Magazin , 2000

Boris Groys: Unter Verdacht

So viele Informationsquellen sie auch einschließt: unsere perfekte Anbindung an das Weltgeschehen via Medien verschafft uns nicht nur die Gewissheit, gut informiert zu sein, sondern erregt auch Zweifel daran, ob hier nicht ein zumindest verzerrtes Bild der Realität erzeugt wird. Im Rahmen von Medientheorien – bis hin zu solchen radikalen Positionen wie der, dass wir in einer komplett simulierten Welt leben würden – gibt es ehrgeizige Ansätze, die verlorene Sicherheit wiederzugewinnen, indem die Realität der Medien in den Mittelpunkt theoretischer und empirischer Analysen gerückt wird. Eigentlich waren es wohl die Künstler der Avantgarde, die dazu den ersten Anstoß gegeben hatten, insbesondere die Kubisten. Ihre gebrochenen Körper und Räume verfolgten die Absicht, das Medium Bild in seiner Eigenschaft als Transformation dreidimensionaler Realität auf eine zweidimensionale deutlich zu machen. Das illusionistische Moment, das suggeriert, dass das Zweidimensionale einen realen Raum wiedergibt, wurde durch ihre Art der Darstellung gebrochen und zurückgedrängt, während sich die konstruktive Leistung der Malerei und ihre Eigengesetzlichkeit, umso souveräner manifestieren konnten.

Kernthese der Medientheorie ist bekanntlich Marshall McLuhans Satz „The medium is the message“. Weniger bekannt dürfte die Tatsache sein, dass McLuhan dabei zunächst vor allem im Sinn hatte, die Leitidee des Kubismus zu formulieren. Ausgehend von dieser engen Verbindung zwischen Medientheorie und Avantgarde rekonstruiert nun Boris Groys die wesentlichen Impulse beider Bewegungen als Versuche, aus den zweifelhaften Bahnen gesellschaftlicher Kommunikation, die sich in einzelnen Medien beziehungsweise ihren konventionellen Rezeptionsmustern konkretisieren, auszubrechen und die dahinterliegende Wahrheit zu offenbaren.

Nach welcher Art von Logik das geschieht, damit befasst sich…

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von Michael Hauffen

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