Monografie · S. 202
Monografie , 1986

JOHANNES MEINHARDT

BEUYS‘ SCHMUTZ

1. Schmutz und Schema

Nicht daß es Beuys etwa um Schmutz gegangen wäre: »Viele Menschen meinen, mich würden die Relikte des Lebens, also das Abgelebte, der Abfall, das Schmutzige und so weiter primär interessieren als ein Problem meiner künstlerischen Darstellung. Das ist insofern ein Irrtum, als das erst sekundär auftaucht innerhalb meiner Arbeit.«1 Beuys betrachtet den Schmutz als sekundär, obwohl in seinem Werk in hohem Maße Materialien, Stoffe und Gegenstände auftauchen, die keine bestimmten, strukturierten und geschlossenen Objekte sind, sondern Verfallsstufen, Abfälle, Konglomerate ohne klare Identität; obwohl fast alle von ihm benützten Materialien sich dadurch auszeichnen, Abweichungen und Defizite gegenüber ihren Prototypen und Funktionen oder in ihrer Brauchbarkeit aufzuweisen; obwohl in seinem gesamten Werk das Alter, der Gebrauch, die Abnutzung, der Zerfall und das Verrotten die Stoffe und Materialien zeichnen, markieren und mit Spuren versehen. Es gibt kaum ein anderes Werk, das sich so beharrlich und konsequent mit Materialien und Gegenständen beschäftigt hat, die ’schmutzig‘ sind: schmutzig in mehrfachem Sinn.

Erstens in dem Sinn, daß die Grenze zwischen dem Betrachter und dem ‚Objekt‘ permanent verunklärt wird und infrage steht, daß ein ununterbrochener Materie- und Bedeutungsfluß zwischen beiden stattfindet, den der Betrachter als Kontaminierung, Verseuchung oder Beschmutzung erfährt; zweitens in dem Sinn, daß auch das ‚Objekt‘ dadurch unklare Grenzen, eine unklare Identität und problematische Form entwickelt, die meist als Abweichung und Reduktion gegenüber einem funktionalen, identischen und sauberen Gegenstandsmodell erscheint: das Zerbrochene gegenüber dem Ganzen, das Abgenützte gegenüber dem Frischen, das Vermischte gegenüber dem Getrennten, das Konglomerat gegenüber den geordneten Einheiten,…

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