Essay , 2002

MICHAEL HÜBL

DAS MÄRTYRER-MEDIUM

BEMERKUNGEN ZUM JÜNGSTEN MALEREI-REVIVAL

Die Malerei ist wieder Thema. Sie ist Gegenstand mehrerer Ausstellungen, die sie – wie in der Münchener Sammlung Goetz – zum „Mysterium“ erklären1 oder davon ausgehen, sie könne ihre geläufigen Techniken mittlerweile entbehren: Malerei ohne Malerei. So heißt auch eine Ausstellung in Leipzig2, deren programmatische Vorgabe fern an die Nachrufe erinnert, die auf dieses Medium bereits mehrfach geschrieben wurden. Es gehört inzwischen zum Image (!) der Malerei, dass sie wiederholt totgesagt wurde. Andererseits hat sich jetzt das Museum für Gegenwartskunst Basel im Rahmen eines dreiteiligen Großprojekts zur aktuellen Rolle der Malerei das Motto auf die Fahnen geschrieben: „Es gibt kein letztes Bild“3. Wenn nun aber ein – befristetes oder auf Dauer angelegtes – Revival zu beobachten ist, kann dessen Bedeutung nur in Verbindung mit dem historischen Zusammenhang ermittelt werden, der den behaupteten marginalen Status und die vermeintliche Bedeutungslosigkeit, also das „Ende“ der Malerei bewirkt hat.

Dieser Zusammenhang lässt sich symptomatisch am Ausgang eines angenehmen und unbeschwerten Abends Anfang Oktober 1968 im französischen Neuilly festmachen. Marcel Duchamp hatte mit Man Ray und Robert Lebel gespeist. Kurz nachdem seine Gäste gegangen waren, um ein Uhr fünf, setzte sein Herz aus. Plötzlich, unerwartet. Als man Duchamp später fand, lag er auf dem Bett, noch im Anzug und mit seiner Lieblingskrawatte um den Hals. „Eine Spur blasser als sonst, ein leichtes Lächeln auf den Lippen“4, schreibt Arturo Schwarz und kommt zu dem Schluss, es sei ein würdiger Tod gewesen: „Das letzte Meisterwerk“5.

Die Schilderung mag apologetisch übersteigert und aus dramaturgischen Gründen…

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von Michael Hübl

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