Titel: Bild und Seele · S. 241
Titel: Bild und Seele , 1989

Luzia Stettler/Rolf Max Kully

Ausbruch in die innere Realität

ÜBER FRIEDA STAMM

Frieda Stamm (*1903) führte während eines halben Lebens eine Doppelexistenz. Vordergründig war sie Ehefrau und Mutter. Ihr zweites Sein erging sich in einsamen Stunden und schlaflosen Nächten in den Irrgärten ihres Innern. Sie verfaßte Gedichte und malte Bilder. Nicht lediglich Phantasiegebilde und Ausgeburten eines überreizten Gehirns, sondern Werke, die eine existentielle Krise zum Ausdruck bringen. Das Verdienst, als erster Frieda Stamms Bedeutung erkannt zu haben, gebührt dem in Grenchen (Schweiz) wohnhaften kanadischen Professor für Germanistik Armin Arnold, der die Texte und eine Auswahl der Bilder in Frieda Stamms Selbstbiographie, „Rennen im Keller. Die Wirklichkeit des Unwirklichen“ (1987) zusammengetragen hat.

„Als Schatten taugte ich nicht“, hat Frieda Stamm in ihren Erinnerungen notiert. Dieser Satz, der wie eine Bilanz eines Lebens dasteht, faßt in ein paar Worten die Wurzel ihres Unglücks zusammen: „Ich kämpfe um einen Platz im Leben, um einen Platz neben anderen Menschen. Mein Mann hat mir diesen Platz nicht gönnen mögen.“* Erst nach dem Tod des Gatten im Jahre 1983 ging ihr Wunsch – wenn auch spät – in Erfüllung.

Frieda Stamm wuchs als Enkelin eines Mannes, der bei seinen Mitbürgern im Rufe eines Hexers stand, im Berner Oberland auf, in einer mit Mythen beladenen Bergwelt, unter Menschen, die mit dämonischen Naturgewalten verkehren und denen heute noch Vorzeichen nahendes Unheil ankünden. „In Lauterbrunnen wurde ich als neuntes von zehn Kindern geboren. Wir waren fünf Mädchen und fünf Knaben. Sieben Jahre lang lebte ich in Narrenfreiheit als Jüngste, dann kam die Nachzüglerin, die…

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