Essay · von Marius Babias · S. 206
Essay , 2004

MARIUS BABIAS

DIE NEUERFINDUNG DES BALKANS

DIE NEUE KRIEGSÖKONOMIE UND DIE POLITIK DER REPRÄSENTATION IN SÜDOSTEUROPA

EINLEITUNG

Drei Ausstellungen, die sich innerhalb eines Jahres mit „Balkan-Kunst“ beschäftigten – In Search of Balkania in Graz, Blut und Honig. Zukunft ist am Balkan in Klosterneuburg bei Wien und In den Schluchten des Balkan. Eine Reportage in Kassel – deuten auf ein neues Interesse an der Kunst und Kultur Südosteuropas vor dem Hintergrund der EU-Integration hin.

Das Thema dieses Textes ist ebenso umfassend wie im Grunde ein Ding der Unmöglichkeit: Denn der geographische Raum, der Balkan genannt wird und der viele sowohl sprachlich als auch religiös und kulturell ganz unterschiedliche ethnische Menschengruppen, Staaten und Staatengebilde in Südosteuropa umfasst, ist das diskursive Produkt eines Jahrhunderte alten Ringens um politischen Einfluss und Macht sowie das Produkt eines Kampfes der Weltreligionen und Ideologien auf engstem Raum – Katholizismus gegen Orthodoxie bzw. Christentum gegen Islam, Kommunismus gegen Kapitalismus bzw. Ethnonationalismus gegen Globalisierung, um die Hauptgegensatzpaare entlang der Balkan-Konfliktlinie zu nennen.

Dieses diskursive Produkt Balkan, so konstruiert auf geopolitischen Interessen und kulturellen Zuschreibungen basierend es auch sein mag, hat dennoch den Status einer realen Chimäre angenommen, das heißt der Balkan als diskursive Gesamtheit ist eine wirkungsmächtige Realität geworden, und genau darin liegt das Problem. Westliche Vorurteile, Ressentiments, Rassismen und fundamentalistischer Katholizismus gegen die Länder, Regionen und Menschengruppen Südosteuropas haben im Laufe der Jahrhunderte eine politische und kulturelle Agenda hervorgebracht, die sich unwidersprochen und unhinterfragt in das Zivilisations-Dispositiv eingeschrieben hat.

Sich dem Balkan gerade jetzt zuzuwenden, erscheint absolut notwendig, nachdem die meisten Großausstellungen der letzten Jahre…

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