Titel: Documenta IX · von Bruno Glatt · S. 92
Titel: Documenta IX , 1992

BRUNO GLATT

Die irdische Himmelsleiter

THE EARTHLY CELESTIAL LADDER

die Schwäne, ich sahs nicht, flogen, es war,
als schwirrte, vom Nichts her, ein Wurfholz
ins Ziel einer Seele.

Paul Celan

I Beschwörung der Geister (memoria)

Ich nenne den phantastischen Symbolist einen Alchymist des Geistes, einen religiös-psychologischen Deuter, dessen magische Rezepte zu Bildern wachsen, die uns Himmel und Erde verbinden. Er ist ein wünschender Denker, Gärtner der Träume, Konstrukteur und Erfinder der Bilder und Gleichnisse. Kenntnisreich webt er die Fäden von Natur und Geschichte, fügt aus der Erinnerung, dem Vergänglichen, die ewigen Bilder (visibilia) des Verborgenen (invisibilia).

»Die Formen schwanden hin und waren bald
nur noch ein Traum, fast nicht erkennbar
auf vergessener Leinwand ein Entwurf, den
der Künstler aus dem Gedächtnis nur vollendet.«

Charles Baudelaire, (Une Charogne)

Der Symbolist bewahrt uns die Idee der Dinge im Wiederbeleben des Vergessenen und Verborgenen als gewußtes, erlebtes Sein und denkt in schöpferischer Handlung neue Bilder. Den Ursprung zeigt er all den Arglosen, die ohne Gedächtnis sind. »Ach, das Gespenst des Vergänglichen/ durch den arglos Empfänglichen/ geht es, als wäre es Rauch.« Rilke, (Sonette an Orpheus, XXVII). Hier spielt er den Menschen in die Hände der Schicksal entscheidenden Götter, dort läßt er das ICH zu Ende seiner Verse die Vergänglichkeit erkennen, löst es vom Schein und schenkt ihm die Anwesenheit Gottes als mystische Kraft.

»Dann, o meine…

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