Ausstellungen: Schwerin · von Hajo Schiff · S. 312
Ausstellungen: Schwerin , 2006

Hajo Schiff

Daniel Spoerri – Prillwitzer Idole

»Kunst nach Kunst nach Kunst«
Staatliches Museum Schwerin, 2.9. – 28.11.2006

Es ist die späte Erfüllung einer alten Liebe: Im Rahmen seiner Recherche für die mit Marie-Louise von Plessen zusammengestellte Ausstellung „Le Musée sentimental de Cologne“ 1979 fiel dem Schweizer Fallenbild- und Fluxuskünstler Daniel Spoerri ein Buch mit Kupferstichen von Johann Conrad Krüger in die Hände: „Die gottesdienstlichen Altertümer der Obotriten aus dem Tempel zu Rhetra am Tollenze-See“. Die Figuren aus Mecklenburger Vorzeit aus diesem illustrierten Band von 1771 faszinierten ihn nachhaltig – aber jetzt erst zeigt Spoerri in Schwerin Arbeiten, die durch diese so genannten „Prillwitzer Idole“ beeinflusst sind. Kunst nach Kunst also. So wie die afrikanische Plastik Picasso beeindruckte, bezieht sich Multitalent Spoerri nun auf altslawische Ritualkunst. Es sind oft nur wenige Zentimeter große, oft bruchstückhaft und löchrig erhaltene Kleinbronzen, deren Abbildung gleichwohl Figuren von antiker Größe vermuten lässt: Löwenköpfige und doppelgesichtige Wesen mit Vogelkronen, Stiermaskenpektoralen und phallischen Ausstülpungen.

Allerdings ist alles, was dem Collagenkünstler Daniel Spoerri da am Stilgemisch der kleinen altslawischen Bronzegottheiten gefiel, selbst schon eine historische Collage: Es handelt sich, wie eine fortgeschrittene Archäologie im 19. Jahrhundert leicht herausfand, um Fälschungen aus dem 18. Jahrhundert. Doch sind diese Idole eigentlich keine Fälschungen, sondern ihrerseits Kunst. Denn da wurde ja nichts nachgemacht, sondern etwas neu erfunden. Die Brüder Jacob und Gideon Sponholz aus Neubrandenburg kombinierten byzantinische Formen der Kleinplastik mit bizarrer barocker Phantasie, beließen bewusst die Fehlstellen eines manchmal misslungenen, minderwertigen Bronzegusses und versahen dann noch alles mit falschen Runen. Als Goldschmiede und Raritätenhändler…

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