Titel: Theorien des Abfalls · von Roger Fayet · S. 96
Titel: Theorien des Abfalls , 2003

ROGER FAYET UND PETER STOHLER

DIE RÜCKKEHR DES ABFALLS

RECYCLING IM DESIGN ODER DESIGN AUS VERWORFENEM1

Abfall als etwas Interessantes und Wertvolles, aus dem Neues geschaffen werden kann – diese Vorstellung ist im Bereich des Designs keineswegs die Regel. Nicht selten geht es gerade hier um das Gegenteil: um die Entfernung all dessen, was in irgendeiner Weise schmutzig oder unrein erscheint.

Besonders ausgeprägt ist die Tendenz zur „Reinigung“ in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Architekten und Designer folgen in weiten Teilen Mies van der Rohes Glaubenssatz „Less is more“ und verzichten bei ihren Bauten und Gebrauchsgegenständen auf Elemente, die als Fremdkörper empfunden werden: auf Ornamente, auf historische Bezüge, auf alles, was nicht zur Funktion des Objekts gehört. Die Idealvorstellung ist die einer weißen, kubischen Architektur, in der sich einfache, puristische Gegenstände befinden. Oder wie es Adolf Loos in seinem 1908 verfassten Aufsatz „ornament und verbrechen“ formuliert: „Seht, die zeit ist nahe, die erfüllung wartet unser. Bald werden die strassen der städte wie weisse mauern glänzen! Wie Zion, die heilige stadt, die hauptstadt des himmels. Dann ist die erfüllung da.“2

UNBEHAGEN IN DER REINHEIT

Je mehr gereinigt wird, desto reiner wird die Wirklichkeit – jedenfalls dort, wo gereinigt wird. Es gehört jedoch zum Wesen des Reinigens, dass durch seinen Vollzug zugleich zwei problematische Phänomene in Erscheinung treten: Zum Einen wächst mit zunehmender Intensität der Reinigung auch die Menge des Abfalls. Solange dieser noch nicht vernichtet ist, führt er uns erst recht vor Augen, dass die Sphäre des Gereinigten nicht die ganze Wirklichkeit darstellt. Die Dinge, die…

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