Titel: Betriebssystem Kunst , 1994

André Cadere:

Strategie des Werks

Von Thomas Wulffen

Das Werk von André Cadere ist beispielhaft für den Übergang von einer konzeptuellen Kunst zu einer Kunst des Betriebssystems Kunst. Dabei ist sein Werk von ihm selber nur in den Jahren 1970 bis 1978 präsentiert worden. Nach seinem frühen Tod 1978 war sein Werk nur in wenigen Einzel- und Gruppenaustellungen zu sehen. Erst eine größere Retrospektive in New York 1989 (P.S.1 Institute for Contemporary Art ) und in Paris (Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris) haben seinen Beitrag zur konzeptuellen Kunst wieder in Erinnerung gebracht. Michael Asher, ein weiterer wichtiger Vorläufer des Betriebssystems Kunst, hat als Lehrer Schüler gehabt, die seinen Impuls aufgenommen und weitergetragen haben. Davon kann im Falle Caderes keine Rede sein. Er ist und bleibt ein Fall für Spezialisten.

Erkennungszeichen seines künstlerischen Werks ist ein Stab, der aus gleichen, aber unterschiedlichen bunten Holzstücken zusammengesetzt ist. Die Ordnung dieser einzelen Teile ist berechnet, mit wenigstens einem Fehler. Cadere hat ab 1972 die Beschreibung „mit wenigstens einem Fehler“ unterlassen, weil jede Arbeit ab diesem Zeitpunkt einen Fehler in der Abfolge der einzelnen Elemente hatte. Sie waren Ausgangspunkt seiner Recherche und seiner Strategie. Vom 1972 bis 1978 hat er die wesentlichen Zentren der damaligen zeitgenössischen Kunst besucht und sie in unterschiedlicher Weise mit seinem Stab besetzt. Zu Beginn dienten diese „Besetzungen“ vor allem dem eigenen Werk und dessen Durchsetzung im internationalen Kunstgeschehen. Erst im zweiten Schritt ergab sich aus der intimen Kenntnis der Prozeduren, Regeln und Verfahren des Betriebssystems Kunst eine andere Strategie, die dieses System in Frage stellte, verdeutlichte oder außer Kraft setzte. Letztere betraf vor allem seine sogenannten „Promenades“, wo Cadere seine Arbeit an öffentlichen Orten zeigte, indem er sich mit dem Stab in der Hand an diesen Orten bewegte. Eine Position zwischen den Promenaden und der Galerie nahm die Arbeit mit der Galerie des Locataires in Paris ein, gegründet 1972 von Ida Biard und von ihr folgendermaßen beschrieben: „Die Galerie existiert dort, wo sie sich entschieden hat zu sein. Sie hat weder Mauern noch Dekrete.“ Die zweite Promenade mit der Galerie MTL in Brüssel wiederholte die erste mit der Galerie des Locataire. Die Galerien unterstützten ein Ereignis, das vollkommen außerhalb ihrer Mauern stattfand. Für die Arbeit mit der Galerie MTL, aber nicht in deren Räumlichkeiten wurde ein exakter Zeitplan angegeben sowie eine exakter Ort. 1975 präsentierte er seine Arbeit auf einer der Treppen des Louvre und lud zur Betrachtung ein.1

Die Promenaden bildeten einen Bestandteil seines künstlerischen Werks, zum Teil begleitet von schriftlichen Berichten, in denen die genauen Standorte der Arbeiten und der Promenaden festgehalten wurden, oder von mündlichen Vorträgen, in denen der Künstler seine Erfahrungen wiedergab.

Ein weiterer Bestandteil war die Beteiligung an Gruppenausstellungen. Dabei muß unterschieden werden zwischen Einladung und Beteiligung, denn zum Teil beteiligte sich Cadere ohne Einladung. In diesem Sinne war er auch an der documenta 5 beteiligt, wo er von Harald Szeemann ausgeschlossen wurde. Die Präsenz von André Cadere mit seinem Werk auf unzähligen Ausstellungseröffnungen ist belegbar.2 Bei Einladungen integrierte er sein Werk in die Ausstellung anderer Künstler, so geschehen bei Ausstellungen in der Galerie 6 in Paris, 1973, im Antwerpener International Cultureel Centrum. Dort war ein kleiner Stab während eines ganzen Jahres zu sehen. Seine Beteiligung wurde jeweils auf den unterschiedlichen Einladungskarten zu den diversen Ausstellungen extra vermerkt.3 Bernard Marcelis bezeichnet diese Vorgehensweise als „Die Galerie als strategische Basis“4. Das Prozedere war dabei jeweils unterschiedlich: So wurde das Publikum angesprochen, die Orte der Präsentation auszuwählen. Gian Enzo Sperone gab dem Künstler dreißig Visitenkarten von Personen, die Cadere dann persönlich besuchte. Beteiligungen von Cadere an Messen, wie an der „Art Fair“ in Bologna, wurden genutzt, um die Arbeit in anderen Galerien auf der Messe auszustellen, aber darüber hinaus das Werk auch in der Stadt und in Florenz zu zeigen. Die schon erwähnten mündlichen Vorträge erweiterten sich später zu eigenständigen Veranstaltungen, bei denen der Künstler mit dem Publikum in Kontakt kam. Die Präsentation des Werks stand danach für sich, oder sie wurde ganz unterbunden. 1975 nutzte er die leere Mailänder Galerie von Françoise Lambert nur als Begegnungsort.

Die Strategie des Displacements oder des Eingriffs ist kennzeichnend für das gesamte Werk von André Cadere. Diese Strategie ist abhängig vom Künstler, der diese Stragegie trägt. Erst die Präsenz des Künstlers bildet jenen strategischen Fremdkörper, der Orte, Ereignisse und Strukturen besetzen kann. Die Arbeit von Cadere stellt neben ihren historischen Wert, bedingt durch die Anwesenheit des Künstlers, die Frage nach dem Werk. Wieweit lassen sich die Strategien unabhängig von dem Strategen denken? Es besteht die Gefahr, das materielle Werk von André Cadere als ästhetisches wahrzunehmen, anstatt dessen strategischen Gehalt zu würdigen. Dieser kann innerhalb des Betriebssystems Kunst wirksam werden.

ANMERKUNGEN
1 Siehe zu den Promenaden auch die Arbeiten von Raimund Kummer in KUNSTFORUM, Bd. 91, Realkunst – Realitätskünste, Seite 196. Raimund Kummer hatte Postkarten ausgeschickt, mit denen zur Betrachtung einer für den Künstler bemerkenswerten Stelle in der Alltäglichkeit der Stadt eingeladen wurde.
2 Siehe die Auflistung in dem Artikel von Bernard Marcelis: André Cadere: The Strategy of Displacement, in Ausstellungskatalog André Cadere, Institute for Contemporary Arts, New York, Musée d`Art Moderne de la Ville de Paris, 1992, S. 58.
3 Siehe auch das Projekt „Fremdkörper“ in Band 112, S. 430.
4 siehe Anm. 2.

von Thomas Wulffen

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