Ausstellungen: London , 2015

Klaus Honnef

Alibis: Sigmar Polke.

»Retrospektive«

Tate Modern, London, 9.10.2014 – 8.2.2015

Museum Ludwig, Köln, 14.3. – 4.6.2015

Vielleicht war das „Studium“ der Gemäldesammlung von Londons National Gallery nicht die schlechteste Vorbereitung auf die Hommage à Sigmar Polke in der Tate Modern. Mit Augen, die noch von Tizians spätem Gemälde und dem grausigen Ende Akteons inspiriert waren. Das Meisterwerk, in dem sich zum letzten Mal das gesamte Spektrum der Farbkunst des Venezianers entfaltete, wurde lange als altersschwaches Werk eingestuft. Umso machtvoller strahlt es aus dem Blickwinkel der Moderne.

Dank einer durch diese hinreißende Malerei gefilterten Sicht den mir scheinbar so vertrauten Gemälden Polkes zu begegnen, in Analogie zum fremden Blick, den amerikanische und britische Kuratoren auf das Werk des verstorbenen deutschen Künstlers bei der Realisierung seiner Retrospektive richteten, erschienen sie mir in neuem Licht. Den Rückblick auf sein einzigartiges Werk zu erleben, war dem Künstler verwehrt. Der Tod kam schneller als die Eröffnung im New Yorker MoMA, Start der grandiosen Ausstellung.

Schon die frühen Bilder der Phase des „Kapitalistischen Realismus‘“ offenbaren eine Seite seiner Kunst, die ich bisher nicht vollständig wahr-, und ernst genommen habe. Zu ungewöhnlich wirken nach wie vor die Motive, die sich darauf tummeln. Sie sind derart bar jeden Charismas, dass Werbeprospekte sie links liegen lassen; Socken, gefaltete Oberhemden, Kekse. Ungeachtet ihrer schreienden Banalität (oder gerade deswegen?) hat Polke sie mit einer unbeschreiblichen Feinheit und nuancierten farblichen Delikatesse gemalt, weswegen sie bei intensiver Betrachtung höchst widerstreitende Empfindungen erzeugen. Zweifellos hat die Pop Art den Künstler angeregt. Doch Polke zielte weder auf eine Heroisierung der…

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