Essay · S. 158
Essay , 1987

Ludger Fischer

Der Mönch am Meer ohne Mönch

Zur Wiedergeburt der Romantik im Geist der Postmoderne

Halt! Diese Überschrift ist ganz falsch und irreführend. Es muß heißen: Zur Rehabilitation des Traditionellen in der Moderne. Das heißt, eigentlich geht es ja – bitte jetzt trotzdem weiterlesen – um die Dialektik von Tradition und Traditionsbruch sowie Rationalismus und Irrationalismus, jeweils im Dienste der Aufklärung. Aber damit verschrecke ich gleich zu Anfang die Leser, denen ich eigentlich eine ganz interessante Geschichte erzählen wollte.

Die Geschichte hat eine Vorgeschichte. Sie handelt von dem Versuch einiger Kunstkritiker und Philosophen, mit den Produkten zeitgenössischer Künstler auch theoretisch fertigzuwerden. Zu diesem Zweck hatten auch sie sich eine Geschichte ausgedacht. Sie handelte von der Übertragung eines militärischen Begriffs über die Politik auf die Kunst und wieder zurück auf die Politik. Es war die Geschichte des Begriffs „Avantgarde“, die in den fünfziger und frühen sechziger Jahren unseres Jahrhunderts immer abenteuerlicher ausgeschmückt wurde. Das lag daran, daß der Tod dieser Avantgarde vereinbart wurde, um die Legendenbildung zu beschleunigen. Es ist vielleicht nicht so schlimm, wenn ich dies hier ungeschützt behaupte, da ich bereits an anderer Stelle Entstehen und Vergehen dieses Phänomens erläutert habe.1

Die Fortsetzung der Geschichte hängt mit der Rehabilitation eines Begriffs zusammen, der lange Zeit zumindest im Bereich der bildenden Kunst als Ausweis einer wahrhaft reaktionären Gesinnung galt, der Tradition. Auf drei Ebenen wird der Ruf der lange Zeit verpönten Tradition wiederhergestellt.

Besonders tapfere Theoretiker setzen sich dafür ein, die Tradition jener Traditionsbrecher, die den Fortschritt zwangsläufig kommen sahen und dennoch aktiv betreiben wollten,…

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