Fotografie: Düsseldorf · S. 302
Fotografie: Düsseldorf , 1991

Heinz-Norbert Jocks

Bernd Jansen

»Materialrückerstattung: der Abdruck des Auges«

Auf der Williamsburg-Bridge, die nach Brooklyn führt, verweist ein großer Spiegel auf einen nach vorn blickenden Mann. Von ihm ist nur der Ausschnitt seines Hinterkopfes mit Kragen zu sehen. Ansonsten erscheint die Brücke wie ein eisernes Labyrinth, ohne Anfang und Ende. Dieses Foto, 1981 in New York aufgenommen, wo sich der Fotograf Bernd Jansen oft aufhält, ist Teil einer ungewöhnlichen, aufklappbaren Skulptur mit einem interessanten Ideenhintergrund, die sich sinnigerweise als „Materialrückerstattung“ versteht. Jansen, vielleicht einer der neugierigsten Schüler von Otto Steinert, erweist sich hier als ein passionierter Einzelgänger, der nicht nur gegen den Strich, gegen das modisch normierte und nivellierte Schönheitsideal fotografiert, sondern gleichzeitig essentielle Überlegungen über das Wesen der Fotografie anstellt, um daraus skulpturale Konsequenzen zu ziehen. Im Wissen, daß das Foto nichts anderes ist als „Pseudo-Präsenz und Zeichen der Abwesenheit“ (Susan Sontag), baute er Teile der Brücke mit ihren die eisernen Verstrebungen zusammenhaltenden Nieten in originaler Größe nach. Ein riesiger Schwenkarm, der fast die gesamte Breite der Galerie einnimmt, dient als Rahmen der auf durchsichtige Polyesterfolie projizierten, von beiden Seiten wahrzunehmenden Aufnahme, die in doppelter Ausführung vorliegt. Gerade dadurch, daß Jansen nur einen Brückenteil en détail nachkonstruiert, hebt er hervor, daß das Foto lediglich ein schmaler Ausschnitt von Raum ebenso wie von Zeit ist. Das wird um so evidenter dadurch, daß die achsensymmetrisch zugeordneten Fotos selbst nur als zweidimensionaler Teil eines dreidimensionalen Ausschnitts gekennzeichnet sind. Wenn er sein Foto der von ihm oft zu Fuß überschrittenen Brücke in die eiserne Wirklichkeit der…

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