Magazin: Symposien & Kongresse · von Andreas Denk · S. 473
Magazin: Symposien & Kongresse , 1993

Andreas Denk

Das Auge: der Schwachsinn der Zukunft?

Ein Kongress zum Sehen in der Bundeskunsthalle

Eine ganze Kongreßreihe hat die Bonner Bundeskunsthalle in ihrem Forum der „Zukunft der Sinne“ gewidmet. Nach einem Symposion, das dem Hören und den Tönen gewidmet war, ging es im September um die „Sehsucht“. „Eräugnis und Ent-Täuschung“ als Phänomene der Veränderung der visuellen Wahrnehmung im 20. Jahrhundert konstatierte der Kongreß als Voraussetzung für die Vorträge und Diskussionen: Die Veranstaltung sollte leisten, was die Panoramen-Ausstellung der Kunsthalle verheißt, aber nicht einlöst (vgl. KUNSTFORUM, Bd.123).

Der Ausgangspunkt für die Veränderung menschlicher Sehgewohnheiten wurde fast immer in den Wahrnehmungsangeboten des 19. Jahrhunderts gesucht. Die ausgestellten Objekte dienten – unabhängig von theoretischen und ideologischen Klüften – als willkommene Anknüpfungspunkte: Panoramen als Rundumgemälde bewirkten im 19. Jahrhundert einen Zwang zur Erweiterung des Blickfeldes, das nur mittels einer körperlichen Bewegung hergestellt werden konnte. Die Totalität dieses Sehens wurde erweitert durch den Wunsch nach bewegten Bildern, die sich mehr noch der Wahrnehmungswirklichkeit annähern konnten. Ein erster Schritt waren transparente Bilder, die seit Ende des 18. Jahrhunderts bei geselligen Abenden vorgeführt wurden. Erweitert wurde der Effekt, als man auf die Idee kam, derartige Blätter von zwei Seiten unterschiedlich zu bemalen. Je nach Beleuchtung der Rück- oder Vorderseite wurden Jahres- oder Tagesabläufe sichtbar. Über mechanische Vorläufer wie das „Zoeskop“ (1833) oder das aus der Camera obscura entwickelte „Praxinoskop“ (1877) entwickelten die Brüder Lumière schließlich aus der Photographie das gewissermaßen in Echtzeit bewegte Bild, den Film.

Die Beschleunigung der Bilder ging offenbar einher mit einer allgemeinen Irritation, für die in mehreren…

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