Titel: Lebenskunst als Real Life · von Ulf Poschardt · S. 105
Titel: Lebenskunst als Real Life , 1998

ULF POSCHARDT

Cool it

KANN DAS VON KUNST ERSCHÜTTERTE SUBJEKT REALE ERFAHRUNGEN MACHEN?

Am Anfang der Popkultur stand die Sehnsucht nach einer Form unmittelbaren Ausdrucks, wie sie jede junge Kunst in ihrer Unschuld für sich reklamieren würde. Die Idee des Rock’n’Roll war es, der Wildheit der Existenz eine Wildheit der Musik entgegenzusetzen. Das Zucken der Hüften bei Elvis oder die Ekstase von Jerry Lee Lewis am Piano waren Dokumente einer Hitze der Empfindung und des Ausdrucks, die am Anfang von Pop stand und gleichzeitig in einer langen Tradition expressiver Kunst, insbesondere Musik, in der sich Menschen abseits aller Segnungen der Zivilisation ausleben konnten. Rock’n’Roll, so geht die Sage, war ein Hort der Freiheit und der Selbstverwirklichung für Künstler wie für Konsumenten.

Kunst der Freiheit

Der Rock’n’Roll war „hot“. So wie es der „Hot Jazz“ in New Orleans der zwanziger Jahre war. Leidenschaftlich, laut, nach vorne drängend – und in der Lage diese Erhitzung auf seine Hörer zu übertragen. Der Konsument dieser „heißen“ Musik war in den westlichen, kapitalistischen Staaten am Anfang vor allem der marginalisierte Außenseiter und nach kurzer Zeit schon eine große Mehrheit der Jugendlichen, die sich in der Darstellung von Gefühlen und Ekstase wiedererkannten und wiederfanden. Die Identifikation war gewissermaßen unmittelbar im Akt dieser gemeinsam empfundenen Emotionen. „Absoluter Ausdruck“, schreibt Adorno in seiner Ästhetischen Theorie, „wäre sachlich, die Sache selbst.“1

Und genau gegen diese Grenze hin versucht sich Rock’n’Roll an die Sache selbst anzugleichen: an Aufruhr, Sex, Verwirrung, Zorn, Verletzlichkeit und Kraft. Aggregatzustände von Jugendlichen also, die Anfang und Mitte der fünfziger Jahre, so…

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