Fragen zur Zeit , 2014

Michael Hübl

Alles piperonalegal?

Potsdamer „Kunst am Bau“ und andere Verwirrspiele mit der Wirklichkeit

GZSZ: Gute Zeiten für René Magritte, schlechte Zeiten für Gertrude Stein. Die Illusion einer Tabakspfeife steht hoch im Kurs, der tautologische Rosengarten ist, blumig gesprochen: verwelkt. Wer nimmt heute noch eine Rose für eine Rose, eine Tatsache für eine Tatsache? Selbst die Vergangenheit, ohnehin ein immer wieder neu interpretiertes Konstrukt, ist offenbar nur ein Gaukelspiel. Annette Paul hat das erkannt. Und ließ am Potsdamer Stadtschloss vor der lachsrosa leuchtenden Fassade in geschwungener Goldschrift den Satz anbringen: „Ceci n’est pas un chateau“. „Kunst am Bau“ nennt man so etwas immer noch. „Zustandsbeschreibung“ würde auch passen. Denn ein Schloss ist das Gebäude wirklich nicht, sondern die Rekonstruktion einer historischen Hülle für einen modernen Raumkomplex. Er beherbergt den Landtag von Brandenburg.

Annette Pauls Satz hat etwas Seditatives. Als sollte er all jene beruhigen, die eine Tendenz zur Neo-Feudalsierung der Gesellschaft erkennen – beherrscht von einem Geld- und Politikeradel, dem eine liebedienernde und willfährige, mit Boni und Beraterverträgen belohnte Entourage zur Hand geht. Dagegen steht Pauls klare Ansage: Nein, das ist kein Schloss, sondern ein, naja: schlichtes Länderparlament mit einer Rokoko-Außenhaut à la Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff. Magrittes pfiffige Formel funktioniert eben nicht nur bei Pfeifen. Sie ist immer dort einsetzbar, wo es darum geht, durch die paradoxe Gegenüberstellung von Augenschein und Textbotschaft einen Sachverhalt hervorzuheben und in seiner Eigentlichkeit bewusst zu machen. Wie etwa, wenn man angesichts des „Schwarzen Quadrats auf weißem Grund“ von Kasimir Malewitsch kund tut: „Ceci n’est pas un chocolat.“

Wobei…

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von Michael Hübl

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