Kommentar · S. 260
Kommentar , 1988

Der Stand der Dinge?

Bemerkungen zur Kunstvermittlung
von Amine Haase

Der Schaubetrieb dieses Sommers hat den Rollenwechsel ins volle Rampenlicht gerückt. Was sich bislang nur in den Kulissen vorzubereiten schien, war nun vor dem Vorhang zu bestaunen: Der Künstler nicht mehr als Ideenlieferant und Visionär, sondern als Statist und Virtuose. Zumindest schreibt diese Umbesetzung offenbar das Skript der internationalen Großveranstaltungen vor – und die Künstler folgen den Regieanweisungen. Die Drehbücher der „Simulations“-Philosophen zeitigen kolossale Ausstellungs- Epen. Daß sie landauf, landab so ohne Murren befolgt werden, ist phänomenal – und fatal für die Kunst. Denn sie verliert damit ihre seherischen, zukunftsweisenden Möglichkeiten und begibt sich brav – auch dort, wo sie wild spielt – in die Nachfolge der Interpreten und der Reproduzenten.

Die Erläuterung dessen, was als zynischer Verzicht oder fatalistische Feigheit bezeichnet werden könnte, soll sich hier nur auf zwei Orte beziehen: auf Venedig und auf West-Berlin. An der Biennale sowie an der europäischen Großveranstaltung in der Nationalgalerie („Positionen heutiger Kunst“ von Dieter Honisch) und deren Kontrapunkt im Hamburger Bahnhof (Harald Szeemanns „Zeitlos“) läßt sich darlegen, wohin die Kunst wohl zwangsläufig geraten muß, wenn der Rahmen wichtiger erscheint als das Bild.

Die Biennale ’88 kommt daher wie eine überdimensionierte Modenschau, für die Wände dekoriert und Laufstege begradigt wurden, damit das oldfashioned Tuch aus den Mottenkosten der fünfziger Jahre wie neu wirkt und die Models nicht ins Stolpern geraten. Die tun es auch nicht – die tatsächlich betagten nicht, weil ihnen die Überzeugung der Jahre würdevolle Selbstsicherheit verliehen hat; die jungen nicht, weil sie alles…

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