konservativen 1933 täte Drastik gut. Aber 2019 ist nicht 1933, Angela Merkel ist nicht Paul von Hindenburg und der Holocaust kein Gruselmärchen, das sich beliebig inszenieren lässt…“ Auch eine Sprecherin der Bundesregierung bezeichnete die Aktion als „pietätlos und geschichtsvergessen“. Ebenso waren von der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem mahnende Worte an die Adresse des ZPS zu hören: „eine respektvolle künstlerische Darstellung des Themas“ könne „legitim sein“, doch es gelte, „verantwortungsbewusst zu handeln und die Erinnerung an die Opfer des Holocaust sowie an die Überlebenden zu respektieren, die die Gräuel dieser Ära ertragen haben.“ Nach derlei massiver Kritik von verschiedenen Seiten entschuldigte sich das ZPS: „Wir wollen bei Betroffenen, Angehörigen und Hinterbliebenen aufrichtig um Entschuldigung bitten, die wir in ihren Gefühlen verletzt haben … Wir haben Fehler gemacht“. https://politicalbeauty.de

HeK Basel: Making Fashion Sense

Vom 16. Januar bis zum 8. März 2020 zeigt das HeK-Haus der elektronischen Künste Basel die Ausstellung „Making Fashion Sense“. Sie befasst sich „mit der radikalen Verwandlung von Mode durch Technologie. Roboterarme und Mixed Reality, Hologramme und Drohnen sind auf den internationalen Laufstegen längst in Erscheinung getreten. Making FASHION Sense thematisiert die grundlegende Transformation der kreativen Prozesse im Modebereich durch Technologie, sowie die künstlerischen Bestrebungen zu mehr Nachhaltigkeit: Mode, die Sinn macht.“ Die Ausstellung erkundet Technologie als transformatives Instrument für die Kunstschaffenden. Kuratorinnen sind Sabine Himmelsbach und Katharina Sand.
www.hek.ch

Surrealismo : Barocco : Venezia

Der Berliner Künstler Hans Winkler entwickelte in Venedig eine Reihe von künstlerischen Arbeiten und Interventionen im öffentlichen Raum, „die auf die Geschichte Venedigs als Handelszentrum verweisen, als auch Verbindungen zur Avantgarde im Barock herstellen“. So pflanzte er in der Lagune ein Feld mit Schlafmohn an, als Reflex auf den Gewürzhandel mit dem Orient, der Venedig einst reich machte, der aber auch ein globaler Drogenhandel war: „Den Handel mit Opium kontrollierte Venedig, da die Lagunenstadt seit dem 13. Jahrhundert das Hauptzentrum des europäischen Handels war.“ Auf diesen Zusammenhang zwischen Opiumhandel und Barock machte Winkler auf Plakatfotos aufmerksam – in der Architektur ist Venedig zwar wesentlich durch die Palazzi aus der Epoche der Renaissance geprägt, doch im Spätbarock nahmen in Italien venezianische Maler wie Giovanni Battista Tiepolo (1696 – 1770) eine führende Rolle ein. Winkler glaubt allerdings, auch in der illusionistischen Barock-Architektur halluzinogene Momente zu entdecken: „Es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass der Schlafmohn als natürliches Gewächs dem Säulenbau in der Barockkirche Santa Maria di Nazareth als Vorlage diente … Exemplarisch stehen hierfür die illusionären, raumbezogenen Arbeiten des Künstlers und Jesuiten Andrea Pozzo (1642 – 1709), als auch die des Maler und Dichters Salvator Rosa (1615 – 1673) … In seiner Philosophie strebte er die Tugenden eines einfachen Lebens an, das frei von Besitz ist. Er propagierte sexuelle Freiheit und Experimente mit bewusst-seins-verändernden Drogen, wie Pilze und Opium, wodurch das rationale und lineare Denken, um neue Formen der Wahrnehmung bereichert werden sollte.“ Hans Winkler präsentierte eine Dokumentation seiner Aktionen zusammen mit dem Buch „Barock : Opium : Venedig : Surrealismus“ in Venedig in der Emily Harvey Foundation.
www.hswinkler.de
www.emilyharveyfoundation.org

Darmstadt: Waldkunst-Aktion

Die äußerst heißen und trockenen Sommer der vergangenen beiden Jahre haben in den deutschen Wäldern durch Austrocknung und Borkenkäferbefall vor allem in forstwirtschaftlichen Monokulturen zu erheblichen Schäden geführt. „Vom Waldsterben ist auch der Internationale Waldkunstpfad bedroht“, sagt Ute Ritschel, Kuratorin und Kulturanthropologin in Darmstadt. Seit 2002 organisiert sie mit dem Verein für Internationale Waldkunst e. V. dort alle zwei Jahre das Projekt „Internationaler Waldkunstpfad“ mit ortsspezifischen Kunstwerken und einem Symposion entlang eines Wanderwegs von 3,3 km Länge. Unlängst führte der Verein oberhalb der Jefferson-Siedlung in Eberstadt eine „Baumpflanzaktion“ durch. 2019 organisierten Ritschel und ihr Team insgesamt bereits neun solcher Pflanzaktionen. Wer bei solchen interaktiven Waldkunst-Events nicht selbst zum Spaten greifen will, kann sich auch mit Spenden an der Wiederaufforstung beteiligen: dafür stellt der Waldkunst-Verein eine namentliche Urkunde aus.
www.waldkunst.com