Titel: Zur Aktualität des Idyllischen II · von Sven Drühl · S. 74
Titel: Zur Aktualität des Idyllischen II , 2006

Sven Drühl

Bergidyllen

Die klassische Idylle existiert als Gattung, die zahlreichen Veränderungen, Modifizierungen und Aktualisierungen in Motivik und inhaltlicher Zuschreibung unterworfen ist, aber es gibt auch sozusagen volkstümliche Varianten, bei denen sich keine konsistente Genese aus der Gattung ableiten lässt. Solche Idyllevorstellungen kommen in beinahe allen alltäglichen Sphären vor. Darunter zählen die Bergidyllen, die hauptsächlich in der Schweiz und in Mitteleuropa aufgekommen sind, wohl zu den bekanntesten.

Die Bergwelt als idyllischen Ort zu begreifen ist nicht erst seit den Luis Trenker-Filmen der fünfziger Jahre verbreitet, sondern hat bereits sehr viel früher, in der Zeit der Vorromantik seine Wurzeln. Dort wurde die Bergwelt zum autonomen Sujet in der Kunst und das nicht ohne Grund, schließlich eignet sie sich hervorragend als Projektionsfläche für das Natürliche und das Ursprüngliche, das Himmelsnahe und die Erhabenheit, als Opposition zur städtischen Zivilisation und Betriebsamkeit. Ariane Grigoteit erklärt die Verlagerung des Idyllischen in die Bergwelt: „Das harte, karge Leben in den Bergtälern fernab der Zivilisation zeigte die Bergler nun natürlich und rein. Die Natur hatte ihre Bewohner geformt und mit urtümlicher Kraft eine kleine, aber selbstbestimmte und unabhängige Oase der Freiheit kreiert. Die Idealisierung führte bis zum Vergleich mit Arkadien, das sich in den Bergen erhalten habe und nun erneut auflebe. Die Gebirgslandschaft mutiert zum Zeugen eines Paradieses, dessen Ferne zur städtischen Zivilisation ihm den symbolischen Sinn sicherte, kritischen Einspruch gegenüber verkünstelter Kultur ins Bild setzen zu können.“1

In der Romantik wurde die Berglandschaft zudem mit pathetischer bzw. vergeistigter Inhaltlichkeit belegt, sie war gleichbedeutend mit Weltschöpfung und Innerlichkeit, zudem war…

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