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Titel: UTOPIA · von Ann-Katrin Günzel · S. 52 - 69
Titel: UTOPIA ,

UTOPIA

Der Traum von einer besseren Welt

von Ann-Katrin Günzel

1. Schlaraffenland und Paradies

Wer kennt es nicht, das Märchen vom Schlaraffenland? Gegrillte Schweine laufen umher, gebratene Tauben fliegen durch die Luft, die Häuser bestehen aus Kuchen, die Felder und Bäume sind voller Früchte, aus den Brunnen fließen wahlweise Milch, Honig oder Wein und alle Menschen erfreuen sich ewiger Jugend. Das Schlaraffenland [von mhd. slur-affe = üppig und gedankenlos lebender Müßiggänger] ist das Land der Faulenzer, in dem alles ohne menschliches Zutun im Überfluss vorhanden ist. [02] Der Soziologe Zygmund Bauman bezeichnete diesen Zustand als eine „maßgeschneiderte Utopie für die unter Not und Ohnmacht leidenden Menschen einer [mittelalterlichen] Mangelgesellschaft“, welche sich heute allerdings in eine „anregende, aber furchtbar anspruchsvolle und ermüdend anstrengende Überflussgesellschaft“ entwickelt habe, die „mit ihrem Übermaß an Chancen, Möglichkeiten, Optionen, verlockenden Sensationen […] der Verheißungen müde, ausgezehrt und abgespannt“ sei – und so sei auch eine gegenteilige Utopie entstanden, eine, die nach Rückkehr und Ruhe rufe, eine „Zurück-in-den-Uterus-Nirwana“-Utopie.1 Bauman begründete diese von ihm 2017 konstatierte Rückwärtsgewandtheit in seiner fortschrittskritischen Schrift „Retrotopia“ damit, dass die Fortschrittsutopien der Moderne in der Technisierung ihren Höhepunkt, aber auch gleichzeitig einen Wendepunkt erfahren hätten, welcher gleichbedeutend mit einer Wende in eine Retrotopie gewesen sei, d. h. in die Vergangenheit mit ihren Mustern von Stabilität und (klaren) Zielvorstellungen. So sei es letztendlich die „Sehnsucht nach Stammesfeuer“, die „der enervierend kapriziösen und ungewissen Gegenwart innewohnenden Angst vor der Zukunft“ entspringe.2

Wenn also vor der Covid-19-Pandemie eine dystopische Weltsicht die Menschen – zunächst – aus lauter Überdruss zum Rückblick veranlasst…

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