Titel: Cool Club Cultures , 1996

Der Künstler am Machtpol

Klaus Theweleits Königsbücher

In seiner berühmten Dissertation „Männerphantasien“ führte Klaus Theweleit präfaschistische Freikorps-Männer als Nicht-zu-Ende-Geborene ein, die ihre Körper übers Militär modellierten und sich einen Gefühlspanzer gegen die Frau. Auch im „Buch der Könige“ ist der Nicht-zu-Ende-Geborene die Hauptfigur, diesmal als Künstler. Statt über militärischen Drill versucht der Künstler, sich über Liebes-, Kunst- oder Machtbeziehungen weiterzugebären, zu wachsen und sich selber zu vermehren (und sei’s auf Kosten der Verminderung anderer). „Orpheus am Machtpol“ erzählt von den besonderen Gefahren, die dem Künstler drohen, wenn er sich mit der Macht verbündet: die Ausstrahlung des Machtpols sei so stark, daß sie alle anderen Verbindungen des Körpers auslösche; der Anschluß an die Macht koste den Künstler die Kunst, unter anderem.

Sigrid Löfler im »ORF« (Wien).

Klaus Theweleits Königsbücher sind – schon von der Form her – die letzten Pflastersteine der Studentenrevolution. Ihre Moral, ihre Rhetorik und ihre Ideale können und wollen das historisch gewordene Aufbegehren, dem sie entstammen, nicht verleugnen. Und doch sollen diese Pflastersteine keine Könige mehr fällen. Theweleits Projekt ist ein ganz anderes. Denn die Monarchen, von denen er handelt, sind nicht durch Erfolge bestimmt, sondern von der Menge erkorene Herrscher, Erben des orphischen Gesangs, von Monteverdi bis Michael Jackson … Theweleit will seine Könige nicht beseitigen, er will sie verstehen. Verstehen will er, warum sie so unwiderstehlich sind, was ihr Geheimnis ist und wie sie es verschenken. Vor allem interessiert ihn, weshalb die Beglückung der Menge den meisten dieser Herrscher nicht genügen wollte, warum Presley mit Nixon und Benn mit Hitler…

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