Titel: Dialog mit dem Anderen , 1991

Doris von Drathen

Der Dialog mit dem Gleichen

Enteignung der Appropriation

Die Schlange wußte es besser: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben“, sagte sie,“Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan und ihr werdet sein wie Jahve Elohim und wissen, was gut und böse ist.“

Beinahe ein Jahrhundert hindurch hat die Psychologie es mit der Schlange gehalten und das große Erkenntnis verweigernde Tabu, mit dem die jüdisch-christliche Menschheitsgeschichte beginnt, verteufelt.1

Neuerdings gibt es gerade in der französischen Psychologie andere Sichtweisen: Marie Balmary etwa analysiert seit Jahren im Vergleich die Bibel und Freud; sie erklärt die Bibelstelle auf umgekehrte Weise, wenn sie das erste Gebot Gottes interpretiert als dessen Versuch, den Dialog mit dem Menschen zu gewährleisten. Ihre These heißt: Nur die Schranke, nur die Ungleichheit, ermöglicht den Dialog. Tatsächlich mußte dieser Dialog „sterben“, in dem Moment, als der Mensch gottgleich war, denn das Gleiche kann nicht miteinander kommunizieren. Wenn der Gott des Alten Testaments also neue Schranken errichtet, das erste Menschenpaar aus dem Paradies vertreibt und „Feindschaft“ zwischen die Menschen setzt2, ist das – Balmary zufolge – nichts anderes als eine Wiederinstandsetzung der Ungleichheit, als eine Korrektur der „différence mangée“ (des gegessenen Unterschieds)3, als eine Wiederbelebung des gestorbenen Dialogs.

Diese Einsichten aus der neueren Psychologie sind deshalb interessant, weil sie ein Phänomen zeigen, das in unmittelbar vergleichbarer Weise so auch in der Wahrnehmungstheorie formuliert wird. Für Baudrillard etwa ist die Gleichheit „eine subtile Form der Tötung des Originals, aber auch ein einzigartiger Reiz, bei dem jede Aufmerksamkeit, die sich auf das…

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