Magazin: Symposien & Kongresse , 1996

Ingo Arend

Der Angriff der Gegenwart auf die Vergangenheit

Denkmale auf den Geländen ehemaliger Konzentrationslager.

Eine Tagung der evangelischen Akademie Loccum

Als am 16. April 1967 der damalige polnische Ministerpräsident Jozef Cyrankiewicz das neue Mahnmal auf dem Gelände des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau einweihte, zierte die Metallplatte zu Füßen des Denkmals für die Toten des Holocaust das Doppelkreuz des polnischen Grunwald-Ordens. Benannt ist die bis heute bestehende Vereinigung nach dem legendären Ort in der Nähe von Tannenberg, an dem das polnisch-litauisch-russische Heer 1410 den deutschen Orden besiegt hatte. Cyrankiewicz, Mitglied der polnischen Widerstandsbewegung, sparte nicht mit Angriffen auf den Westen und die Bundesrepublik, der er eine Kontinuität mit dem Nationalsozialismus vorwarf – Auschwitz wurde zum Identifikationspunkt des polnischen Nationalismus.

Umdeuten, verdrängen, vergessen. Es gibt viele Arten des Angriffs der Gegenwart auf die Vergangenheit. Die Tagung unter der Leitung des Oldenburger Kunsthistorikers Detlef Hoffmann in der Evangelischen Akademie im niedersächsischen Loccum Mitte Februar, zweite einer Tagungsreihe zur „Erinnerung der Orte“ (vgl. KUNSTFORUM International Nr. 128), zeigte einmal mehr, daß es kein reines Erinnern gibt, nach Leopold von Rankes berühmtem Diktum „wie es wirklich gewesen ist“. Erinnerung ist eine Konstruktion. Der Blick auf die Vergangenheit kommt aus der Gegenwart. Aus den Interessen der Gegenwart. Doch wie dieser Blick den Dokumenten aus der Zeit inzwischen eine andere inhaltliche Gestalt gegeben hat, läßt schon erschrecken und unwillkürlich an das bekannte Wort des Historikers Dan Diner denken, der einmal überspitzt davon gesprochen hat, daß es besser sei, die Gedenkstätten an den Holocaust plattzuwalzen, weil sie doch nur mißbraucht würden.

Die Deutschen sind da…

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