Titel: Kunst und Philosophie · S. 236
Titel: Kunst und Philosophie , 1989

Bazon Brock

Das Veraltete der traditionellen Ästhetik – der neuen nicht?

THEODOR W. ADORNOS KAMPF GEGEN OBERPRIESTER
UND OBERKELLNER EINES WISSENSCHAFTSIDEALS

Zumindest der Begriff Ästhetik hat Konjunktur. Keine Tageszeitung (inklusive der Wirtschaftsseiten, zum Beispiel der FAZ), in der nicht beherzt vorbehaltlos um mehr Ästhetik in unserem Alltagsleben gebeten wird. Andererseits ist selbst in Fachzeitschriften für Kunst und Kultur eine latente Aggressivität gegen mehr oder weniger alle ästhetische Theoriebildung spürbar. Immerhin wird nicht mehr generell dafür eine grundsätzliche Theoriefeindlichkeit etwa der produktiven Künstler nach dem banalen Motto „Bilde Künstler, rede nicht“ verantwortlich gemacht. Die Theorie wird auf andere Weise, medienimmanent, ausgeschaltet.

Die Leser der Zeitschriften und Fachpublikationen hätten keine Zeit mehr für langwierige theoretische Erörterungen. Wem es nicht gelinge, seine Artikel und vor allem auch seine Bücher mit auffälligen Reizworten zu durchsetzen und zentrale Aussagen in die Merkformen von Schlagzeilen zu überführen, habe keine Chance mehr, wahrgenommen zu werden.

Selbst die Wissenschaftler hätten sich den veränderten Rezeptionsgewohnheiten des Publikums anzupassen. Aber es bleibt ja nicht bei diesen rezeptionsökonomischen Zwängen. Wer sich den Erwartungen des Publikums anzupassen hat, wird auch danach beurteilt, inwieweit er in der Lage ist, die Erwartungen des Publikums zu erfüllen. Wie wenig muß ein Publikum seine eigenen Interessen ernstnehmen, wenn es nur das zu hören, zu lesen, zu sehen bereit ist, was es ohnehin schon kennt und zu praktikablen Vorurteilen verfestigt hat.

Da laufen die Leute nicht nur als touristische Horde, sondern auch als Bildungsbürger zu Millionen in die Museen, um dort maulend zu beklagen, daß man sie vor den Werken allein lasse, sobald aber…

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