Titel: Das neue Bild der Welt , 1993

Bernhard Korte

Die einzige Motivation, Mathematik zu betreiben, ist Ästhetik

Können Sie erklären, was diskrete Mathematik ist und was man in ihr macht?

Im Deutschen haben wir für zwei verschiedene Bedeutungen von „diskret“ nur ein Wort, weswegen die diskrete Mathematik häufig falsch verstanden wird. Das Wort kommt vom mittellateinischen discernere und hat im Englischen zwei verschiedene sprachliche Ausprägungen, nämlich „discrete“, was ich meine, und „discreet“ im Unterschied zu indiscreet (indiskret). Gemeint also ist die Mathematik der diskreten, d.h. unterscheidbaren, genau definierten Zustände. In der klassischen Mathematik beschreibt die Differential- und Integralrechnung, also der von Leibniz und Newton erfundene Calculus, im wesentlichen Grenzübergänge oder Ableitungen. Die Erfindung des Calculus war notwendig, um insbesondere Phänomene in der Physik wie z.B. Geschwindigkeit und Beschleunigung mathematisch exakt beschreiben zu können. Wenn man auf den Tachometer sieht, dann ist die Anzeige der Kilometer pro Stunde eine Momentaufnahme. Nur durch die Trägheit des Tachometers wackelt der Zeiger nicht. Wenn man die Zeit gegen Null gehen läßt, erhält man die typische Aussage über die aktuelle Geschwindigkeit. Das ist typisch für die klassische Mathematik, wenn sie in der Physik oder in gewissen Technikbereichen angewendet wird. Die diskrete Mathematik hat hingegen kombinatorische Sachverhalte zum Gegenstand. Sie ist relativ neu und wurde in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts im wesentlichen in Ungarn entwickelt. Ganz oberflächlich könnte man sagen, das sei so etwas wie die Logelei von Zweistein, also das, was gelegentlich in den Puzzleecken von Zeitungen steht. Daraus hat sich inzwischen eine reputierliche mathematische Disziplin entwickelt, weil sehr viele Anwendungen in…

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von Florian Rötzer

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