Titel: Kunst und Geld · von Jürgen Raap · S. 198
Titel: Kunst und Geld , 2000

Andreas Siekmann: Machtverhältnisse

Emile Zola beschreibt in seinem mehrbändigen Roman „Les Rougon-Marquart“, wie um die Wende vom 19. zum 20. Jh. beim Flanieren auf den Boulevards provenzalischer Städte die angenehme Schattenseite den Honoratioren vorbehalten war. Das gemeine Volk indessen musste sich mit der Sonnenseite der Straßen begnügen. Auch im demokratischen Zeitalter sind Straßen und Plätzen Orte der Selbstinszenierung, spielt sich hier ähnlich wie in den Foyers der Opernhäuser und bei Ausstellungs-Vernissagen eine Ritualität des Sehens und des Gesehen-Werdens ab. Dabei lebt die Kleiderordnung der ständischen Gesellschaft in den heutigen Textilkonventionen fort, in denen allein schon der Markenname einer bestimmten Design-Reihe einen imagebildenden Charakter hat, der sich vom Label auf den individuellen Träger ausweitet.

Der Berliner Künstler Andreas Siekmann stellte im August/September 1999 im Frankfurter Portikus eine Reihe von Zeichnungen aus, die seit 1996 entstanden sind und die er unter dem Titel „aus: Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ zusammenfasst. „Die Bilder zeigen, dass und in welcher Weise sich ökonomische Machtverhältnisse auf den öffentlichen Stadtraum auswirken. Nach Siekmann steht dieser zunehmend unter den Interessen privater Investoren und den von ihnen beeinflussten politischen Rahmenbedingungen.“1 Tatsächlich wirken in den deutschen Großstädten vermehrt die Einzelhandelsverbände auf die örtliche Polizei ein, betrunkenen Punks in abgerissener Kleidung und Drogenabhängigen „Platzverbot“ zu erteilen – sie stören mit ihrer optischen Erscheinung und ihrem Auftreten das, was sich die Standort-Strategen unter „City-Marketing“ vorstellen. „Kleider machen Leute“ – dieses geflügelte Wort gilt nicht nur an Orten, an denen nach wie vor eine bestimmte Kleiderordnung herrscht („Abendgarderobe erwünscht“), sondern auch an jenen, die multi-sozial und…

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