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Ausstellungen: Berlin · von Hermann Pfütze · S. 266 - 269
Ausstellungen: Berlin , 2008

Hermann Pfütze
Another China

Das Lijiang Studio in Yunnan
Kunstverein Tiergarten, 16.5. – 20.6.2008

Das Lijiang Studio wurde Anfang 2005 von dem chinesischen Künstler Mu Yuming (geb.1971) und dem amerikanischen Sinologen Jay Brown (geb. 1977) gegründet. Es liegt etwas außerhalb der inzwischen auch vom Tourismus entdeckten alten Stadt Lijiang in Yunnan, im äußersten Südwesten Chinas, zwischen den Riesenschluchten des Mekong und des Yangtse, weit weg von den politischen, ökonomischen und kulturellen Zentren. Das Studio betreibt Ausstellungen, interaktive künstlerische Aktivitäten mit den Einheimischen und ein Artist-in-Residence-Programm in einem Dorf in den Bergen von Yunnan. Anders als in Europa oder USA, ist hier die abseitige Lage eine Voraussetzung des Unternehmens.

Im Geist des „Jianghu“ tat sich eine Gruppe junger Künstler zusammen, die „alle Formen der Täuschung nutzt, um alles für nichtig zu erklären, was man über Kunst weiß. Durch Verwirrung zur Klarheit“. „Jianghu“ bedeutet wörtlich, so Jay Brown, „Flüsse und Seen“. Aber es könne alles bezeichnen „von einem ‚unermesslich weiten, nicht festzulegenden Ort‘ bis zu einer bestimmten Art von Kung-Fu und einer sozialen Ordnung, die mehr Macht hat als Gesetze. Der Begriff umfasst die Bedeutungen von Gefahr, Anarchie und großer Lebenserfahrung ebenso wie von Geheimgesellschaften, wandernden Künstlern, Scharlatanen und Hooligans. .. Wir wählten für unser Projekt die schmutzigsten und unflätigsten – nicht solche, die man im Wörterbuch findet.“ (Katalog, S.7)

Das klingt nach DaDa, Surrealismus und Expressionismus, aber hier sind es wirklich gemeinsame Unternehmen kultureller Randgruppen, wie Musiker, Wanderartisten, Schamanen, Hirten, lokale Popsänger, Künstler und Lehrer. Mit solchen „Fluss-See“-Leuten hat der Amerikaner Duskin Drum 2005 während einer ganztägigen Jianghu-Bergwanderung eine „künstlerische Pilgerfahrt in die Wildnis“ organisiert. Unterwegs wurden Gedichte deklamiert, Pflanzenkostüme geflochten und oben am Tempel schließlich Ziegen und Hühner geopfert und verzehrt. In Peking und Shanghai ginge das nicht, während an den Rändern der staatlichen Ordnung solche anarchistisch-hedonistischen Spielarten jener einst von Mao gewaltsam verordneten „Umerziehung auf dem Lande“ gedeihen.

So passt es gut, dass diese Ausstellung auch in Berlin am Rande der Kunstszene stattfindet, im eher kunstfernen Moabit, zwischen Großstadt-Randgruppen und türkisch-arabischem Kleingewerbe. Der Leiter des Kunstvereins Tiergarten, Ralf Hartmann, hat das Lijiang Studio zum Gegenbesuch eingeladen, nachdem zwei Berliner Künstler, Christine Falk und Alfred Banze, im Herbst 2006 dort Gäste waren.

Den Mittelsaal der Galerie beherrscht die bizarre Material-Installation von Mu Yuming aus Texten und Fotos, Fundstücken und Resten, obszönen Zeichnungen, Figürchen und Graffitis – eine unflätige und schmutzige Variante des Jianghu. „Meine Zeichnungen, schreibt Mu Yuming, sind Teil meines täglichen Lebens, wie essen und scheißen … Wenn du nie deine eigene Scheiße probierst, solltest du versuchen, meine Zeichnungen zu probieren. Es ist wie ein wunderbarer Nachtisch mit einer Tasse chinesischen Tees und einem Stück Schokoladenkuchen, die deinen Schlund passieren, um deinen Magen zu berühren und dann aus deinem Arschloch herauskommen, am Schluss wieder am Südberg einer chinesischen Landschaft.“(Katalog S.53) Was zunächst nur Ekel- und Sexualprovokation zu sein scheint, lässt sich auch als drastisches Beispiel taoistischer Ganzheitlichkeit lesen. An den chinesischen Kunstschulen gilt Mu Yuming noch als „der verrückte Sohn des Bauern“, während er in Europa inzwischen als Künstler anerkannt ist. Auf die Frage, wie er sich hier als Chinese erfährt, sagt er: „Ich gucke in den Spiegel: Oh, ein Chinese! – und dann: Das bin ja ich.“

Derart kulturelle Gegensätze zu übersetzen und zu vermitteln, ist Erfahrung und Konzept der beteiligten Künstler, wobei nicht immer klar ist, worum es ihnen mehr geht: ums Erleben oder ums Erschließen der Gegensätze. Sie müssen ja, wie bei Mu Yuming, erst einmal als solche erschlossen werden, um nicht umstandslos den eigenen Affekterlebnissen angepasst zu werden.

Die Holländerin Saskia Janssen hat 2005 die in den 80er Jahren begonnene touristische und ökonomische Erschießung Lijiangs durch die Han-Chinesen untersucht und auf Video und Schallplatte das Leben der „zwei Städte Lijiang“ dokumentiert. Neben der von den einheimischen Naxi bewohnten Altstadt entstand nämlich die Neustadt mit einem Flughafen. Chinesische Unternehmer mieteten von den Naxi traditionelle Holzhäuser und bauten sie um zu Cafés, Hotels und Souvenirshops, und viele Naxi leisteten sich von den Einnahmen bessere Wohnungen in der Neustadt. „Die Rollen wurden vertauscht. Geht man heute durch die Altstadt, so trifft man auf Han-Chinesen in Naxi-Kostümen, die Naxi-Musik spielen, während die Naxi in der Neustadt moderne Kleidung tragen und der Han-Musik lauschen“.(S.29) Die musikalischen und ökonomischen Unterschiede zwischen Provinz und Zentrum, zwischen Minderheit und Mehrheit, verschwinden also nicht, sondern werden überall hingetragen. Der Preis für großartige Ethnomusik-Festivals bei uns ist der Fortschritt der Betonsteinzeit bis ins letzte Dorf. Saskia Janssen hat mit den Einwohnern von Lijiang diese Dynamik bearbeitet, Musik aus beiden Kulturen bzw. Stadthälften aufgenommen und so die Kontraste stabilisiert, was ja die Voraussetzung fürs Brückenschlagen ist.

Zwei Fotografen, Joybrata Sarker aus Dhaka in Bangladesh und Luo Yongjin aus Shanghai, zeigen sehr unterschiedliche Bilder dieser Kontraste. Während Sarker mit Farbfotos die, wie er sagt, „Schönheit und Lebensqualität“ in dem Naxi-Dorf Lashihai dokumentiert, hält Luo Yongjin dazu kritische Distanz. Seine großen Schwarz-Weiß-Querformate zeigen die Umweltveränderung an drastischen Nuancen zwischen Natur und Zement, klarem Himmel und Verkehrsstau, bäuerlichem Leben und Tourismus. Vom Verschwinden der Unterschiede zwischen Stadt und Land, einst einer zentralen Forderung der maoistischen Kulturrevolution, kann also hier keine Rede sein.

In diesem Sinn postmaoistisch arbeiten auch Sylvia Winkler und Stephan Köberl aus Stuttgart bei ihren Interventionen im öffentlichen Raum. Sie achten und nutzen die Unterschiede zwischen Stadt und Land, zwischen Tradition und Moderne, statt sie kulturrevolutionär zu schleifen. Mit alltäglichen Dingen und Beobachtungen vom Land schaffen sie überraschende Situationen im urbanen Raum, denn nur in der Stadt gibt es dafür absichtsloses Interesse. Sie fanden im Dorf ein Schwein an sehr kurzer Leine und sahen einen Mann, der etwas vor sich auf den Boden geschrieben hatte. Daraus machten sie in Lijiang die Straßenperformance „Das arme Schwein“. Der Text heißt: „Dieses arme Schwein wurde an einer sehr kurzen Leine gehalten, so dass es sich nicht einmal hinlegen konnte. Bitte helfen Sie uns, die Lebensbedingungen dieses Schweins zu verbessern. Danke!“ Das ist zwar auch in der Stadt ein wenig albern, aber ganz im Geist des Jianghu eine unberechenbare Aktivität.

Christine Falk aus Berlin ging mit ihren städtischen Lebenserfahrungen ins Dorf. In Lashihai fühlte sie sich „wie in einer schützenden Schale“ und in der Gastfamilie rasch zu Hause. Den Kindern mehrer Dörfer stellte sie sich mit einer Fotoserie ihres Lebensumfelds vor, und gab dann den Kindern Kameras, damit sie sich und ihre Welt fotografieren. Abseits davon hat sie klar konstruierte Ölbilder gemalt, eher grafische als malerische Impressionen von Häusern, Räumen und Klöstern. Es sind Bilder mit eigener Kraft, ohne Abbilder und engführendes Beiwerk. Alfred Banze, der andere Kurator der Ausstellung, hat zwar auch in den Dörfern Workshops mit Kindern und Jugendlichen gemacht und ihnen Bilder aus seinem Leben und aus seinen Sammlungen gezeigt. Er hat seinen Aufenthalt in Lijiang jedoch, zusammen mit Videoclips und eigenen Songtexten, vor allem in eine Bühnenperformance zur Selbstdarstellung eingebaut. Autos mag er nicht, aber „Bäuerinnen mit Maiskolben“. Er liebt Armutsfolklore und macht sich den Dörflern scheinbar gleich. Die aber kaufen Fernseher und wollen Werbung sehen.

Das Gegenteil zu Banzes Auftritt ist die unauffällige Präsenz des Naxi-Schamanen He Xiudong. Dessen während der ganzen fünf Wochen in der Ausstellung praktizierte Meditationen und Rituale sind so exotisch wie selbstverständlich. Er spricht weder englisch noch deutsch, aber seine mit Hilfe der Galerie organisierten Meditationskurse, Gesundheits- und Lebensberatungen fanden regen Zuspruch. Gegen die herrschenden Klischees über Kunst in China, zwischen Fälscherwerkstatt und Kunstmarktauftrieb, zwischen tausend Chinesen auf der Documenta in Kassel und heroischem Gesamtkunstwerk zur Olympiade in Peking, vermittelt diese Ausstellung Eindrücke eines „anderen China“, das bei aller Ferne recht nahe ist: ähnliche Probleme, ähnliche Interessen, Wünsche und Spannungen zwischen Künstlern und anderen Leuten, aber eine zunehmende Vielfalt des Ausdrucks. Auch ästhetisch ist die Globalisierung ein Tausendfaches Hin und Her und befördert künstlerische Kreativität offenbar weit mehr als sie zu disziplinieren.

Informativer, gut bebilderter Katalog, 12 Euro

Herausgeber Another China GbR, Alfred Banze, Christine Falk,

Bizetstr.99, D – 13088 Berlin