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Titel: Zeichen zur Zeit III · von Reinhard Ermen · S. 200 - 203
Titel: Zeichen zur Zeit III , 2010

Reinhard Ermen
Dan Perjovschi

Einfacher können Zeichnungen nicht sein, sie bestehen aus dem Notwendigsten, es herrscht Essentialität vor, nicht nur in Bezug auf die Mittel, sondern auch auf die Botschaft. Denn diese kleinen Bildergeschichten, wollen sprechen und das Erstaunliche daran ist, dass der Grad der Verblüffung wächst, je einfacher sie sich formulieren. Dan Perjovschi spielt mit den Erscheinungen globalisierter Konsumgewohnheiten, er mischt sich ein in den tagtäglichen Kampf ums Überleben, er weiß wie der Kapitalismus tickt. Der Mann aus Rumänien hat am eigenen Leib erlebt, wie die schöne neue (westliche) Welt sein Land überrollte. „Mac Donalds hat die ersten sauberen Toiletten in Bukarest eingeführt“, sagt er mit dem ironischem Blick fürs Realistische zu Marius Babias, und wenige Fragen weiter lautet ein Fazit: „Im Osten reden wir nicht mehr von Kultur, sondern von Kulturindustrie.“ Ohne besserwisserische Attitüden spießt er den Common Sense gesellschaftlicher Befindlichkeiten auf und wird praktisch überall verstanden, wo es Arbeitslosigkeit, IKEA und den Krieg in Friedenszeiten gibt. Wortwitz wird Bild; der freundliche Panzer soll ein „think tank“ sein, ein anderer Tank lässt dagegen den Rüssel hängen als er auf „Srebrenica“ angesprochen wird. Im piktoralen Smalltalk des Dan Perjovschi gibt es das vergleichende Mehr oder Weniger, knappe Statements werden schnell um die Ecke geführt und in wenigen Strichen aufgefangen; die dabei verwendeten englischen Phrasen sind so kurz gefasst wie ihre Bildchen, und manchmal geht es auch ganz allein nur mit dem Text: „BIRD FLU, MAD COW, GLOBAL VILLAGE, schreibt er 2006 auf die pickelige Raufaser im Württembergischren Kunstverein, heute würde er wahrscheinlich die allgegenwärtige PIG FLU ergänzen. Die heiter anmutende Evidenz verdeckt niemals das aufgespießte Problem, der Abgrund bleibt offen, wie das Medium der Zeichnung, das ihn überbrückt.

Karikaturen mag man sie nicht nennen, denn mit dem verzerrten, aus Perjovschis Perspektive auch umständlichen Spott, halten sie sich nicht auf, als Cartoons will man sie auch nicht bezeichnen, es fehlt ihnen der entscheidende epische Rest. Der Apfel fällt direkt zu Boden, die ironische Erkenntnis zündet im Augenblick. Die primär als Wand- und Bodenzeichnungen niedergelegten Bilder treten epidemisch auf und bilden im wahrsten Sinne des Wortes Denkräume. In den Ecken und Winkeln werden die Strichmännchen und ihre Nöte oft genug sinnfällig gefaltet. Um die Beschreibung durch Ausschließen fort zu setzten: Trotz dieser Öffentlichkeit auf den Wänden der von Perjovschi bespielten Zimmerfluchten ist das von der egomanen Subversion der Sprayer- und Graffittiszene weit entfernt. Der Künstler will mehr als nur den eigenen Namen hinterlassen; und trotzdem erkennt man ihn sofort! Die faszinierten Apologeten preisen den performativen Charakter dieser Arbeit. Perjovschi kommt mit den Skizzen in seinen Kladden, die von Engagement zu Engagement anwachsen, er übersetzt, ergänzt sein „Repertoire“ und nimmt (vor Ort) die Räume in Besitz. Und obwohl er zuweilen auch Jahresgaben und andere Einzelstücke auf mehr oder weniger stabilen, wie handhabbaren Trägern hinterlässt, ist seine Arbeit vergänglich wie eine Theatervorstellung. So kritzelte er 1999 auf der 48. Biennale in Venedig auf den Boden des rumänischen Pavillons seine Piktogramme, die dem Schuhwerk der Besucher ausgesetzt, zum Untergang geradezu verurteilt waren. Auf die rauen Wände der Kokerei in Essens Weltkulturerbe, der Zeche Zollverein, zeichnete er 2003 mit Kreide. Die Zeichen sind geringfügig verlängerte Schatten seiner denkenden und arbeitenden Anwesenheit, die verschwinden noch ehe die Geistesblitze verglühen. Anderswo werden die von ihm genutzten Wände nach dem Ende der Ausstellung wieder überstrichen. Und wenn er gelegentlich mit seinen Bildern in der Tagespresse auftritt (so geschehen 2005 in der TAZ), dann ist das ein Wegwerfmedium, von dem sich Einzelstücke ins Archiv gerettet haben.

„When i’m working I see everything as a drawing,“ wird Dan Perjovscchi in einem Katalog 2007 für Porto zitiert. Diese Auflösung in die sprechende Prägnanz der kurz gesetzten Zeichen mit Texthilfen entwickelte sich in der zweiten Hälfte der 90er Jahre. Zuvor, nach der ‚Wende’ bewegte sich Perjovschi als Kurator und Diskursvermittler in den neu gewachsenen Kontexten des Umbruchs, zum Beispiel in der von ihm mitbegründeten Wochenzeitung „22“, die er seit 1991 als ‚Illustrator’ und ‚Art Director’ betreut. Die gleichsam paradigmatische Situation eines Anschlusses an die Standards der westlichen Welt in kürzester Zeit hat diese hellsichtige ‚arme Kunst’ beatmet, die spitz und bissig bleibt, solange sie den Kontakt zu den Fundamenten ihrer zivilisatorischen Grunderfahrungen nicht verliert.

Dan Perjovski
*1961 in Sibiu (Rumänien), lebt und arbeitet in Bukarest. Wichtigste von zahlreichen Auszeichnungen: George Maciunas Award 2004
Einzelausstellungen (Auswahl)
1999 „rEST“, 48. Biennale Venedig, Rumänischer Pavillon (mit SubReal); 2005 „Naked Drawings“, Museum Ludwig Köln; 2006 „On the other hand“, Portikus, Frankfurt; „The Room Drawing“, Tate Modern, Londom; „I am not exotic I am Exhausted“, Basel Kunsthalle; „What happens to US?“ Project 85, MOMA, New York; „Recession“, Ludwig Forum, Aachen; „(all) over and over“, KIASMA, Helsinki; „Free style“, Galerie Michel Rein, Paris; „Draw-undraw-Redraw. Che fare?“, Castello di Rivoli, Turin
Gruppenausstellungen (Auswahl)
1998 Manifesta 2, Luxemburg; 1999 „Body and the East“, Moderna Galerija Ljubjana, Exit Art New York; 2003 „Open City-Models for Use“, Kokerei Zollverein, Zeitgenössische Kunst und Kritik, Essen; 2005 I still believe in Miracles. Dessins sans Papier“, ARC Musee d’Art Moderne de la Ville Paris; The 9th Istanbul Biennial; 2006 The Vincent Biennial Award, Stedelijk Museum, Amsterdam; 2007 „Brave New Worlds“, Walker Art Center, Minnneapolis; 52. Biennale Venedig; 2009 „fifth Floor“, Tate Liverpool; 2009 „Subversive Practics. Art during dictatorships“, Württembergischer Kunstverein, Stuttgart; „The Spectacle of Everyday“, the 10th Lyon Biannial0