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Ausstellungen: Dortmund · von Jens Bülskämper · S. 254 - 255
Ausstellungen: Dortmund ,

Dortmund
Alison Yip

Bare Heel Country
Dortmunder Kunstverein 31.10.2020–02.05.2021

von Jens Bülskämper

Fieser Nieselregen, 11 Grad, stockdunkel – Dortmund im Herbst; die zweite Corona-Welle rollt an. Obdachlose fluchen am Hauptbahnhof ihren Unmut in den kühlen Abend, wenige Minuten Fußmarsch entfernt liegt der Kunstverein, neue Wirkungsstätte der im Frühjahr berufenen Direktorin Rebekka Seubert. Draußen pöbeln Jugendliche sich fröhlich Mut zu und schauen mit großen Augen in den hell erleuchteten Ausstellungsraum. Vielleicht gefällt ihnen die junge Frau mit Anglerhut und neongrünen Socken (ohne Schuhe), die ein T-Shirt mit dem unwahrscheinlichen Aufdruck „Cowboy Poetry Gathering“ trägt. Solche Shirts gibt es in Dortmund nicht, dafür muss man schon aus dem kanadischen Calgary kommen und in Brüssel leben wie Alison Yip.

„Ich habe sehr viel mitgenommen vom Studium in Deutschland“, weiß sie zu berichten und ihre Ausstellung ist geeignet, diese Einschätzung zu bestätigen. Bekanntlich sind Lehrende wie Jutta Koether, bei der sie 2016 abschloss, Lucy McKenzie und Peter Doig nicht irgendwer an irgendwelchen Kunsthochschulen; Koether etwa betreibt in Hamburg ohne viel Aufhebens die vielleicht einflussreichste Klasse seit Fritz Schwegler in Düsseldorf. An der rheinischen Karriereschmiede führte McKenzie ihre Schülerin, nicht ganz uneigennützig, in die Geheimnisse der vermeintlich unzeitgemäßen und gerade darin interessanten Trompe-l’œil-Maltechnik ein – heute darf Yip ihr als Assistentin zur Hand gehen.

Malerei in einem erweiterten Zusammenhang zu verstehen – der Kunsthistoriker David Joselit argumentiert bekanntlich, dass sie bisweilen gar „neben sich“ stünde –, das gehört für eine Künstlerin wie Alison Yip zum selbstverständlichen Handwerkszeug und darf zu ihren zahlreichen Fingerzeigen in Richtung Koether gezählt werden. Joselit schreibt dem Medium das „transitive“ Potential zu, etwa Bezugsfelder außerhalb der Leinwand auf ihren Objektcharakter übergehen zu lassen, wofür die Dortmunder Ausstellung ein sprechendes Beispiel liefert. Jene figuriert als thematisch konzentrierte Werkerzählung, die sich in Form einer Künstlerpublikation, Drapagen in Denim, skulpturalen Ergänzungen, grafischen ‚Wortwolken‘ in den Fenstern des Kunstvereins – und Malerei artikuliert. Mit diesem Arsenal an Ausdrucksmitteln „besetzt“ sie den White Cube auf eine Weise, „dass all seine Komponenten Brennpunkte erhöhter Aufmerksamkeit werden“, so jedenfalls beschrieb Kunstwissenschaftler Branden Wayne Joseph einmal Koethers Strategie, die sich in Derivaten nun in Yips Praxis zeigt und der sie offensichtlich ihre Referenz erweist.

Das Faszinosum ‚distressed denim‘, das die Ausstellung leitmotivisch durchzieht, ist ein ganz eigener Stoff von Interesse: Jeans im ‚used look‘ erfüllen, buchstäblich von einer vermeintlichen Lebensspur gezeichnet, eben jene Kriterien, mit denen die Malerei „vitalistische Projektionen“ befördere und die Präsenz einer abwesenden Malerin suggerierte, wie die Kritikerin Isabelle Graw plausibel darlegt. Yip invertiert diesen ‚Vitalismus‘ zur blassen ‚Fatigue‘ und rahmt mit jenem metaphorischen Charakter eines gleichsam ‚erschöpften Materials‘ ihre malerische Welt ein.

Die zeigt ein imaginäres „Bare Heel Country“, so der Titel der Ausstellung, und erzählt in lasierenden Landschaften von der mythischen Figur des Einhorns und von Jungfrauen, denen die Fähigkeit zugeschrieben wird, sie einzufangen. Als eskapistischer Seelentröster verströmt das Fabelwesen eine Alles-wird-gut-Aura, die sich in einer krisenhaften Gegenwart besonderer Nachfrage erfreut; seit Jahren bricht sich ein regelrechter Einhorn-Hype in Pop- und Netzkultur Bahn. Wie ein ‚imaginärer Freund‘ kindlicher Phantasie stehen jene Einhörner den (Jung-)Frauen bei ihren Abenteuern zur Seite – gemeinsam schlagen sie sich „dominant oder unterworfen, nervlich am Ende, durstend, pflegend oder völlig verzehrt“, so der Saaltext, durchs Wunde(r) land der ‚bloßen Fersen‘. In jenen Zeilen heißt es weiter, Yips Installation verhandele „die Rolle der Fantasie in einer postfaktischen Welt“ und beziehe darin „eine parapsychologische Herleitung von figürlicher Darstellung“ mit ein. Para – da ist es also wieder, jenes Präfix, das an die Hinwendung zu einer wirkmächtigen Ideenwelt jenseits der Ratio denken lässt, die, wie Mystik und Schamanismus, in der zeitgenössischen Kunst aktuell Konjunktur hat.

Vorstellungskraft sei „ein anderes Wort für letzte Zuflucht“ und „das Gegenstück zu Schmerz“, notiert Alison Yip und stellt fest: „Ok, ich bin postfaktische Narzisstin. (…) Ich beherrsche einvernehmliche Mi-kro-Aggressionen aus dem Effeff und schlüpfe durch Diskussionsritzen. (…) Innerlich ein bisschen tot. (…) Lass matchen.“ „Lass matchen“ – wenn’s so einfach wäre; selbst ein Flirt auf der Dating-App wird von Algorithmen moderiert. So erzählt die Ausstellung auch von den fantasiebegabten Möglichkeiten, durch jene Fasern rigider Formatierung zu schlüpfen, von den Schmerzen, die dabei auszuhalten, und der magischen Kraft von Einhörnern, die plötzlich hilfreich zur Stelle sind.

Die Ausstellung wird von einer Broschüre mit Texten der Künstlerin begleitet, 28 Seiten, hg. vom Dortmunder Kunstverein, Preis: 2,— Euro.

www.dortmunder-kunstverein.de

von Jens Bülskämper

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