Titel: Bild und Seele · S. 214
Titel: Bild und Seele , 1989

Paolo Bianchi/Christoph Doswald

Der Traum vom Fliegen als fixe Idee

ÜBER GUSTAV MESMER

Gustav Mesmer (*1903), der in einem Altersheim auf der Schwäbischen Alb lebt, gehört zu den eigenwilligsten Art-brut-Künstlern der Gegenwart. Seine Kunst umkreist ein einziges Thema: mit technisch unzulänglichen Mitteln, den modernen Erkenntnissen der Aviatik meist widersprechenden Konstruktionen stellt er seinen Traum vom Fliegen dar.

Gustav Mesmer ist schon alt. Am 16. Januar 1903, als eines von zwölf Kindern geboren, stand ihm ein karges Leben bevor: die damalige Hungerwelt der Schwäbischen Alb. Als er zur Schule mußte, brach der Erste Weltkrieg aus. „Da gab’s keine rechte Lehrer mehr, nur einen Kriegsinvaliden. Der hat immer Sand auf den Tisch geschmissen und gesagt, das ist die Schwäbische Alb. Gelernt habe ich nix“, sagt Mesmer und muß lachen. Als junger Mensch schloß sich Gustav den Benediktinern im Kloster Beuron an. Nach sechs Jahren wurde aus Bruder Alexander wieder der irdische Gustav Mesmer. 24jährig wurde Mesmer in die Anstalt von Schussenried eingeliefert. Er kann sich nicht mehr genau daran erinnern, wie es dazu kam. Die Wahrheit ist: Mesmer stand eines Tages im Jahre 1927 vor der Kirche von Altshausen, da sah er nur noch das Portal, stürmte wie von Sinnen hinein, rannte nach vorn zum Altar und begann zu predigen. Predigte der Pfarrer von der Kanzel doch alles falsch, ganz anders eben, als er es von den Mönchen gehört hatte. Unglücklichereise war es ein Sonntag, und die Gemeinde war vollzählig versammelt. Der Doktor fand keine medizinische Diagnose für den verwirrten Kirchenstürmer und ließ ihn ins Irrenhaus…

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