Titel: Zeit · Existenz · Kunst · von Heinz-Norbert Jocks · S. 170
Titel: Zeit · Existenz · Kunst , 2000

ROMAN OPALKA

Die Irreversibilität der Zeit und die Ewigkeit

EIN GESPRÄCH VON HEINZ-NORBERT JOCKS

Roman Opalka, 1931 als Sohn polnischer Emigranten in Frankreich geboren, lebte lange in Polen und entwickelte dort 1965 das Konzept seines Lebenswerkes. Er beschloss, ein letztes und vollendetes Werk zu schaffen. Ein Werk, das die unwiederbringliche Zeit mit den Zeichen der Zahlen darstellt und an dessen Beginn eine schwarze Leinwand stand. Mit weißer Farbe malte er darauf oben links die Zahl 1 daneben die Zahlen 2, 3 u.s.w., bis er Zeile für Zeile fortlaufend an der unteren Bildecke bei der Zahl 35327 ankam, um sofort ein neues Bild zu beginnen. Jedes Bild ist für ihn ein Detail, nämlich das Detail eines Ganzen. Jeder Arbeitstag wird zudem im Atelier mit einem photographischen Selbstporträt beendet. Das ewige Fort und Voran der Zeit, das sich im Fortschreiben der Zahlen manifestiert, erfährt durch den in den Photographien festgehaltenen Alterungsprozess eine individuelle Dimension. Bild und Leben sind so miteinander verzahnt. „Vorhaben, Programm für mein ganzes Leben,“ sagt er, „offenbart sich in einem Arbeitsprozess, der eine Progression aufzeichnet, eine Progression, die die Zeit sowohl dokumentiert als auch definiert.“ Die beiden Büchern Anti-Sisyphos (1994) und Der befreite Sisyphos (1998), erschienen im Verlag Gerd Hatje Cantz, verdeutlichen dieses Lebens-Zeit-Kunst-Konzept. Mit Roman Opalka, der seit 1979 in dem südwestfranzösischen Bazérac/Tournon d`Agenais lebt, sprach Heinz-Norbert Jocks über die Verquickung von Zeit, Existenz, Kunst.

Was anfangen mit dem Leben

Heinz-Norbert Jocks: Was reizte Sie am Künstlertum?

Roman Opalka: Das Thema der Zeit. Als ich jung war, fragte ich mich, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Und: Was erwarte ich von meiner Zeit, die ich zu leben habe? Nun kann man die Frage schnell damit vom Tisch fegen, dass man einem Beruf nachgeht, der einen ernährt. Aber wenn sich ein Künstler, der nicht nur in unserer Gesellschaft, sondern auch in sozialistischen Ländern damals, vor allem in Polen, ein freier Mensch ist, sich diese Frage stellt, so ist sie anders zu verstehen. Von der Freiheit des Künstlers im Sozialismus zu sprechen, klingt für viele ja paradox. Für die meisten schließen sich Kommunismus und Freiheit aus. Aber das stimmt so nicht. In Polen war ich frei darin, mir existentielle Fragen zu stellen. Fragen wie: Was ist im Leben eines Menschen überhaupt machbar? Was und wohin will ich? Sie müssen wissen, dass ab 1956 die bildende Kunst in Polen völlig frei war. Wir Künstler konnten tun und lassen, was wir wollten, während die Lage für die Dichter schwieriger war. Vor dem Hintergrund, dass es keinen Kunstmarkt gab, waren Fragen wie, was willst du, viel ernster und existentieller angelegt als in jenen Gesellschaften, wo es Galerien gibt und die Kunst dem Diktat von Angebot und Nachfrage unterworfen ist. Die Kunst war bei uns eben keine Ware. Es herrschte eine Freiheit der Kreativität jenseits der Galerien. Das war sowohl für mich wie auch für meine Kunst eine echte Chance. Ich konnte es mir extreme Fragestellungen erlauben: Was willst du als Künstler malen? Wie Malewitsch sich für das Quadrat und Cézanne für die Montagne Sainte-Victoire entschied, so kam ich auf die Idee, die Zeit in der Malerei zu manifestieren.

Nun ist es keine Selbstverständlichkeit, die Zeit zu thematisieren. Was war der Auslöser dafür?

Marcel Proust thematisiert die verlorene Zeit im Rahmen seines großen Romans, und Henri Bergson reflektierte als Philosoph über Gedächtnis und Dauer. Mein Werk befasst sich mit der Zeit, die präsent ist, eben nicht mit der verlorenen. Mein malerisches Konzept beruht darauf, die Zeit zu versichtbaren. So wie Heraklit sagte, man könne nicht zweimal in denselben Fluß steigen, so drücke ich Zeit mit Zahlen durch einfache, wie ich auch sage, genetische Progressionen aus. So gelange ich zu einem Zeit-Bild In dem Zusammenhang waren für mich auch polnische Künstler des sogenannten Unismus wichtig.

Was ist mit Unismus gemeint?

Als Strzeminski seine Theorie des Unismus verfasste, hob er die Einheit hervor, die von der Einzigartigkeit jedes einzelnen, der unité unique ausgeht, als etwas Einziges und Unersetzbares unter Milliarden – eine Spur im Universum unverwechselbar und stetig in der Dynamik der Einheit. Damit verbunden ist ein demokratischer, ein Egalitätsgedanke, wie er sich im Werk von Daniel Buren und Günther Uecker manifestiert. Meine Vorstellung, auch eine humanistische, müssen Sie sich komplementär dazu vorstellen. Jeder Einzelne ist unter den Milliarden einzigartig, und in dem Sinne ist der Mensch ein Universum. Dies ist die konzeptionelle Definition und raison d’être meines Programms, meiner Details der einen Einheit, der Einheit als unendliche Expansion der genetischen Zahlenprogression, einer Einheit, wie sie Parmenides begriffen hat.

Lineares Fließen der Zeit

Apropos Zeitphänomen und Malen, wie geht das zusammen?

Zunächst glaubte ich, ein Zeitphänomen zu malen, sei unmöglich. Denn es stimmt nicht, dass auf jedem manuell gemalten Bild die Zeit zu sehen ist. Ein solches lässt sich abreiben und abmalen. Bei mir ist der Zeitfluss als Konzept der Zeitexpansion des Körpers des Künstlers fixiert. Sobald ein Fehler beim Malen passiert, dokumentiert dieser quasi die Irreversibilität von Zeit. Der Fehler in einem Kunstwerk taucht quasi als Information und auch als ein Beispiel dafür auf, dass die Zeit wirklich gemalt ist, weil man nicht zurückgehen und nichts rückgängig machen kann. Man sieht die Zeit auf meinen Bildern vor allem dort, wo sie noch sehr visuell sind. Wenn ich den Pinsel in weiße Farbe tauche, um zu malen, so geraten die ersten weißen Zahlen noch sehr kräftig. Dann weicht aus dem Pinsel die Farbe, so dass ich die Bewegung wiederhole. Ich tauche wieder den Pinsel in die weiße Farbe, so dass ein der Atmung vergleichbarer Rhythmus entsteht. Im Grunde ist das so etwas wie ein Spaziergang durch die Zeit. Diese ist wie der Raum ein unumstößliches Faktum unseres Lebens. Das heißt, wir sind linearisch ausgerichtet. Aber es besteht die Möglichkeit, dass Sisyphos sich emanzipiert, indem wir uns von den Zwängen der Zeit durch unser Gedächtnis befreien. Wir sind in der Lage, unsere erfahrene Zeit zu tragen. Zwar fließt der Fluss der Zeit linearisch, aber in unserem Kopf strebt sie wie Thermodynamikphänomene in sämtliche Richtungen Unser Gedächtnis setzt uns in Freiheit, weil die Prozesse dort thermodynamischer, sogar elektrischer Natur sind. Das ist es, womit ich mich als Künstler befasse und was allzu oft völlig falsch oder unzureichend interpretiert wurde. Es greift zu kurz, wenn man sagt, Opalka male eine Zahl nach der anderen. Natürlich stimmt das. Jeder lebt einen Moment nach dem anderen. Das ist so. In dem Sinne wir sind natürlich lächerliche, ja sinnlose Existenzen. Aber mein mit Zeit befasstes Werk hat einen Sinn. Es versucht den Sinn für unsere Existenz als befreite zu finden. Am Anfang wurde mir – gerade in Deutschland – unterstellt, ich sei Gefangener meines Konzepts, da ich stets dasselbe male. Aber das ist ein großer Irrtum. Denn wenn jemand sich selbst tagtäglich malt, so ist dies ein bestimmter Typus von Malerei, befasst mit dem sfumato der einen Existenz. Und wenn jemand von Tag zu Tag weiterlebt, so ist das ja keine Wiederholung, oder? Denn die Zeit, die vergeht, wechselt ja ganz brutal, und manchmal passieren im Leben verheerende Katastrophen und Sprünge. Also der Zeitfluss ist alles andere, nur keine Wiederkehr des Gleichen. Nehmen Sie den hinter uns liegenden Jahrtausend-Wechsel: Dass er mit so großen Emotionen verknüpft war, gehört zu unserer Zivilisation. Dabei handelt es sich um eine willkürliche Festlegung in unserem Kalender. Das Datum, dem wir so viel Bedeutung beimessen, ist letztlich unwichtig. Wichtig in unserem Geist und Körper ist das Sein in der Zeit, also das Dasein wie bei Heidegger, der Dasein jedoch als Sterben missverstand. Ich male die Emotion zum Dasein.

Was war das, was Sie dazu brachte, so obsessiv über Zeit zu reflektieren?

Ich mag das Wort obsessiv nicht besonders. Wenn überhaupt, so ist es eine Obsession für das Leben. Es geht nicht um den Tod. Der Tod ist ein Geschenk. Das klingt paradox. Es geht mir darum, dass das Leben als Leben emotional ist. Irrtümlicherweise ist mein Werk oft so gedeutet worden, als läge ihm ein ganz kaltes und kühles Prinzip der Zeitmanifestation zugrunde. Gewiss operiere ich rational, aber nicht kalt. Man manifestiert dadurch den Tod. Nun, warum Tod? Weil das Konzept darauf beruht, dass die Vollendung sich erst mit dem Tod vollzieht. Aber die Vollendung, die ich meine, gehört zum Leben. Nach Heidegger ist jeder Mensch auf der Welt, um zu sterben. Ich dagegen manifestiere das Leben, indem ich die Emotion vom Dasein sowohl lebe wie auch male. Als Maler, der ich bin, sage ich: Ich male die Malerei. Wäre ich ein Dichter, hätte ich versucht, das zu schreiben, was sich mit Worten nicht gut ausdrücken lässt. Gut, eine Zeitlang machte ich Reisekarten, womit ich inzwischen aufgehört habe. Sie gehörten zu meinem Konzept. Nun bezeichne ich ja alle Teile meines Werke als Detail. Um mit einer Reisekarte anzufangen, musste ich ein großes Detail zu Ende bringen. Nun was ist spezifisch an meinem Werk? Wenn ich in meinem Atelier ein Bild diagonal beende, so nehme ich es von meiner Staffelei, um gleich zur nächsten bereits vorbereiteten Leinwand zu greifen. Auf der male ich direkt mindestens eine Zahl, so wie ein Dichter an einer Reisekarte schreibt. Aber als Maler male ich die eine Zahl. Dann ist die Vollendung in dem Sinne vollzogen, wie jede Existenz im Sinne Heideggers vollendet ist, wenn sie tot ist. In dem Moment, wo das Leben sich als Konzept manifestiert, ist es vollendet. Die Frage, wann das echte Leben anfängt, ist eine ethische, wenn nicht sogar eine religiöse. Zwar bin ich ein Agnostiker, aber die Frage nach dem Anfang ist mir ganz wichtig. Denn unser Leben setzt mit der Geburt ein. Es ist eben nicht so, wie der Dichter Paul Valéry behauptete, als er sagte: Wir kommen von Null und gehen gegen Null. Das ist von der Logik her totaler Unfug. Entschuldigung! Valéry ist zwar ein großer Poet, aber hier irrt er. Wir kommen von der Einheit und bleiben darin. Mein Werk drückt genau das aus und befindet sich in dem Punkt im Einklang mit der Zeit. Im Deutschen sprechen wir vom Urknall. Zu behaupten, der Urknall begänne bei „0“, entspricht nicht der Wahrheit. Denn bei „0“ beginnt nichts. In der Mathematik kann man mit „0“ als Symbol operieren, aber auf der Ebene der Materie ist das unmöglich. Laut Parmenides lässt sich eine „1“ nicht vernichten. Sie war und wird immer da sein, vielleicht auch als Antimaterie. Es ist kein Zufall, dass ich mein Werk nicht von der Null aus, vom absoluten Nichts her begonnen habe, sondern mit dem Zeichen 1, der Einheit, die in unendlicher Expansion ist, wie der Urknall, der ewig in der Expansion des Universums fortdauert. Daher nehme ich oft Bezug auf mögliche Empfindungen, die der Versuch, sich die unbegreifbare Raumzeit des Urknalls vorzustellen, hervorruft.

Ganz plötzlich ohne Tick-Tack

Welche Erlebnisse drängten Sie zum Nachdenken über Zeit?

In meinem Antisisyphos erzähle ich eine Geschichte. Sowohl meine Eltern wie auch meine Geschwister sind außer Haus, und ich, ein Kind von etwa fünf Jahren, bin ganz allein. Weder Fernsehen noch Radio lenken von dem endlosen Tick-Tack der Uhr ab, und ich schaue auf das Pendel, das urplötzlich seine Bewegung einstellt. Für mich insofern ein Riesendrama, als ich befürchtete, ich hätte es versehentlich mit meinem Geist oder mit meinem Auge beeinflusst und kaputt gemacht. In meiner Kinderfantasie dachte ich, wenn sich mit dem Auge das Pendel anhalten lässt, so muss es auch auf gleiche Weise wieder in Bewegung versetzbar sein. Aber das funktionierte nicht. Ich weinte und hatte Angst vor den heimkehrenden Eltern, die mir nicht abnehmen würden, dass ich nichts getan und auch an der Uhr nicht herumgespielt habe. Als schließlich meine Mutter sah, was geschehen war, sagte sie, sie hätte wohl vergessen, die Uhr aufzudrehen. Kaum geschehen, schon war mein Drama vorbei. Obgleich ich rot vom Weinen war, bemerkte sie nicht, was mit mir los war.

Gibt es noch andere Erlebnisse?

Viele sind mehr malerischer Natur. Jedoch erlebte ich als mittelloser Student folgendes. Wer um 1950 einen Groschen mit der nach oben zeigenden Zahl auf der Straße fand, der hoffte, es bringe ihm Glück. Obgleich ich skeptisch genug war, um das zu glauben, hob ich die gefundenen Groschen auf. Da das Finden inflationär wurde, hatte ich irgendwann mindestens 50 Groschen in der Tasche, so dass ich mir ein viertel Liter Milch kaufen konnte. Nun warum ausgerechnet Milch? In einer Schublade hatte ich ein Stück Brot gefunden. Es war so hart und trocken, dass es ungenießbar war. Ich wollte es in Milch tunken, um es essen zu können. An einem sonnigen Sonntag betrat ich also eine sogenannte Milchbar, und tauschte das Glück in meiner Tasche gegen einen viertel Liter Milch ein und tauchte schließlich das Brot tief in den Milchbecher. Dieses Bild ist so anekdotisch wie symbolisch, zudem malerisch und klingt, wenn ich es erzähle, auch sehr psychoanalytisch. Im Nachhinein lässt sich immer erklären, was dies und jenes bedeutet. Das ist eine Interpretation vor dem Hintergrund der Art, wie mein Werk heute verstanden wird. Das ist immer so. Früher oder später erkennen sich die Künstler in den Werken der Kunstgeschichte wieder. Was ich erzähle, dem liegt ein gewisses Denken zugrunde. Es fragt, wie verhält sich das, was ich mache, zu dem, was vor mir in der Kunst war. Ganz wichtig ist mir das sfumato von Leonardo da Vinci, das viel mit Zeit zu tun hat. Warum sfumato? Das sfumato ist bereits bei Giordano Bruno das Unendliche. Weder das Dunkel noch das Licht hat eine Grenze, denn in der Natur gibt es keine Grenzen. Das Unendliche schließt ein, dass es kein Ende gibt. Apropos Urknall, auch dieser markiert keinen Anfang, ist vielleicht ein Teil unseres Zeitraums. Ja, die Welt ist laut Giordano Bruno unendlich. Daran besteht kein Zweifel, und das ist ein Wunder. Im Französischen sagt man La nuit du temps. Das ist Unsinn, und wenn man es gleichwohl sagt, so nicht im Zusammenhang mit der Zeit. Die war immer da. Wo Energie ist, da ist auch Zeit. Das gehört zu dem Phänomen der Thermodynamik, ob im Mikro- oder Makrobereich.

Wie erfahren Sie selber Zeit an sich?

Wie jeder Mensch wahrscheinlich. Nur mündet in meinem Fall das Erleben von Zeit in mein Werk. Ich male quasi mein sfumato von der einen Existenz sehr egozentrisch. Dieser jedem Künstler eigene Egozentrismus ist bei mir sehr evident und ausgesprochen stark da, aber letztlich universell. Auch Philosophen sind egozentrisch. Wer so gestrickt ist, versucht, die Welt zu verstehen. Alles Universelle ist egozentrisch. Das ist paradox, aber logisch. Wer wie in meinem Fall sich selbst, sein Leben als Materie nimmt, der kann, was er tut, nicht an andere abdelegieren wie Sol LeWitt, der eine Assistentin hat. Auch ein Künstler wie Daniel Buren lässt sich von einem Assistenten bei der Realisierung seiner Projekte helfen. Da, wo das eigene Leben, die eigene Existenz die Substanz des Werks ist, ist das völlig unmöglich.

Wie kamen Sie auf Ihre spezielle Darstellung von Zeit?

Nun wie kam ich darauf? Ganz einfach. Ich fing an, Zeit zu malen, und fragte, was denn die älteste wie die einfachste Form sei, Zeit zu manifestieren? Das war natürlich die sogenannte Zeituhr. Im Polnischen macht es keinen Unterschied, ob es eine Sand- oder Wasseruhr ist. Man nennt sie Klepsydra. Es ist ganz wichtig, dass ich das sage, weil Klepsydra, im Polnischen übrigens mit „K“, statt mit „C“ wie im Lateinischen geschrieben, nicht nur das Objekt bezeichnet, wo die Sandkörner oder die Wassertropfen durchlaufen. Vielmehr bedeutet es auch die Todesanzeige, was mich zweifelsohne, wenngleich unterbewusst, auf die Idee brachte, während des ganzen mir verbliebenen Lebens ein Bild der Zeit meines Daseins zu malen. Es galt nur, von den richtungslosen Strukturen der Pinselabdrücke in den Chronomen zum Malen der genetischen Zahlenprogression überzugehen. Jedenfalls meint Klepsydra, das Leben hat sich vollendet. Übrigens klebt man die Todesanzeigen bei uns in den Kirchen unten an die Tür. Nun, was war meine Idee? Ich wollte mit sichtbaren Spuren in Form von Punkten oder Strichen Bilder der Zeit malen. Ganz im Sinne von Kierkegaards Momenten. Es ging mir nicht darum, Momente zu messen, sondern darum, sie zu malen. Ein Moment hat weder eine Grenze, noch eine messbare Dimension. Jeder Punkt hat wie jedes Sandkorn oder jeder Wassertropfen seine Besonderheit. Unser Auge sieht das zwar nicht, aber unter dem Mikroskop wird die Personalität deutlich. Jedenfalls malte ich die Chronomen von 1960 bis 1963 in Form von Punkten. Doch die Grenze des Sichtbaren ist auch in diesem Falle relativ, was schon für Leonardo, wenn auch aus anderen Gründen, eine formale Schwierigkeit darstellte. Er wollte die Spuren, welche die Berührungen der Pinsel hinterließen, völlig verschwinden lassen; dies aber war physisch nicht erreichbar. Ich dagegen konnte keine Lösung finden, weil es keine gab. Denn in einem solchen Prozess des Malens gibt es keine Antwort. In den Chronomen war jedenfalls das Fehlen der Zeitrichtung die größte, unlösbare Schwierigkeit: die Frage, woher und wohin die Zeit sich bewegt. Und doch verdanke ich, ihrem Mangel zum Trotz, den Chronomen mein Heureka. Denn schon ihnen lag der Gedanke zugrunde, dass ich als Maler so etwas wie eine Klepsydra, eine Sand- oder Wasseruhr sei.

Anti-Duchamp und Anti-Sisyphos

Apropos Zeit, …

… sie verfügt über die Möglichkeit, sich zu definieren, sobald wir ihre Richtung sehen. Das ist am Beispiel des Films belegbar. Wer einen Film sieht, der stößt auf das Phänomen der Progression, also darauf, dass sich die Bewegung des Films als Zeitphänomen zurückdrehen und rekapitulieren lässt. Aber die von mir manifestierten Zeitphänomene sind unwiederholbar, also das Gegenteil vom Film. Nehmen Sie den von mir für die Ausstellung Die Macht des Alters gestalteten Raum: Er zeigt die Zeit als Einheit. Sowohl der Film wie auch der Computer mit ihren ungeheuren Manipulationsmöglichkeiten sind nicht imstande, die Zeitphänomene so zu erzeugen und zu visualisieren wie ich mit meiner Malerei. Signifikant an ihr ist der Zeitraum, der alle Richtungen in derselben Zeit zeigt. Ein Film ist wie meine Zahlenprogression. Aber meine Zahlen markieren den Fluss als von uns erlebtes Faktum. Danach kommt die Befreiung, weshalb bei mir auch die Rede vom befreiten Sisyphos ist. Der Mythos von Sisyphos beinhaltet die Geschichte desjenigen, der – dazu verdammt, den Stein auf den Gipfel des Berges zu rollen – jedes Mal von Neuem erleben muss, wie der unter größten Anstrengungen hinaufgeschleppte Stein wieder in die Tiefe stürzt. Das ist, wie die Franzosen sagen, wie das legendäre Café du Commerce eine Metapher. Im Grunde ist diese absurde Lehre von der Verdammung des Menschen unwahr. Denn wir befinden uns gemäß dem Urknall in einer fortlaufenden Expansion, derzufolge sich unsere Existenz nie wiederholt. Nun dürfen Sie, was ich sage, nicht mit Optimismus verwechseln. Auch fröne ich keinem platten Pessimismus. So, wie ich ein Anti-Duchamp bin, so auch ein Anti-Sisyphos. Bezüglich der Kunst bin ich weder gegen Sisyphos noch gegen Duchamp, aber ich finde ihre Weltkonzepte bedenklich.

Warum?

Weil es eine billige Café-du-Commerce-Philosophie ist, derzufolge alles scheußlich ist und sich nichts lohnt. Demnach ist der Mensch klein. Aber nicht im Sinne von Pascal, der sagte, der Mensch müsse seine Dimension erst noch finden. In dem, was sich mit Duchamp und Sisyphos inhaltlich verbindet, liegt eine gewisse Hoffnungslosigkeit. Derzufolge ist alles in der Welt und alles im Leben des Menschen sinnlos. Ich werde Schach spielen, beteuerte Duchamp am Ende. Es stimmt aber nicht, dass das Leben scheußlich und so kurz wie das Hemd eines Kindes ist. So sagt man in Polen. Wir leben eine gewisse Ewigkeit. Das ist für mich humanistisches, wenn auch kein optimistisches Denken. Im Französischen sagen wir: „Nous sommes condamnés à l`éternelle.“ Also: Wir sind zur Ewigkeit verdammt.

Haben Sie sich mit Buddhismus beschäftigt?

Irgendwie schon. Ich war in Japan, kenne Korea und die Tempel und nehme an, dass mein Werk so etwas wie eine Brücke zwischen Orient und Okzident ist. Beide Zivilisationen brauchen sich. Das westliche Denken betrachtet Zeit als etwas Ephemerisches. In der Philosophie Asiens ist der Begriff der Ewigkeit verankert, der auch für mich wichtig ist. Irgendwann einmal danach befragt, was in meinem Werk wichtig sei, verwies ich auf den Aspekt der Ewigkeit. Damit meine ich nicht, dass ich als Künstler mit meinem Werk Ewigkeit erlangen möchte. Vielmehr denke ich im Sinne der Dialektik von Parmenides, wonach die Einheit unzerstörbar ist. Das ist wie mit einem Spiegel. Wenn Sie ihn mit einem Hammer zerschlagen, zerfällt er in tausend Spiegel. Das ist ein banales Bild für das Gemeinte. Apropos ethisches Denken, grundsätzlich glaube ich nicht, dass es uns jemals gelingen wird, so zu leben, wie es der Papst oder die Politiker bei ihren Ansprachen an die Völker verkünden, fordern und sagen: Ihr sollt die Weisheit erlangen! Ihr sollt vernünftig leben und ethisch-moralisch handeln! Das geht so nicht. In gewisser Weise bilden die Menschen eine Einheit. Man muss dahin gelangen, sich klar zu machen, dass, wer etwas Böses tut, letztlich gegen sich selbst agiert. Das ist so, wenn man in Absoluta denkt. Es geht nicht nur um mein Leben, sondern jeweils auch um das Leben des anderen und seiner Kinder. Zum Beispiel kommt es in Frankreich in der Banlieu zu Konflikten mit Jugendlichen. Wenn sie damit nicht aufhören, wird man ihnen alle Zukunfts-Chancen nehmen. Worauf ich setze, ist die Geduld im Leben. Die muss sich vermehren. Wir sollten uns mehr Zeit für die Zeit nehmen, statt uns zu beeilen und immer schneller zu werden. Wir tun immer so, als hätten wir keine Zeit. Wir haben Maschinen, haben Computer. Eigentlich ist das alles dazu da, Zeit zu sparen. Zeit zu haben, heißt aber, gar nichts tun, heißt Müßiggang. Nichts zu machen, ist in meinen Augen gleichbedeutend mit, endlich etwas machen. Wenn ich mir sage, ich muss etwas machen, dann ist die Zeit bereits verloren. Für mich ist die Zeit wie ein Spaziergang, wobei ich mich auf die Schritte, die ich dabei mache, nicht konzentrieren muss. Das ist wie die Zahlenprogression. Wer spazieren geht, denkt nicht daran, wie er die Füße setzt. Er setzt sie. So verhält es sich auch mit meinem Werk, das als ein meditativer Spaziergang des Fragens zu verstehen ist. Das gibt mir als Künstler das Recht, mein Werk zu realisieren. Wenn ich künstlerisch tätig bin, so ist das eine Arbeit ohne Arbeit, während für einen Arbeiter bei Renault oder Mercedes die Arbeit verlorene Zeit ist. In meinem Fall handelt es sich um die Arbeit des befreiten Sisyphos. Dessen Chance besteht darin, die Frage nach der Welt bezüglich seiner Existenz zu stellen.

Zeit ist die Unität in Bewegung

Apropos Zeithaben, haben Sie sich in dem Zusammenhang mit Peter Handke befasst?

Nein. Wer es sich auf einer Wiese ausruht und bequem macht oder sich an den Strand in Betrachtung der Bewegungen der Wolken am Himmel legt, der hat ein anderes Zeitgefühl. Schön auch die Idee von Yves Klein, der den Himmel von der anderen Seite unterschreiben wollte. Das sind schöne Zeitkonzepte, wo man endlich frei ist. Das ist so etwas wie die Levitation über dem Geist in dem Sinne, wie die meisten Menschen immer ans Ende der Woche denken. Sie stellen sich vor, dann gar nichts zu tun. Im kulturellen Sinne ist das infantil. Die Konsumgesellschaft ist so gestrickt, dass man die sogenannte Freizeit als Fernsehzeit missversteht oder dazu benutzt, sich zu bewegen. Ihr Frage ist: Müssen wir etwas tun? Gerade das ist unser Fehler. Wir sollen gar nichts tun. Wenn ich von Studenten in eine Kunstakademie eingeladen werde, fordere ich sie auf, mit dem aufzuhören, was sie bisher gemacht haben. Das habe keinen Sinn mehr. Im 19. Jahrhundert war es noch möglich, zu lernen, wie man eine Landschaft oder ein Porträt malt. Aber was soll man heute lernen? Doch nur, was es in der Kunst bereits gibt, um in Erfahrung zu bringen, was heute noch möglich ist. Keine Ahnung, was man heute in einer Schule lernen kann. So zu arbeiten wie der oder jener, bringt jedenfalls nichts.

Wie sehen Sie Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft?

Als Einheit. Zeit ist die Unität in Bewegung, und die zielt in alle Richtungen. In der Chemie nahm man lange Zeit an, dass in der Makrodimension die Zeit irreversibel sei, während dies für die Zeit in den Mikrostrukturen nicht gelte. Inzwischen weiß man, dass das nicht stimmt. Man hatte bisher nur nicht die Instrumente, um festzustellen, wie es sich genau verhält. Man kann meditieren, wie sich die Materie bewegt, und sehen, dass sie sich als Ganzes nie in dieselbe Richtung bewegt. Die Kalenderzeit ist insofern praktisch, als wir uns zu einem bestimmten Termin für ein Interview an einem bestimmten Ort verabreden können. Aber die Kalenderzeit verläuft parallel zu unserer Zeitempfindung, zur biologischen Zeit unseres Körpers und zur psychologischen Zeit. Ich spiele damit nicht auf Einsteins Relativitätstheorie an. Relationen, die sich derart verändern, lassen sich nicht messen. Weil sich alles bewegt, ist es relativ. Insofern ist diese Realität unbegreifbar, wohl aber zu verstehen. Für die universelle Zeit wird man in Zukunft ein anderes Instrument finden. Auf dem Flug von Tokio nach Los Angeles verläuft die Zeitgrenze auf dem Pazifik. Sie kommen zwei Tage eher an, als Sie gestartet sind. Das ist so komisch wie unlogisch und hat nur wenig mit Zeit zu tun. On Kawara könnte mit der Concorde von Paris nach New York und umgekehrt fliegen, um ein unendliches Bild zu malen. Mein Konzept beruht auf der Frage, wie Zeit existent ist und wie sich das als Denken und Passage rationalisieren lässt.

Wann befassten Sie sich mit Existenzphilosophie, also mit Kierkegard und Heidegger?

Schon immer. Nach meinem Studium beabsichtigte ich, Philosophie zu studieren. Aber die Philosophie im kommunistischen Polen war damals so vom Marxismus verschmutzt, dass ich von der Idee abließ. Ob Sokrates, Platon, Kant, Hegel oder Heidegger, alles wurde durch die Brillen von Marx, Engels und Lenin wahrgenommen. Diese philosophische Totalverschmutzung war furchtbar und flächendeckend. In den Bibliotheken traf man die Originalwerke der Philosophen selten ohne die marxistischen Kommentare und Interpretationen an. Es gab nur die Universität in Lublin – und die war katholisch –, wo man ungehindert Philosophie studieren konnte. Aber sie war nur für jene zugänglich, die Priester werden wollten. Also sagte ich mir, dass man Philosophie auch in eigener Regie und mit Hilfe von Büchern jenseits der Universitäten betreiben kann. Nun erwähnte ich ja bereits, dass sich die Situation um 1956 auch für die Philosophie an den Universitäten erheblich verbesserte. Alles wurde freier. Aber da war ich in der Malerei bereits zu weit, so dass ich dabei blieb. Es ist gewiss so, dass man einmal Gelernten und einmal Erlebtes nicht wieder vergisst, weshalb wohl mein Werk zwischen Philosophie und Kunst angesiedelt ist. Malerei als Bild war mir stets zu wenig. Mir genügten weder die Minimal-art noch expressionistische oder abstrakte Bilder.

Mehr über den Dialog von Kunst und Philosophie, bitte!

Die heutige Kunst investiert viel Zeit in Experimenten. Auch die Alchemisten experimentierten, aber ihr Denken war dabei stets auf der Suche nach dem philosophischen Stein. Statt vom philosophischen Stein spreche ich von philosophischer Leinwand. Das ist eine gewisse Symmetrie und asymmetrisch zu dem, was ein Künstler in einem perfekten Werk zu realisieren hofft. Warum rede ich vom philosophischen Stein? Weil das immer stimmt. Wenn Kinder in einer Opalka-Ausstellung lachen, so stets über den philosophischen Aspekt. Überall ist Einheit. Überall ist das Zentrum des Universums und des Raums, den ich male.

So groß wie das Universum

Was gefällt Ihnen an Kiergekaard?

Gerade die Meditation über die Zeitmessung und den Moment. Ein Moment ist wie die Welt, ist ein Infinitum. Gerade das könnte unsere Chance sein. Im Grunde können wir nicht sterben, obwohl wir wissen, dass alle Menschen sterblich sind. Aber wir sind in dem Sinne ewig, dass wir unseren Tod nie erfahren. Das ist Logik. Gemäß Kierkegaard ist der kleinste Moment unendlich, ist infinitum und so groß wie die Welt, von der Giordano Bruno sprach. Deswegen ist die Ewigkeit möglich. Aber wie? Nicht im immateriellen Zen-Sinn. Genau umgekehrt, ganz materialistisch. Sie merken, wie sehr mich das rationale Denken fasziniert. Mein Werk ist einerseits rational und andererseits durch den Rationalismus fast irrational geworden. Laut Kierkegaard lässt sich der Moment nicht messen. Das Wort Moment kommt aus dem Lateinischen, von momentum. Wir sprechen vom momentum mori beispielsweise. Es ist unmöglich zu sagen, wie lang ein Moment dauert. Nehmen Sie den Moment des Jahrtausendwechsels, dem wir wie Kinder entgegengefieberten: Da war etwas von der Faszination gegenüber dem Tick-Tack der Uhr zu spüren. Dem Hier, jetzt passiert’s entgegenzufiebern, ist jedoch völlig naiv. Aber trotzdem! Wir brauchen das für die Progression unserer Zivilisation. Mit Internet bricht über uns eine neue Situation in die Zeit ohne Zeit herein, aber das ist ein anderes Thema. Unser Sitzen vor dem Internet mit all den Manipulierungsmöglichkeiten, hier und jetzt und überall zu sein, reicht jedoch nicht heran an das Vermögen des virtuosen Klavierspielers. Das ist das Größte. Seine Zeit ist nicht kopierbar. Ich bin mir sicher, dass mein Werk von keinem Computer nachgemacht werden kann. Das ist, was den Menschen ausmacht. Wenn jemand den Mount Everest besteigt, so kann ihm nichts Schöneres widerfahren. Ein Tier kennt diesen Genuss nicht. Nun will ich keine Konkurrenz mit Tieren heraufbeschwören, ich mag Tiere sehr. Ich meine das in dem Sinne, dass der Mensch befähigt ist, diese Art von Kunst zu machen. Nun kann man in der Natur gewisse Phänomene fast künstlerischer Prägung entdecken, darunter der Nestbau von Vögeln. Auch gibt es Tiere, die eine gewisse Tendenz zu Schönheit und Ästhetik haben, wenn Sie so wollen. Aber da übertreibe ich vielleicht ein bisschen. Wirklich phänomenal am Menschen ist, dass er etwas schafft, das keinen Sinn hat, und dass er es trotzdem versucht. Das ist wunderbar und absurd. Das ist, was Pascal zum Ausdruck bringt, wenn er sagt: Der Mensch baut sich seine Dimension, wenn sie auch klein ist. Nun ist in der heutigen Kunst eine gewisse Neigung zum Großen zu konstatieren. Meines Erachtens ist das Große immer zu klein. Warum? Ein Beispiel: Wenn Christo den Reichstag in Berlin oder die Pont Neuf in Paris verpackt, so ist mir das, obwohl es so bombastisch wirkt, immer noch viel zu klein. Ich frage mich, warum er nicht die Welt zum Verpackungsobjekt erklärt. Natürlich ist, was ich hier sage, abstrakt gemeint, aber macht klar, dass jede Form von Größe relativ ist. Verstehen Sie mich? Der Mensch braucht sich keine derartigen Grenzen zu setzen. Seine Dimension ist seine Existenz, und die ist so groß wie das Universum. Zurück zu Kierkegaard, der Moment, der so klein scheint, ist so groß wie das ganze Universum. Mein Werk ist so zu verstehen, dass sich jeder in diesem Beispiel sehen kann. Statt mein Leben zu erzählen, manifestiere ich das Leben. Es ist nicht so, dass ich von der großen Liebe berichte so wie die Töchter aus gutem Hause im 19. Jahrhundert. Das interessiert mich nicht. Mein Augenmerk liegt auf dem Universellen. Das Drama von sozialistischen Gesellschaften, in denen Egozentrik verpönt ist, ist, dass keiner das Universelle anstrebt, weil jeder denkt, der andere wird es schon tun. Nein, sage ich, ich muss es tun. Wer sonst!

Zurück zu Heidegger, was an seinem Denken gefällt Ihnen?

Er ist der größte Philosoph des 20. Jahrhunderts und berührt mein Werk insofern, als auch er über das Dasein mit Verve reflektiert hat. Was den Aspekt der Ewigkeit betrifft, so ging er nicht in dieselbe Richtung wie ich. Mein Werk – und das ist bezeichnend für das Denken der bildenden Kunst – ist fast das Gegenteil von Existentialismus. Wenn er sagt, wir seien in die Welt geworfen, um zu sterben, und wenn er behauptet, dass dem Leben der Tod fehlt, so ist der Tod bei ihm, apropos Moment, wie das Hier-und-Jetzt. Aber dieses hat keine Dimension, ist arbiträr und wie ein Schnitt. Aber ein Schnitt, wenn Sie wollen, hat eine Dimension. Doch darüber meditierte er nur unzureichend. Zudem bedachte er nicht, dass der kleinste Moment immer ewig ist. Wenn er in dem Punkt nicht so falsch läge, wäre ich mit Heidegger total einverstanden. Es gibt kein Ende, weil ich stets im Moment, also ewig bin. Nach Epikur ist der Tod, solange du da bist, nicht da, und er ist da, wenn du nicht mehr da bist. Aber das stimmt so nicht. Wahr ist: Wenn du da bist, bist du da, und wenn der Tod da ist, bist du auch noch da. Warum ist das so? Weil du die Nachricht von deinem eigenen Tod nie erhalten wird. Selbst wenn Ihnen der Arzt bescheinigt, an einer hundertprozentig tödlichen Krankheit zu leiden, wissen Sie zwar, dass Sie irgendwann sterben werden. Aber Leben ist eh eine tödliche Krankheit. Die Nachricht, dass man sterben wird, ist natürlich keine angenehme, aber ein Geschenk. Das Leben ist zunächst einmal eine wunderbare große Emotion. Wenn wir auch unserer Sterblichkeit bewusst sind, so dürfen wir dieses Wissen nicht mit Sterben verwechseln. Was ich sage, ist natürlich abstrakt gemeint. Wenn eines Tages auf einem Grabstein mein Name steht, so werden die Hinterbliebenen und Freunde das lesen und wissen, dass ich tot bin. Aber ich werde es in dem Augenblick nicht wissen. Nur die anderen, die noch leben. Das ist, was ich im logischen Sinne unter Ewigkeit verstehe. Die Angst vor dem Nichts ist insofern unbegründet und blödsinnig, weil das Nichts inexistent ist.

Ich male die Malerei

Folglich sagen Ihnen entsprechende Passagen in Sartres Das Sein und das Nichts nicht zu, oder?

Nein. Sartre ist sehr stark gewesen in seinem politischen Engagement, und auch als Denker war er scharfsinnig. Aber er hatte ein Problem mit der Leere und dem Nichts. Weder gibt es in der Natur so etwas wie Leere, noch erreicht das Leben sie. Innerhalb eines Zeitraums ist der Nullpunkt unerreichbar. Im Sinne der Astrophysik hat die Leere eine Spur von Bewegung immer schon inne. Leere ist wie Äther, denn in der Leere kann die Materie sich nicht tragen. Etwas muss Träger der Elemente sein. Folglich gibt es keine Leere.

Liegt Ihnen der Begriff der Dauer bei Bergson mehr?

Ja, so wie mir auch die an Bergson anknüpfende Recherche von Marcel Proust am Herzen liegt. Für mich ist die Zeit ganz materialistisch da. Wir leben die Zeit. Das ist unsere Emotion. Wenn wir schon einmal da sind, so liegt genau darin unsere Chance. Wenn Marcel bei Proust sein Madeleine-Törtchen in Tee tunkt, so ist das der ephemere Moment des Wiederfindens verlorener Zeit. Null und Eins sind sich da sehr nah und fern. Was mein Werk ausmacht, ist schwer zu sagen. Es scheint einfach und fast naiv zu sein. Wer sich fragt, worum es bei mir geht und in welchem Verhältnis das zur Kunstgeschichte steht, der versteht vielleicht, was ich meine, wenn ich sage: Ich male die Malerei. Und: Ich manifestiere das Dasein, die Einheit und die Emotion. Es ist so kompliziert und einfach wie das Leben.

Für Marcel Proust verbindet sich mit dem das Déjà-vu die Erfahrung der Ewigkeit.

Zum Glück passiert das Déjà-vu jedem. Das ist wie Liebe machen. Aber wenn es wahr wäre, dass wir dabei die Ewigkeit erfahren, so machte es keinen Sinn, eine erotische Erfahrung zu wiederholen. Wir wiederholen sie, weil stets etwas Neues dabei ist. Was man dabei erlebt, ist im absoluten Sinne nie dasselbe. Weiter existierend, wiederhole ich mich nie. Existenz ist eine Expansion, die nie aufhören wird. Das geht ins Unendliche.

Mit Friedrich Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkehr des Gleichen können Sie nichts anfangen, oder?

Nein! Die Faszination von der ewigen Wiederkehr stimmt im Grunde nicht. Es gibt in der Geschichte das Phänomen der fast endlichen Idee, die sich wiederholt. So wird in der Malerei nach einer gewissen Zeit die Figuration durch die Abstraktion und diese wiederum durch die Figuration abgelöst. Aber das stimmt nicht. Denn es ändert sich immer etwas. Es ist nie dasselbe. Seit wir die planetarische Bewegung messen können, wissen wir, dass die Erde mal langsamer, mal schneller um die Sonne wandert. Auch das beweist, dass sich nichts wiederholt. Ewigkeit meint aber, dass sich eben nie etwas wiederholt. Auch wenn ich nichts mehr machen werde, sobald ich tot bin, so behalte ich doch die Ewigkeit als Dimension in der Weise, dass ich mich vermutlich aufgrund des thermodynamischen Phänomens in der Ewigkeit installieren kann. Man kann wie im Traum, der einen reichlich viel erleben lässt, eine Illusion von einer noch weitergehenden Existenz haben. Obgleich eine Illusion, bleibt also die Ewigkeit. Nun ist jeder Schlaf wie eine kleiner Tod. Aber der Eingeschlafene ist nicht gestorben. Er kann dabei träumen. Weil das keine Dimension hat, kann das sehr lange, eine kleine Ewigkeit dauern. Selbst wenn der Tod wie eine Guillotine den Menschen trifft, denkt der Kopf weiter. Verstehen Sie mich? Der Moment, wo die Guillotine den Kopf vom Körper trennt, scheint kurz zu sein. Er kann aber ewig dauern, weil der Moment nicht messbar ist. Auch der Augenblick lässt sich nicht messen. Diese Messpunkte sind Fehler unseres Denkens. Wenn Sie beispielsweise den Fernseher ausmachen, so ist er längst noch nicht abgeschaltet. Seine Temperatur ist noch nicht abgekühlt, er weist noch eine gewisse Spannung auf. Was Sie zuvor auf dem Bildschirm gesehen haben, hinterlässt noch eine gewisse Spur und kommt wie Antimaterie wieder zurück.

E.M. Cioran, so poetisch wie pessimistisch

Haben Sie sich mit der Philosophie von E.M. Cioran befasst?

Gewiss. Ich mag ihn sehr, aber er ist so pessimistisch wie poetisch. Was er schreibt, ist so faszinierend, dass er alles erzählen kann. Genau das ist wohl sein Problem. Er ist von einer solchen Intelligenz und kann enorm aggressiv gegenüber dem sein, was nicht pessimistisch ist. Wenn ein Pessimist es wirklich ernst meint, so würde er Selbstmord begehen. Für viele ist Pessimismus ein Spiel, während es Optimisten gibt, die professionellerweise so sind. In Ciorans Kopf schien alles möglich zu sein, auch das Gefühl, aus der Zeit gefallen zu sein.

Sind Sie ihm einmal begegnet?

Nein, nie. Das sollte passieren, aber dann starb er. In Frankreich war ein Buch erschienen, das ich geschrieben habe, nämlich: Roman OPALKA. 1965, 1-¥. Daraufhin hatten wir den Plan, uns zu treffen, weil es zwischen dem, was Cioran und ich denken, Berührungspunkte gibt. Ich hatte noch das Glück, mit dem Philosophen Emmanuel Levinas zusammenzutreffen, der ja ein Leser Heideggers, wenn auch metaphysischer war. Von ihm stammt übrigens die erste Übersetzung. Das Ethische, was sein Werk aufweist, deckt sich mit meinen Ideen. Aber es gibt im Austausch mit Philosophen stets das Problem, dass sie nichts von bildender Kunst verstehen. Leonardo da Vinci sagte richtigerweise: „L’arte e una cosa mentale“. Ein Philosoph, der kein Freund von bildender Kunst ist, wird das nie begreifen. Ihm bleibt die Kunst fremd. In unserem sehr langen Gespräch gab Levinas irgendwann zu, keine Ahnung von Kunst zu haben. Er möge Chagall. Für mich ist Chagall fast nichts.

Was haben Sie mit jüdischem Denken zu tun?

Wie wir alle. Ich bin sehr westlich und ein Agnostiker, der eine Kultur hinter sich hat. Diese ist christlich-jüdisch geprägt. Nun stehe ich der Religion, weil sie wie eine Ideologie ist, recht skeptisch gegenüber. Das Ideologische schafft Probleme in der Gesellschaft. Dabei handelt es sich um Missverständnisse wie die zwischen christlicher und jüdischer Religion. Wenn Sie heute in Peking Taxi fahren, so ist Mao dort wie eine kleine Madonna platziert. Sollten eines Tages die Chinesen so wie heute die Amerikaner überall auf der Welt sein, so könnte es passieren, dass Mao zur Weltreligion wird.

Mit welchen Künstlern, deren Thema Zeit ist, haben Sie sich beschäftigt?

Im Grunde gibt es keine Künstler, die sich wirklich mit Zeit in meinem Sinne beschäftigt haben. Für mich hat Zeit nichts mit dem Kalender eines On Kawara zu tun. Auch ist Zeit für mich etwas anderes als das Journal der Hanne Darboven.. Ich male den Körper der Zeit. Ich schätze da Yves Klein, aber ich bin sowohl gegen wie auch begeistert von ihn. Das ist wie mit meinem Antisisyphos. Unter einem malerischen Gesichtspunkt liegen mir Robert Ryman, obwohl er später kam, und der Amerikaner Jackson Pollock. Wenn Robert Ryman ein pikturaler Maler ist, so mache ich eine mentale Malerei mit einem mentalen Weiß, und zwar seit jeher. In dem Sinne exaltiere ich immer schon das pikturale Weiß als mentale Präsens auf der Leinwand. Meine Räume sind voll von Weiß. Als ich 1995 in Venedig bei der Biennale im polnischen Pavillon ausstellte, so war das Licht unglaublich stark. Ja, der Raum war durch das Weiß wie durch Lampen erleuchtet. Die Zeit besaß da die Präsenz von Licht.

von Heinz-Norbert Jocks

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