Ausstellungen: Wien · von Ursula Maria Probst · S. 421 - 423
Ausstellungen: Wien , 2005

Ursula Maria Probst

Der Disziplinator

Jüngste Arbeiten des Atelier van Lieshout

»Schluss mit Freiheit«

MAK Wien, Österreichisches Museum für angewandte Kunst 22.6.-18.9.2005

Auf die Trägheit seiner musealen Strukturen reagiert das MAK Wien derzeit durch das Konzept einer „Factory“, die den prozessualen Charakter der Kunst hervorheben und eine Vitalisierung bewirken soll. Den Beginn machen die Installationen „Der Disziplinator“ und „Der Technokrat“ des Atelier Van Lieshout. Als Selbstvermarkter ist der 42-jährige Joep Van Lieshout derzeit sehr erfolgreich. Zur Produktpalette des Ateliers Van Lieshout zählen mobile Wohn- und Büroeinheiten, sowie Abwassersysteme und alternative Energiekreisläufe. Wie sehr sich dabei die Grenzen der Disziplinen zwischen Kunst, Leben und Produktion auflösen, äußert sich nicht bloß in der prozesshaften Arbeitsweise von Van Lieshout, sondern auch in der Gründung des Freistaates „AVL Ville“ auf dem Hafengelände von Rotterdam 2001. „AVL Ville“ war als anarcho-kapitalistische Gesellschaft konzipiert und verfügte über eine eigene Verfassung, eine autarke Stromerzeugung, eine AVL-Akademie und ein betriebsfähiges Krankenhaus. Nach nur neun Monaten wurde das Experiment „AVL-Ville“ von der rechtspopulistischen Gemeinderegierung Rotterdams beendet. Die Konsequenz war, dass die Sozialprojekte reduziert und die Unternehmensstruktur forciert wurden.

So sind sowohl die Installation „Der Technokrat“ (2004/05), sowie „Der Disziplinator“ (2003) eine Reaktion von Van Lieshout auf die realen Erfahrungen mit Gesellschaftsbürokraten. „Der Technokrat“ und „Der Disziplinator“ sind weniger funktionell konzipiert und stellen keine Abbildung des Freiheitsideals dar, sondern setzten sich mit Regression, Unfreiheit und restriktiven Systemen auseinander. Van Lieshout ist kein Exzentriker, der auf die Ökonomisierung der Lebensstile mit einer moralisierenden Profitkritik reagiert, sondern liefert durch seine jüngsten Projekte Einblick in die gegenwärtigen „modernistischen“ Sozialverhältnisse. Die Diktatur des Kapitals schafft Arbeitsverhältnisse in welchen sich die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatsphäre auflösen. Die kapitalistischen Ausrichtungen auf Gewinnmaximierung und die dadurch provozierten Auswirkungen auf Handlungs- und Denkweisen spiegeln sich in dieser Installation wider. So lassen sich in der Realisierung des Projektes nicht nur Anspielungen auf Machiavelli, sondern auch auf die von Pierre Bourdieus 1997 publizierte Dokumentation „Das Elend der Welt“ wieder finden.

Die Installation „Der Disziplinator“ (2003), die aus einer gerüstartigen Holz- und Stahlkonstruktion von 6 x 18 Metern besteht, läuft allen humanistischen Bedürfnissen zuwider und löst bewusst Assoziationen mit der Situation eines Arbeitslagers und eines Callcenters aus. „Der Disziplinator“ ist als imaginäres Arbeitslager für 72 Insassen konzipiert ist, deren Beschäftigung in der monotonen Herstellung von Sägemehl durch das Feilen von vier Baumstämmen mit 36 Feilen besteht. Der Arbeitsablauf erfolgt in drei Schichten, die Schlafeinheiten sind infolgedessen auf 24 Betten reduziert – alles ist strikt durchrationalisiert. Vergleichbar mit der Infrastruktur eines Gefängnisses befinden sich Arbeits-, Eß-, Hygiene- und Schlafvorrichtungen auf engstem Raum. Die Schlafkojen aus groben Brettern lassen jeden Komfort vermissen. Van Lieshout wagt zwar nicht den Schritt wie in Realityshows oder wie Christoph Schlingensief in seinen Projekten Interessenten einzuladen, einige Tage in diesem Lager zu verbringen, dennoch wird durch die Installation mitreflektiert, wie in den Realityshows die Kontrollgesellschaft als Unterhaltungsprodukt vermarktet wird. Der These, dass Strategien der „Anti-Disziplin“ sich heute in den Alltags- und Subkulturen wieder finden, stellt das Atelier Van Lieshout als Modell die Installation „Der Disziplinator“ als einen Apparat der Macht gegenüber in dem der Eigensinn widerspenstiger AkteurInnen vom Arbeitsprozess absorbiert wird. Die heroische Geste der Abweichung und jeder Akt der Selbstermächtigung ist verschwunden. Während in dem Projekt „Francis Unit“ (2002) noch eine spielerische Auseinandersetzung mit der Globalisierung erfolgte und dem Weltwirtschaftsfond der Selbstversorgungsaspekt in AVL-Ville Manier gegenübergestellt wurde, reduziert sich in der imaginären Welt des Disziplinators das Überleben auf den Zweck der Arbeit. Wie sich durch den globalen Kapitalismus abzeichnet, bewirkt die Herrschaft eines Systems keine universelle Freiheit. Die zellenartige totale Einschränkung des Lebensraumes lässt keine Intimität und keine Privatsphäre mehr zu. Freiheit gilt nach wie vor als ein imperiales Versprechen. Selbst der Sklavenhandel, der die Urform des spekulativen Kapitalismus darstellt, wurde mit der widersinnigen Argumentation gerechtfertigt, dass er den AfrikanerInnen die Freiheit bringt. Die Welt droht, an der universellen Verwirklichung des kapitalistischen Systems zu ersticken. Ein Affront besteht auch darin, dass die Verbindung zwischen Kapitalismus und imperialen Interessen einen permanenten Kriegszustand auslöst. Die Regeln des freien Marktes sind, dass es keine Regeln gibt. Das Atelier Van Lieshout zeichnet ein drastisches Bild des Kapitalismus, das jeden freien Lebensraum wegspekuliert hat. Sieht sich das Unternehmen Van Lieshout nun auch als ein Opfer des Systems, das dem freien Markt ausgeliefert ist?

Ein wichtiger Bestandteil der skulpturalen Ausformungen des Ateliers Van Lieshout sind immer die Körperfunktionen, die Exkremente und selbst der Gestaltungsprozess dreht sich um Sex und Erotik. Auch in der Auseinandersetzung mit dem Sex geht es immer um das Individuum und dessen Beziehung zur Gesellschaft. Die Installation „Der Technokrat“ (2004/05) basiert auf dem Modell eines autarken Versorgungs- und Verwertungssystems und besteht aus einzelnen Modulen wie dem Alkoholator, I-Faecal Experimental, Bunk Beds, Silos, Container und einer Biogas Installation, die den Kreislauf zwischen Nahrung, Alkohol, Exkrementen und Energieversorgung gewährleistet. In den „Bunk Beds“ werden den BürgerInnen die Fäkalien abgesaugt, welche an die Biogas Installation weitergeleitet werden. Das hier produzierte Methangas dient für den Elektrizitätsgewinn. Der Bürger wird dabei auf eine Produktionseinheit reduziert. Eine im Zusammenhang mit dem Kapitalismus häufig gestellte Frage, ob das Reichder Begierde und des Verlangens unser Ökosystem aufzufressen droht, stellt das Atelier Van Lieshout organoide Systeme gegenüber in welchen keine Substanz verloren geht.

„Der Technokrat“ und „Der Disziplinator“ laufen als imaginäre restriktive Systeme jedem Freiheitsbegriff zuwider. Van Lieshouts neuestes geplantes Projekt heißt „Call Center“ und ist ein Konzentrationslager, das auf heutigen Technologien basiert. Wie lässt sich durch das erwirtschaftete Geld Einfluss auf geopolitische Strukturen ausüben, so lautet eine weitere Motivation in Van Lieshouts ambitioniertem Programm. Mit den Installationen des Ateliers Van Lieshout will das MAK seinen „Factory“ Charakter als Ort der Anwendung von Kunst hervorheben, dies scheitert allerdings am Mangel an Produktionsabläufen vor Ort.

von Ursula Maria Probst

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