Titel: Ästhetik des Immateriellen II , 1989

Peter Weibel

Der Ausstieg aus der Kunst als höchste Form der Kunst

Im Gespräch mit Sara Rogenhofer und Florian Rötzer

Anfang der siebziger Jahre hat selbst Herbert Marcuse Kunst wieder als Opposition zur Realität zu begreifen gesucht, um damit in Widerspruch zu den Anti-Kunst-Tendenzen dieser Zeit noch einen Erfahrungsort zu retten, der sich den uniformierenden Kräften der Konsumgesellschaft widersetzt, der sich aber auch nicht politisch funktionalisieren läßt. Anti-Kunst, die für Marcuse nicht nur den Unterschied zwischen Kunst und Leben, sondern auch vor allem den zwischen Schein und Erscheinung einebnen wollte, konnte sich andererseits noch im subversiven Geist mit solchen Oppositionen auseinandersetzten, während für die gegenwärtige Kunstproduktion daraus wohl keine Orientierung mehr erwächst, weil schon jede nähere Bestimmung dessen, was in der Tradition Realität genannt wurde, fragwürdig und verschwommen geworden ist. Wie begreifen sie denn heute, da sie selbst sich als AntiKünstler verstanden, das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft?

Die Definition der Kunst als utopischer Ort oder als Instanz der Aufklärung war die letzte Illusion. Nach den Theorien von Adorno bis Marcuse war alles andere schon dem Warengesetz verfallen, nur in der Kunst sei das noch nicht der Fall. Heute kann man sehen, daß das Gegenteil der Fall ist. Dem aber hätte tatsächlich die Anti-Kunst als einzige Chance entgehen können.

Die Kunst hat sich, das sieht man deutlich etwa in der Philosophie Heideggers, immer innerhalb des Dreiecks von Werk, Wahrheit und Sein bewegt, wobei sich Wahrheit und Werk auf das Sein bezogen haben. Wenn Heidegger sagt, daß sich im Kunstwerk die Wahrheit des Seienden ins Werk…

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