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Essay · S. 194 - 197
Essay , 1983

Das Platte und der Stachel

Roland Bartnes über die Photographie
von Ulrich Raulff

Das letzte Buch Roland Barthes‘, kurze Zeit vor seinem Unfalltod im Frühjahr 1980 erschienen, trägt den Titel La chambre claire. Note sur la photographie. In seiner Widmung nennt es ein anderes Buch: Das Imaginäre, Jean-Paul Sartres phänomenologische Studie über die Einbildungskraft von 1940, und an Stelle eines Mottos zeigt es ein Polaroid von Daniel Boudinet, das einzige Farbphoto des Bandes. Ein gezeigtes Bild, von dem der Text nie sprechen wird. Ein Text, der auf einem anderen Bild beruht, das nie gezeigt wird. Enigmatischer und ikonischer: nicht ikonologischer Anfang.

Chambre claire oder camera clara heißt zu Deutsch soviel wie „Hellkammer“ oder „Lichtraum“. Darin, wie auch in Barthes‘ Festhalten an der „griechischen“ Schreibweise: Photographie, bekundet sich eine erste und entscheidende Option. Für Barthes ist die Photographie weniger ein Kind von neuzeitlicher Optik und albertinischer Perspektive als vielmehr eines der Chemie: in dem Augenblick geboren, als man die Lichtempfindlichkeit von Silberpartikeln entdeckte. Das Photo ist ein Werk des Lichts, Spur eines leuchtenden Körpers, Emanation, die von Silber, einem kostbaren Metall, festgehalten wird: Geschöpf moderner Naturwissenschaft, doch dem Kopfe der Alchemie entsprungen.

Im Verlaufe seiner drei Jahrzehnte überspannenden theoretischen Produktion hat Barthes sich verschiedene Male zu einzelnen Photographien und zur Photographie schlechthin geäußert. Der erste Zugang in den fünfziger Jahren, manifestiert in zwei Stücken der Mythen des Alltags, ist ideologiekritischer Art; die Photographie wird zum Objekt des Mythenkritikers, weil sie die Wirklichkeit abbildend verklärt und in Natur verkehrt, was historischer Prozeß ist (die Ausstellung Family…

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