Titel: Kunst und Geld · von Jürgen Raap · S. 200
Titel: Kunst und Geld , 2000

JÜRGEN RAAP

Äquivalenz im Glücksspiel – Geld und Macht

KUNSTVEREIN NEUHAUSEN: RISIKO CURATING
OLIVER RESSLER: »THE GLOBAL 500«

I.

„Wer Glück im Spiel hat, der hat auch Geld für die Liebe“, behauptet ein Bildtitel des Malers Heinz Zolper in Abwandlung der alten deutschen Redensart, dass Glück in einem der beiden Metiers automatisch Pech im jeweils anderen bedeute. Zum Trost für die vom Pech Betroffenen gibt es im Sprichwort den Hinweis auf die ausgleichende Gerechtigkeit durch eine Schick salsmacht: die Ebenen des jeweiligen Handelns (Spielen, Lieben) bilden eine Korrelation; das qualitative wie quantitative Ergebnis des Handelns (Glück oder Pech) beruht dem Volksglauben nach somit auf einer gegenseitigen Bedingtheit, die in Wirklichkeit aber weder psychologisch noch mathematisch belegt werden kann. Es mag ja sein, dass jemand in der euphorisierenden Stimmung großer Verliebtheit, und das heißt im Zustand emotionalen Glücks, zu unkonzentriert ist, um außerdem noch Glück im Spiel zu haben. Eine allgemeine Gesetzmäßigkeit bedeutet dies jedoch nicht, zumal auch eine krisenhafte emotionale Extremsituation zu einer mentalen Blockiertheit führen kann, in der man „schlecht spielt“. Die Gültigkeit der Aussage „Pech im Spiel, Glück in der Liebe“ (oder umgekehrt) ist also für den Alltag höchst zweifelhaft, weshalb Zolper sie ironisiert und entsprechend korrigiert.

In den Walt Disney-Comics, die im Grunde genommen eine Schilderung moderner Mythen darstellen, wird allerdings diese Korrelation aufrecht erhalten, wenn Gustav Gans, der ewige Glückspilz, und der stets tolpatschige Pechvogel Donald Duck um die Gunst der Ente Daisy buhlen und zumindest in diesem Falle Donald letzten Endes der Erfolgreichere ist. Zuviel Glück wäre auf Dauer ebenso unerträglich wie zuviel Pech, und so hat in der Dramaturgie dieser Comics der Glückspilz Gustav Charakterzüge des Unsympathischen, Donald hingegen ist der positive Held oder zumindest eine Karikatur dessen. Großes und häufiges Glück weckt Neid bei den anderen, und so rücken die Boulevard- und die Regenbogenpresse immer wieder die Welt zurecht mit rührenden Geschichten, in denen „das viele Geld“ jemandem letztlich doch „kein Glück gebracht“ habe. So ist denn eine Aufrechnung biographischer Bilanzierungen häufig mit der Deutung einer schicksalhaft notwendigen wie logisch einsichtigen Äquivalenz zwischen Glück und Pech verbunden: wo es einen Gewinner gibt, muss es ja zwangsläufig auch Verlierer geben.

In einer Gesellschaft, die in höchstem Maße erfolgsorientiert ist, in der jedoch die Mehrheit ihrer Mitglieder nicht den medialen Leitbildern des Erfolgs oder des Glücks entspricht, geschieht dieses gestisch-symbolische „Zurechtrücken“ des Weltgeschehens in der Konstruktion von trivialen Dramen und Mythen: dass Lady Diana durch einen betrunkenen Chauffeur zu Tode kam und John F. Kennedy jr. durch Überschätzung seiner Erfahrung als Pilot, ist für die Yellow Press viel zu banal – sie garniert daher fast immer solche Geschichten mit Mutmaßungen über Todessehnsucht und übermütige Herausforderung des Glücks. Sie bedient sich – eingekleidet in das Gewand modernen Infotainments – der literarischen Tiefenstruktur der antiken Tragödie, in der jemand frevelhafterweise die Götter reizt, und sie benötigt als Medium der Trivialmythologie immer wieder Belege einer scheinbar schicksalhaften Umkehr von Glück in Unglück, weil nach den Gesetzen des Genres Helden, manchmal auch Märtyrer, jung sterben müssen, um zum dauerhaften Mythos zu werden. Ein Lottospieler, der seinen Gewinn auf die hohe Kante legt und anschließend einfach so weiter lebt wie bisher, ist als Hauptfigur solch eines modernen Märchens ebenfalls zu banal.

Biologisch-physiologisch lässt sich das Glücksempfinden als Aktivierung der Endorphine beschreiben, der „Glückshormone“. Dauerhaftes Glück wird aber schließlich als ein Normalfall empfunden, der kaum noch Freude auslöst. Ebenso vermag wohl der „ewige Verlierer“ sich daran zu gewöhnen, dass er immer den Kürzeren zieht, er resigniert und reagiert mit Gleichgültigkeit, er strengt sich erst gar nicht mehr an, weil so oder so das Ergebnis immer dasselbe sein wird. Doch eine Spannung und eine Motivation zum weiteren Mitspielen kann nur eintreten und aufrecht erhalten werden, wenn Sieger und Verlierer nicht von vorneherein feststehen. Ebenso ist in einer Gesellschaft ein sozialer Friede nur gesichert, wenn zumindest theoretisch jedem die Möglichkeit zur Partizipation am allgemeinen Wohlstand und darüber hinaus eine prinzipielle Chance zum wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg garantiert werden kann. Mit einer weit verbreiteten lethargischen „Das bringt ja doch nichts“-Haltung ließe sich kein Wirtschaftswachstum und kein technischer Forschritt erzielen. Die Methoden der Sportpsychologie, einem Athleten das Bewusstsein eigener Stärke und Siegeswillen zu vermitteln, wozu die Bereitschaft punktueller Überschreitung physischer und mentaler Grenzen gehört, und jene zur Schulung von Managern sind sich nicht unähnlich. Bereits Kinder, die „Mensch-ärgere-dich-nicht“ spielen, üben einen solchen Siegeswillen ein.

Die Höhe des Gewinns bzw. der Siegprämie ist ein gradueller Maßstab für großen oder geringen Erfolg, das gilt ebenso für die Ranking-Tabellen in den Wirtschaftsgazetten: Der Wiener Künstler Oliver Ressler nahm für sein Ausstellungsprojekt „The Global 500“ die Jahresberichte der 500 größten Konzerne der Welt als Ausgangspunkt und ergänzte die Bilanzen um Statements der Konzernbosse zur Globalisierung und um Kommentare von Ökonomen und Gewerkschaftern.1 Platz 1 in dieser Ranking-Tabelle nimmt Microsoft ein, gefolgt von General Electric. Aber auch die polnische Telekom hat sich unter den ersten 500 Plätzen etablieren können. Nach einem Ausstellungsauftakt in der Galerie Stadtpark Krems im Frühjahr 1999 hat Ressler als weitere Ausstellungsstationen „W 139“ in Amsterdam (Herbst 1999) und die Trick Gallery in Calgary (14. Januar bis 19. Februar 2000) als Präsentationsorte gewinnen können.

Strategische Entscheidungen in den Vorstandsetagen, sich auf Risikounternehmen einzulassen, erlauben manchmal durchaus einen metaphorischen Vergleich mit einem Spieler, der intuitiv im richtigen Augenblick „alles auf eine Karte setzt“. Risikobereitschaft ist in gewissem Maße ein Synonym für „aggressive Spielweise“, Kartell- und Wettbewerbsbehörden überwachen die Einhaltung der Regeln wie Schiedsrichter, und die Ausnutzung von Insider-Wissen gilt als Foul, die „feindliche Übernahme“ aus Sicht der Betroffenen als Verstoß gegen das moralische Gebot der Fairness. In der Zeitungssprache werden Konzerne wie Daimler Crysler denn auch gerne als „Global Player“ bezeichnet. Weil das Geschehen in der Wirtschaft für den Laien oft undurchsichtig ist, lässt es sich am besten durch die Metapher des Spiels mit der Unkalkulierbarkeit seines Ausgangs veranschaulichen. Ressler geht es allerdings um Handfestes: Sein Projekt „skizziert die Einflussnahmen transnationaler Konzerne auf Staaten und die Rahmenbedingungen der Weltwirtschaft“, mithin um die Ausübung von Macht über Geld, was im Grunde genommen überhaupt nichts Spielerisches an sich hat.2 Stella Rollig bemerkt zu Resslers Präsentationsstrategie, man könnte sie „als Sabotage bezeichnen. Vorlage sind die Stärke, Fortschritt und Machbarkeit signalisierenden Fotos aus den internen Broschüren…, deren visuelle und sprachliche Rhetorik die der … Werbekampagnen an Machtdemonstration und forschem Eroberungswillen noch um einiges übertrifft“3. Auch in den Interviews, die Ressler als Video dokumentiert und mit den Selbstdarstellungen der Firmen im Internet verbindet, wird eine „harmoniesüchtige“ Sprache entlarvt: Wenn General Electric in seinem Jahresbericht 1997 unverhohlen anmerkt, notfalls müsse die Wirtschaft ihre Wettbewerbsinteressen auch gegen „unkooperative Regierungen“ durchsetzen, ist die Bezeichnung „Global Player“ verniedlichend. Denn in der rauen ökonomischen Wirklichkeit wird nichts – wie im Glücksspiel – dem Zufall überlassen.

II.

Neben der Erbschaft oder Schenkung, der Erträge von physischer und geistiger Arbeit und der Rendite von Investitionskapital ist das Spielen und Wetten an gesellschaftlich sanktionierten Orten (Casino, Turfplatz, Lottoannahmestellen) die einzige weitere legale Möglichkeit, an Geld zu kommen bzw. Geld zu vermehren. Lotto hat eine gesellschaftliche Ventilfunktion für diejenigen, die anderweitig nie zu einem großen Vermögen kommen könnten, es dient daher auch zu einer – teilweise zumindest, wie oben angedeutet – Befriedung einer Gesellschaft mit krassen sozialen Gegensätzen. Um allerdings Glück im Spiel zu haben, bedarf es nach landläufiger Auffassung mehr als lediglich Beherrschen der Spielregeln – es gilt, beim Pokern „die Nerven zu behalten“ und beim Roulette bei einer Siegesserie rechtzeitig aufzuhören, bevor der Gewinn in der unweigerlich folgenden Pechsträhne wieder zerrinnt. Die gesetzlichen Bestimmungen für das Betreiben von Spielhallen oder Casinos und für die Durchführung von Lotterien differenzieren zwischen Glücks- und Geschicklichkeitsspielen – dennoch bilden sich die meisten Glücksspieler ein, durch eigene Geschicklichkeit das Spiel zu ihren Gunsten beeinflussen zu können, sei es durch Anwendung eines mathematisch kalkulierten „Systemtips“ oder durch ein bestimmtes taktisches Verhalten, getreu der Devise, dass Glück auf die Dauer nur der Tüchtige habe, dass es mithin herbeigezwungen werden könne.

Das gewinnorientierte Spiel mit Ausschüttung einer Siegprämie unterliegt daher einem Leistungsprinzip, wie die Arbeit, im Unterschied zum rein lustbetonten, zweckfreien Spiel, das vom Kindesalter auch in das Erwachsenendasein hineinwirkt und zur reinen Entspannung und Zerstreuung gepflegt wird. Die grundsätzliche anthropologisch konditionierte Neigung und Befähigung zum Spiel beweist, dass wir nicht nur homo sapiens sind, sondern auch noch die phylogenetischen Nachwirkungen des homo ludens in uns haben. Sobald das Spiel jedoch auf einen materiellen Gewinn hin ausgerichtet ist, macht sich die Verhaltensstruktur des homo laborans bemerkbar: das Glücksspiel ist eine Form von Arbeit, der nicht nur Berufsspieler nachgehen. Der Einsatz ist Investitionskapital, das Mitspielen mit seiner Konzentration von Energie ist reale geistige (und manchmal auch physische) Arbeit, und der Gewinn ist dann der profitable Ertrag einer solchen Arbeit, die konkret im fünfminütigen Ausfüllen eines Lottoscheines bestehen kann, im Studium der Fachpresse, um vorhersagen zu können, welches Rennpferd bei schwerem Boden die besseren Siegchancen hat, oder in nächtelangem Pokern im verräucherten Hinterzimmer.

Zur Aufrechterhaltung einer notwendigen Arbeitsmoral in den Feldern der grundsätzlichen materiellen Existenzsicherung kann es sich allerdings keine Gesellschaft leisten, der Leistung eines „Zockers“ den gleichen Nimbus angedeihen zu lassen wie jener in den „ehrbaren“ Berufen – das Glücksspiel wurde und wird daher von den Kirchen jahrhundertelang als schwere Sünde verdammt, vom Staat verboten oder strikt reglementiert:

Die gesetzlichen Bestimmungen legen fest, dass nur Geschicklichkeitswettkämpfe, etwa ein Skat- oder Schachturnier mit Auslobung eines Preises, jeder ohne besondere Genehmigung abhalten darf. Das Aufstellen von Roulettetischen oder einer Lostrommel hingegen erfordert eine staatliche Konzession. Wie bei der Münzhoheit, so behält sich auch hier der Staat ein Monopol vor, und sichert sich gleichzeitig eine Einnahmequelle in Form der Vergnügungssteuer. Für Spielcasinos ist sogar vorgeschrieben, dass das „große Spiel“ (Roulette, Black Jack) und das „kleine Spiel“ an Automaten räumlich voneinander getrennt werden müssen. Welcher Prozentsatz der Einsätze an „Einarmigen Banditen“ oder bei der Klassenlotterie wieder als Gewinn ausgeschüttet werden muss, was der Veranstalter einbehalten darf, und was er an den Staat abführen muss, ist genau festgelegt. Und so kommt per Gesetz ein erheblicher Teil der Lotterieumsätze wohltätigen und kulturellen Zwecken zugute: Je mehr Mitspieler am nächsten Wochenende den „Jackpot“ knacken wollen, um so eher darf ein Museumsdirektor auf Zuwendungen aus dem Lottotopf hoffen – auch das ist ein Aspekt von „Kunst und Geld“.

III.

Jedes Glücksspiel ist im Grunde genommen eine Wette: man setzt auf eine bestimmte Zahl, und damit wettet man, dass sie gezogen wird oder die Roulettekugel auf ihrem Feld liegen bleibt, oder man wettet beim Pokern durch „Mitgehen“ und „Erhöhen“ des Einsatzes, dass man ein besseres Blatt hat als die Mitspieler. Die Wahrscheinlichkeit, nach der beim „6 aus 49“-Lotto eine bestimmte Zahl gezogen wird, lässt sich zwar mathematisch berechnen – aber dabei ist die Chance auf „sechs Richtige“ ziemlich gering. Obwohl seit der Einführung dieses Lotteriespiels in den fünfziger Jahren über einen längeren Zeitraum tatsächlich einige Zahlen häufiger gezogen wurden als andere, lässt sich rational keine Prognose für die Zukunft ableiten, dass diese bestimmte Zahlenhäufigkeit auch weiterhin anhalten wird. Das Spiel unterliegt dem reinen Zufall, sein Ausgang ist prinzipiell nicht vorhersagbar, sein Verlauf „unter notarieller Aufsicht“ von den Mitspielern nicht zu steuern, nicht zu beeinflussen. Dennoch kreuzen viele Mitspieler ihr Geburtsdatum als „persönliche Glückszahlen“ an oder sie verteilen ihre Kreuze als geometrisches Muster über das Tippfeld, als ob sich durch derlei individuelle Zeichensetzungen das Schicksal, d.h. der Spielverlauf, beschwören ließe.

Das Glücksspiel mit seiner prinzipiellen Unwägbarkeit erweist sich damit als ein Gegenüber zur alltäglichen Welt mit ihren Rationalismen, aber gleichzeitig projiziert es sich auch in diese Welt der kaufmännischen Berechnung und der nüchternen Planung hinein, indem nämlich die Devise „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ nicht nur wie oben beschrieben metaphorisch, sondern auch ideologisch an die geforderte Innovationsbereitschaft, Dynamik und Risikofreudigkeit des Unternehmertums gekoppelt wird. Die ökonomische Faustregel zum Umgang mit Kapitalanlageberatern, je höher der versprochene Rendite-Gewinn ist, desto höher ist auch das Risiko, das eingesetzte Kapital völlig zu verlieren, beschreibt nichts anderes als eine Glücksspielkomponente in der Finanzwirtschaft. Wer eine Aktie kauft, wettet, dass ihr Kurs steigen wird. Auch ein Vertrag mit einer Versicherung basiert eigentlich auf dem Prinzip der Wette: der Versicherungsnehmer wünscht eine Absicherung gegenüber dem Risiko, einen Schaden zu erleiden oder haftbar gemacht zu werden – tritt der Schadensfall aber tatsächlich ein, ist das aus Sicht der Versicherung so, als ob sie eine verlorene Wette bezahlen müsste. Sie trotzt in Form einer höheren (Risiko)- Prämie dem Kunden im voraus einen höheren Wetteinsatz ab, wenn die Gefahr besonders hoch ist, etwa für Gebäudeschäden in Hochwassergebieten.

Die Glücksspiralen und Lostrommeln appellieren wie die Vertreter für Hausratsversicherungen an ein archetypisches Gefühl, einer untergründigen Schick salsmacht ausgeliefert zu sein, genau so, wie man ein Ausgeliefertsein gegenüber den Kräften und Mächten der Natur empfand oder empfindet. Und damit kommt auch im Zeitalter einer aufgeklärten Moderne die Magie ins Spiel – mit all ihren Gesten des Bannens und Beschwörens. Im Glauben, dass bestimmte Zahlen eine persönliche oder sonstige nicht-mathematische Bedeutung haben können, behaupten sich bei Lottospielern die Überlieferungen einer Zahlenmagie bzw. Zahlenmystik gegenüber dem Rationalismus der Wahrscheinlichkeitstheorie. Der Glücksspieler folgt der Annahme, dass es den wirklich reinen Zufall nicht gibt, dass kein Ereignis physikalisch oder in sonstiger Weise faktisch ohne Grund bzw. ohne irgendeine Impuls-Ursache eintritt, und dass auch das rational Erklärbare immer noch eine weitere, schicksalhafte Bedeutung habe, dass aber Unglück gebannt werden kann, indem man z.B. durch ein Opfer die Götter gnädig stimmt. Der Trinkgeldtopf im Spielcasino, in den die Gewinner ihr Scherflein für die Croupiers entrichten, hat neben der üblichen sozialen Geste noch die Bedeutung eines quasi-religiösen Opferstocks.

Jeglicher Versuch, durch Erkennen einer Kraft oder ihres Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs diese auch gleichzeitig über die Anwendung bestimmter Rituale zu beherrschen, dient u.a. der Überwindung von Angst. Wer sich an einem Glücksspiel beteiligt, überwindet zunächst einmal die Angst vor dem Verlieren. Meistens kaschiert man dies mit dem Argument, „nur aus Spaß“ könne man mit einem geringen Einsatz ja mal mitmachen. Bei regelmäßiger Beteiligung und größerem Reiz wird dieses psychodynamische Phänomen dann jedoch in der Regel vom unbedingten Willen nach dem Gewinn überlagert, der sich zur Gier zu steigern vermag. Ernsthafterweise spielt man am Roulettetisch nicht zum Zeitvertreib, gar aus Langeweile, sondern um zu gewinnen. Die Gier nach dem Gewinn kann zu einer so starken Antriebskraft mit durchaus ruinösen pathologische Zügen (Spielsucht) annehmen, wie sie Dostojewski als autobiografisches Psychogramm in seinem Roman „Der Spieler“ geschildert hat. Die Spielsüchtigen rechtfertigen sich, ihnen ginge es nur um das Spiel an sich, um den Nervenkitzel, um eine Extremsituation von seelischer und existentieller Befindlichkeit, die nur im Prinzip „Alles oder nichts“ zu durchleben sei.

IV.

Vom April 1998 bis zum Februar 1999 führte im schwäbischen Neuhausen der dortige Kunstverein seine Projektreihe „Risiko Curating“ durch – jeder Mitspieler konnte mit 20 Mark Einsatz für ein Los „durch Zufall zum Kurator werden“. Von 100 angebotenen Losen waren 80 als Nieten ausgewiesen. Die 20 Gewinnlose enthielten die Namen von Künstlern wie Andres Bär, Sinje Dillenkofer, Christian Hasucha, Boris Nieslony, Karin Sander, Timm Ulrichs oder Steffen Schlichter, die sich bereit erklärt hatten, zusammen mit den 20 Inhabern dieser Lose eine Ausstellung durchzuführen: „Die Einlösung des Gewinns erfolgt durch Übergabe eines Exposés, das die biographischen Daten … und Arbeitsbeispiele des/der gezogenen Künstlers/-in enthält. Das Gewinnlos ermöglicht dem Risiko-Curating-Spieler, den gezogenen Künstler kennenzulernen, um mit ihm ein spezielles Kunstprojekt zu realisieren oder bei der Realisierung eines Projekts behilflich zu sein.“4

Zum Sinn und Zweck dieses Spiels hieß es weiter: „Jenseits von Einschaltquoten und Besucherzahlen soll mit diesem Rollentausch ein Teil des Publikums als Risiko-Curating-Spieler direkt angesprochen, einbezogen und zu aktiven Kunstteilnehmern werden. Risiko Curating stellt dabei aber auch die längst überfälligen Fragen nach den Rollen und den Aufgaben von Kuratoren und stellt damit Machtverhältnisse und Entscheidungskompetenzen im Kultur- und Kunstbetrieb kritisch zur Diskussion“: Weder die Verantwortlichen im Kunstverein, noch die Künstler oder Gewinner konnten vorher genau wissen, auf was sie sich einließen. Für die Künstler mochte es ein Wagnis gewesen sein, sich mit einem Kurator zusammen zu tun, der bislang keinerlei praktische, professionelle Ausstellungserfahrung hatte. Im Unterschied zum klassischen Glücksspiel wurde hier eigentlich kein direkt fassbarer Gewinn ausgeschüttet, sondern dem Gewinner über die Beteiligung an der Lotterie hinaus eine weitere Leistung abverlangt: erst deren Erfüllung konnte zu einer Bereicherung an Erfahrung, an geistigem Gewinn und an Anerkennung durch die Rezipienten (Besucher, Kritiker) der kuratierten Ausstellung führen.

Andreas Bär produzierte zusammen mit dem Künstlerkollegen Christian Wulffen eine Rundfunksendung innerhalb des Programms von „Freies Radio für Stuttgart“ mit verfremdeter Rezitation der Titelseiten von elf aktuellen Tageszeitungen („Bär on air“). Die Gewinner Lieselotte und Kurt Dahl-Hermann ließen sich zusammen mit dem Künstler Steffen Schlichter noch auf ein weiteres Risiko ein: Schlichters Beitrag bestand aus „vier situationsbezogenen Gewerken“ in den Privaträumen und im Garten seiner Kuratoren, Das war ein vierwöchiger künstlerischer Eingriff in die unmittelbare intime Lebenssphäre, in den Wohnstil, „in die alltäglichen (Wahrnehmungs-)Gewohnheiten und Verhaltensrituale“. An vier Samstagen konnten externe Besucher diese „Gewerke“ besichtigen. Damit war den Gewinnern die sonst übliche Verfügungsgewalt über ihren Gewinn entzogen, der Rollentausch brach die ästhetische Entscheidungsmacht, die Kuratoren gemeinhin haben.

Wenn von den Bewerbern zur Aufnahme eines Studiums an der Kunstakademie alljährlich nur etwa 10 % angenommen werden oder bei einem Kunstwettbewerb von 500 Einsendern nur 20 in die Ausstellung einjuriert werden, haben viele Teilnehmer sicherlich das Gefühl, sie ließen sich auf ein Glücksspiel ein. Anstatt eine Jury wirken zu lassen, die Beteiligung an einer Ausstellung oder gar – wie dies vor Jahren mal eine BBK-Ortsgruppe in Norddeutschland exerzierte – einen Preisträger durch Los zu ermitteln, ist aus Sicht derjenigen gar nicht so unsinnig, die der Meinung sind, in den Jurys säßen sowieso immer nur dieselben Personen, und die würden auch immer nur dieselben Künstler auswählen.

Doch die Machtstrukturen innerhalb des Kunstbetriebs lassen sich durch solche Lotterien nur symbolisch attackieren. Zufallsgewinne im Glücksspiel ändern auch nichts an der Tatsache, dass sich gesamtgesellschaftlich und volkswirtschaftlich gemeinhin Geld und Macht gegenseitig stützen oder gar bedingen. Der Erfolg z.B. der politischen Parteien hängt von vielen Faktoren ab, vom medienwirksamen Charisma ihrer Spitzenkandidaten, von Stimmungstrends und von der Popularität ihrer Programmaussagen, und nicht zuletzt auch von der Höhe ihrer Wahlkampfetats. Dennoch ist der Ausgang einer demokratischen Wahl nicht vorherzusagen – in Ländern mit weitaus größerer Wettleidenschaft als bei uns, dort, wo man auf alles mögliche setzen kann, bieten manche Totalisatorfirmen daher auch Wetten auf einen Regierungswechsel oder auf erneuten Sieg der Amtsinhaber an – als ob der nächste Präsident oder Kanzler ausgelost würde oder wie ein Jockey mit seinem Rennpferd an den Start ginge.

Anmerkungen:
1.) Oliver Ressler, „The Global 500“, Ausstellungsreihe Galerie Stadtpark Krems (Juli 1999), Galerie „W 139“ Amsterdam (16.9.-10.10. 1999), Trick Gallery Calgary (14. Januar bis 19. Februar 2000)
2.) O. Ressler in einem Leserbrief an: „Der Standard“, abgedruckt 21. Juni 1999
3.) Stella Rollig, Setting the Place, in: „Eikon“, Herbst 1999
4.) zitiert nach: Kunstverein Neuhausen, Pressemitteilung und Karte mit Spielregeln zu „Risiko Curating“, April 1998