Messen & Märkte , 2008

Magdalena Kröner

Art Basel Miami Beach

6.- 9. 12. 2007

Es ist ein lauer, tropischer Vormittag in Miami. Beim besten Italiener der Stadt sitzt der Maler Richard Phillips im Garten und erzählt vor seinem Portrait Joschka Fischers in eine Kamera über den Grünen-Politiker, als wäre dieser sein bester Freund. Um die Ecke biegt der deutsche „Kunst“-Export Eva und Adele in vollem Ornat in leuchtendem Pink. Eva schwitzt und verwischt leicht nervös das glitzernde blaue Augen-Make up. Die „Damen“ machen der Hollywoodschauspielerin Lucy Liu ihre Aufwartung, die vom Schreibgerätehersteller Montblanc als Malerin präsentiert wird. Liu, die im knallengen Designerkleid sofort auf eine Oscarverleihung gehen könnte, grüßt die beiden geradezu militärisch und führt dann mit kerzengeradem Rücken Interviews im Akkord, währen draußen ein Mann, der aussieht wie ihr Bodyguard, einen Champagnercocktail schlürft. Kein Zweifel: die Zeit der Art Basel Miami Beach ist wieder angebrochen. Was für den Laien daran zu erkennen ist, daß neben den bunt gekleideten Touristen plötzlich blasse, angestrengt wirkende Gestalten mit Sonnenbrillen und Blackberrys durch die Straßen von South Beach eilen, zeichnet sich für Insider durch eine stetig wachsende Zahl von gecharterten Privatjets aus, die in diesen Tagen die Sammler in die Stadt bringen. Unübersehbar ist dabei die wachsende Präsenz der Russen und Chinesen, flankiert von den auffälligen Gattinnen von Schönheitschirurgen und sonstigen Unternehmern aus Brasilien, Argentinien und Kolumbien.

Der junge, strandlastige Ableger der ehrwürdigen Baseler Messe pflegte auch in seiner sechsten Ausgabe einen durchaus exotischen Glamour, der in scharfem Kontrast zum gediegenen Publikum der Schweizer Heimatmesse steht, aber viele gerade europäische Galeristen nicht schreckt. „Für uns ist die Art Basel Miami Beach die einzige amerikanische Messe, die wir machen“, sagt die Kölner Galeristin Gisela Capitain, „und hinter der teils grellen Fassade des hiesigen Publikums steckt ein intensives Interesse und auch ein wachsender Sachverstand.“ Noch etwas anderes dürfte den ausstellenden Galerien gefallen: in Miami darf es gern etwas größer sein; füllen doch Sammler vom Schlage Don und Mera Rubell mit ihrer jährlich frisch bestückten und neu arrangierten, längst weit mehr als 6000 Werke zählenden Privatsammlung locker die ehemalige Lagerhalle der Drogenfahndungsbehörde. In diesem Jahr präsentierten die Rubells allerdings offenbar das wenig einfallsreiche Ergebnis ihrer letzten Einkaufsrunde auf dem Art Forum Berlin mit der ganzen Garde deutscher „Household Names.“ Während hier etwa die Arbeiten André Butzers eine sich zwar wild gerierende aber letztlich sehr graue Ödnis verbreiteten, hatte Thomas Zipp einen effektvoll beklemmenden Raum eingerichtet, der ein bißchen nach Kommandozentrale, Kaltem Krieg und Stanley Kubrick und in all dem dann doch wieder sehr deutsch aussah. Hier schickte ein DJ unter der Schriftzeile „Geist über Materie“ den Körper durchdringende Resonanzen aus überdimensionierten Lautsprechern. Daß der Zwang, für ein wachsendes Heer kunstaffiner Touristen (wenn man die etwa 50.000 Menschen, die im mehr oder weniger engen Umfeld der Messe in diesem Dezember in die Stadt gekommen waren, mal als solche bezeichnen möchte) auf zwei weitläufigen Etagen eine jährlich komplett neue Präsentation einzurichten, im Fall von Sammlern vom Schlage der Rubells einen immensen Druck erzeugt, dem selbst eine derart umfassende Privatsammlung wie diese nicht gewachsen ist, wurde in diesem Jahr überdeutlich. Noch vor zwei Jahren etwa konnte man über das visionäre Potenzial der beiden Großsammler staunen, die mutig fast den vollständigen, damals existierenden Bestand an Gemälden von der Düsseldorfer Malerin Andrea Lehmann, einer Lüpertz-Schülerin, aufgekauft und gezeigt hatten. Deren Karriere wurde durch die vielgesehene Ausstellung heftig angeschoben – doch jetzt sind die aufs Schönste verschrobenen Bilder der Künstlerin auf unbestimmte Zeit im Lager verschwunden, wie viele andere. Daß 2007 eine derart uninspirierte, brav dem Hype um Berlin und Leipzig geschuldete Präsentation gezeigt wurde, ließ das Trendgespür der Sammler um so fragwürdiger erscheinen. Erfrischend zeigte sich dagegen die angenehm unprätentiöse, wenn natürlich auch wesentlich kleinere und persönlichere Privatsammlung des Rubell-Sohnes Jason Rubell und seiner Frau Michelle, wo ein amüsantes Ensemble von George-Condo-Portraits auf den Newcomer Matthew Day Jackson traf, während die kleinen Töchter des Hauses in ihren Kinderzimmern Yoshitomo Nara neben ein paar Bart-Simpson-Figuren neben einigen Becher-Studien von Hochöfen hängen hatten. Hier ist das Sammeln – noch – Privatsache. Man wird sehen, wie lange dies so bleibt.

Eins scheint jedoch auch bei den diesjährigen Qualitätsschwankungen der Großpräsentationen unbestritten: in Miami wird in großem Stil gesammelt, und so pirschten auch in diesem Jahr auffällig viele hochkarätige amerikanische Sammler, aber auch komplette Kuratorentrupps auf der Suche nach musealer Größe durch die Gänge des Convention Center. Der Mix aus musealer Qualität und exotischem Publikum zieht von Jahr zu Jahr eine größere Klientel und mehr und mehr Schaulustige an. Einzig der schwache Dollarkurs drückte in diesem Jahr die Hochstimmung und Kauflaune gerade der amerikanischen Sammler deutlich Wie Thomas Rieger von der Konrad Fischer-Galerie berichtete: „Viele kamen und zeigten sich etwa von der Gregor-Schneider-Zelle, ein Teil seiner Installation im Düsseldorfer K21, sehr beeindruckt, aber die hohen Preise, noch dazu in Euro, haben viele abgeschreckt.“ Galerie-Mitarbeiterin Ulla Wiegand ergänzt: „Dennoch haben wir eine sehr schöne, aber gleichzeitig auch spröde Arbeit von John Baldessari von 1975 verkauft, die, man könnte lakonisch sagen, nur aus einer Fotokopie und einem Streifen Tape besteht – „The Battle of San Romano.“

Qualität ist auf der ABMB ebenso wichtig wie das Spektakel. Viele Galerien schienen darauf zu reagieren, und holten zum Jahresende noch einmal Großes und Spektakuläres, vor allem im Bereich der Skulptur, aber auch Spitzenware von musealer Qualität aus den Lagern. „Wir kuratieren für Miami bewußt museal – weil sich hier die wichtigsten internationalen Kuratoren umsehen,“ erklärte Marc Payot von Hauser+Wirth. Die Schweizer zeigten neben einer 36-teiligen Fotoserie von Roni Horn, die sofort an einen amerikanischen Privatsammler verkauft wurde, eine wie üblich raumgreifende Installation des Schweizers Christoph Büchel. „Training Ground for Training Ground for Democracy“, war eine wilde Mischung aus Gefangenenlager, Wahllokal und Kindergarten, die an die Sammlung Flick verkauft wurde und demnächst im Hamburger Bahnhof zu sehen sein soll. Aufsehenerregend auch der „Shanghart Supermarket“, für den Lorenz Helblings Shanghaier Galerie bereits im Vorfeld mit einem chinesischen Kassenzettel geworben hatte. Er zeigte eine Installation des jungen Shanghaier Künstlers Xu Zhen: der funktionierte kurzerhand den gesamten Messestand in einen Supermarkt um, in dem westliche, einst nach China importierte Produkte nun den Weg zurück in den Westen angetreten hatten und zu chinesischen Preisen verkauft wurden. Wer sich freute, ein Stück Kunst zum Spottpreis ergattert zu haben, dem wurde jedoch übel mitgespielt – alle Verpackungen waren leer. Insgesamt gab es auf der Hauptmesse jedoch wenig wirkliche Entdeckungen. Die meisten Galerien zeigten ihre bekannten Namen auf hohem Niveau, so lachte etwa Damien Hirsts diamantbesetzter Totenkopf „For the Love of God“, der in diesem Jahr international für Aufsehen gesorgt sorgte, bei White Cube nochmal höhnisch aus einer Collage. „Ausverkauft“ mußte Matthew Marks denen entgegnen, die eine Arbeit von Andreas Gursky erwerben wollten. Judy Lübke von Eigen+Art zeigte neben seinen Zugpferden Neo Rauch und Matthias Weischer auch die junge Künstlerin Stella Hamberg. Deren 800 Kilogramm schwere Bronzefigur „Berserker II“ gab sich martialisch. Bei Cheim&Read aus New York gab es Fotografien von Discogängern aus William Eggleston’s selten gezeigter Schwarz-Weiß-Serie „The Nightclub Portraits“ aus den frühen Siebziger Jahren zu entdecken. Nur wenige Galerien setzten auf qualitätvolle Einzelpräsentationen, so zeigte etwa Eva Presenhuber einen sparsam bestückten Raum mit Skulpturen von Ugo Rondinone.

Insgesamt war der Trend zur Nebenveranstaltung und Nebenmesse die vielleicht wichtigste Tendenz der sechsten ABMB. Die Entdeckungen für den kleineren Geldbeutel machen Sammler auch in diesem Jahr auf den überall neu entstehenden Nebenmessen. Flankiert wird die Messe von mittlerweile unüberschauberen 25 größeren und kleineren Nebenmessen, darunter neu Takashi Murakamis GEiSAI MIAMI und die INK Miami. Terminlich herangerückt an die Art Basel war erstmals auch die „Art Miami“, die bereits seit 17 Jahren existierende, örtliche Kunstmesse. Qualitativ hochwertig zeigte sich das Angebot auf der von der einflußreichen New Yorker Art Dealers Alliance organisierten NADA im Ice Palace. Die Messen deckten das ganze Spektrum an Qualität und Genres ab – der Aufsteiger war in diesem Jahr sicherlich eine dramatisch gewachsene Scope, die sich von der kleinen hippen Hotelmesse zur Großveranstaltung im rasch aufgeschlagenen, wackligen Zelt im Design District, in Laufweite zum Rubell-Warehouse gemausert hatte. Auf der Scope fiel die Präsenz preisgünstigerer chinesischer Künstler auf, die, in deutlich westlicher Manier gemalt, das feilboten, was aus westlicher Hand einiges mehr kosten würde. Doch es gab auch ein paar Entdeckungen, so etwa am winzigen Stand der jungen Brooklyner Galerie „Creative Thriftshop“, die die Arbeit des in Miami lebenden, kubanischen Künstlerduos Guerra de la Paz präsentierte: eine bitterböse Puppen-Fotoserie mit dem Titel „GI Joe“, angelehnt an das Lieblingsspielzeug amerikanischer Jungs. Überdeutlich wurde in diesem Jahr die intensive Sog- und Streuwirkung der Art Basel Miami Beach. In fast jedem der Hotels von South Beach findet mittlerweile eine mehr oder minder qualitätvolle „Kunstmesse“ statt. Selbst eine eigene Messe für Modefotografie hatte ihr Zelt neben den Art Déco Hotels an der Collins Avenue errichtet. Kapitalen Mehrwert versprachen sich auch die immer zahlreicher werdenden Luxus-Marken, die in der tropischen Wärme auf peripheren Kunstbezug setzen. Jeder, ob Galerist, Modehersteller oder Schmuckmacher möchte in irgendeiner Form auf den umsatzstarken Kunst-Zug aufspringen: Swarovski, Cartier, Montblanc, sie alle präsentierten eigene Sammlungen und Events, bei denen allerdings manches Mal die Dichte von Prominenten außerhalb der Kunstszene relevanter zu sein schien als das, was tatsächlich dort an Kunst gezeigt wurde.

Eines, was allerdings unleugbar immer stärker wird, ist die Liebe der Art Basel Miami Beach zur Musik. Unter dem Motto „Art Loves Music“ lud die Messe auch in diesem Jahr traditionell wieder am Eröffnungsabend zum Konzert an den Strand – wo hinter den kunstgefüllten Containern der „Art Positions“ am späten Abend so mancher hochhackige Schuh und einige Hemmungen fallengelassen wurden, bevor es zu den zahllosen, flankierenden Parties weiterging. Vor zwei Jahren wurden die New York Dolls ausgegraben, in diesem Jahr rockte Iggy Pop das begeisterte Publikum, das sich zu vorgerückter Stunde dann auch selbst auf die Bühne traute, um sich zu feiern. Im Gedrängel befand sich natürlich auch der scheidende Messechef Sam Keller, der ein letztes Mal vor seinem Amtsantritt als Chef der Fondation Beyeler hier auf Tuchfühlung mit „seinem“ Miami ging. Man darf gespannt sein, was die Sam Keller nachfolgende Trias aus Cay Sophie Rabinowitz, Annette Schönholzer und Marc Spiegler, dazu eine sehr wahrscheinlich deutlich veränderte politische Situation in den USA und, last but not least, der Dollarkurs im Dezember diesen Jahres aus dem schier unendlich scheinenden Marktpotenzial dieser Messe machen werden.

von Magdalena Kröner

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