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Titel: Theorien des Abfalls · von Roger Fayet · S. 96 - 105
Titel: Theorien des Abfalls , 2003

ROGER FAYET UND PETER STOHLER
DIE RÜCKKEHR DES ABFALLS

RECYCLING IM DESIGN ODER DESIGN AUS VERWORFENEM1

Abfall als etwas Interessantes und Wertvolles, aus dem Neues geschaffen werden kann – diese Vorstellung ist im Bereich des Designs keineswegs die Regel. Nicht selten geht es gerade hier um das Gegenteil: um die Entfernung all dessen, was in irgendeiner Weise schmutzig oder unrein erscheint.

Besonders ausgeprägt ist die Tendenz zur „Reinigung“ in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Architekten und Designer folgen in weiten Teilen Mies van der Rohes Glaubenssatz „Less is more“ und verzichten bei ihren Bauten und Gebrauchsgegenständen auf Elemente, die als Fremdkörper empfunden werden: auf Ornamente, auf historische Bezüge, auf alles, was nicht zur Funktion des Objekts gehört. Die Idealvorstellung ist die einer weißen, kubischen Architektur, in der sich einfache, puristische Gegenstände befinden. Oder wie es Adolf Loos in seinem 1908 verfassten Aufsatz „ornament und verbrechen“ formuliert: „Seht, die zeit ist nahe, die erfüllung wartet unser. Bald werden die strassen der städte wie weisse mauern glänzen! Wie Zion, die heilige stadt, die hauptstadt des himmels. Dann ist die erfüllung da.“2

UNBEHAGEN IN DER REINHEIT

Je mehr gereinigt wird, desto reiner wird die Wirklichkeit – jedenfalls dort, wo gereinigt wird. Es gehört jedoch zum Wesen des Reinigens, dass durch seinen Vollzug zugleich zwei problematische Phänomene in Erscheinung treten: Zum Einen wächst mit zunehmender Intensität der Reinigung auch die Menge des Abfalls. Solange dieser noch nicht vernichtet ist, führt er uns erst recht vor Augen, dass die Sphäre des Gereinigten nicht die ganze Wirklichkeit darstellt. Die Dinge, die als Abfall deklariert werden, stören – gerade weil sie als Abfall deklariert werden – die Ordnung des Systems, das sie hervorgebracht hat. Sie sind, wie der Soziologe Theodor M. Bardmann feststellt, „die im System angelegte Provokation des Systems“3. Zum Anderen wird die Sphäre, in der gereinigt wird, nicht nur sauberer, sondern auch ärmer und unfruchtbarer. Ist die Reinigung total, führt sie zur Sterilität – zur absoluten Reinheit und absoluten Unfruchtbarkeit.

Die Kultur der Moderne hat beide Probleme mit Vehemenz zur Geltung gebracht: Sie hat eine Menge Abfall produziert, sowohl „realen“ Abfall als auch Abfall im übertragenen Sinne, etwa durch die Verwerfung all dessen, was als veraltet betrachtet wurde. Und sie hat durch ihre rigorosen Reinheitsansprüche ein Maß an Reinheit etabliert, das schon bald als bedrohlich empfunden wurde. Die Freude über die „klare, saubere Gestaltung“4 kippte um in Enttäuschung über die Sterilität der zu sauber gewordenen Welt.

Die Aufwertung der Abfälle und die vermehrte Zulassung des Unreinen, die seit den sechziger Jahren zunächst in der Kunst, dann aber auch in der Architektur und im Design festzustellen sind, können daher auch als Versuch gesehen werden, der Sterilität der Moderne entgegenzutreten. So wie der Gärtner seinen Garten mit Kompost versieht und ihm auf diese Weise zurückgibt, was ihm durch intensive Nutzung und rigorose Entfernung des Unkrauts entzogen worden ist, so bereichern Künstler, Architekten und Designer ihre Arbeit mit Abfällen und mit Dingen, die bislang als unrein betrachtet wurden. Die Postmoderne entpuppt sich in diesem Sinne als „Kompostmoderne“, als Epoche, die dem Boden wieder zuführt, was ihm zuvor entnommen worden ist.5

In der Kunst ist die neue Wertschätzung des Abfalls ein unübersehbares Phänomen: Die Abfall-Assemblagen Robert Rauschenbergs, die Schrottmaschinen Jean Tinguelys, die mit dreckigem Geschirr und Essensresten angefüllten „Fallenbilder“ Daniel Spoerris, die Ansammlungen des Verfallenden und Verwesenden bei Joseph Beuys, die aus Mist geformten Plastiken Dieter Roths, die Strandgut-Sammlungen Ursula Stalders – um nur einige wenige Beispiele zu nennen – stehen für ein gewandeltes, positives Verhältnis zum Abfall. Doch tritt das Interesse am Abfall, am Schmutzigen und Unreinen auch im Bereich des Designs in Erscheinung: Dabei geht es nicht nur um die Wiederverwertung von Abfällen im engeren Sinne, also um das Recycling bereits gebrauchter Materialien, sondern auch um andere Formen des Wiederverwertung: zum Beispiel um das Re-Design, bei welchem das Design eines Gegenstandes „rezykliert“ wird, oder um das Revival der Ästhetik einer bestimmten Epoche.

VOM ABFALL ZUM ACCESSOIRE

Getragene und abgenutzte Objekte haben eine besondere Ausstrahlung, da sie gewissermaßen eine Geschichte und eine „Seele“ besitzen. Banales, Verbrauchtes oder gar Wegwerfprodukte werden von Designern einfallsreich aufgewertet – zu etwas Besonderem und Begehrenswertem. Hier geschieht „Up-Cycling“, eine Bewegung „nach oben“, im Gegensatz zum „Down-Cycling“, wie wir es etwa vom Zeitungspapier kennen, aus dem Karton entsteht. Wohl bekanntestes Beispiel für diese „Veredelung“ von Müll-Materialien dürften die Taschen von Markus und Daniel Freitag sein (Abb. 1b). Seit fast zehn Jahren sind die Freitag-Taschen wie kein anderes Accessoire zum Szene-Attribut der Lifestyle-Bewussten geworden. Lastwagen-Planen mit Werbeaufschriften, ausgediente Fahrrad-Gummischläuche und alte Sicherheitsgurten vom Autofriedhof werden hier zu Taschen verarbeitet, bei denen die Ausgangsmaterialien demonstrativ sichtbar bleiben, so auch beim jüngsten Produkt aus dem Hause Freitag: einem Boxsack (Abb. 1a), passend zur Frustabregung in krisengebeutelten Zeiten.

Gerade solche Materialien, die ihres Geruchs oder ihrer Oberfläche wegen eher unattraktiv sind – miefige Gummischläuche, kratzige Armeewolldecken – werden auf besonders vielfältige Weise wiederverwertet: sei als Kleid, als Halskette oder gar als Teppich aus Fahrradschläuchen mit eingewobenen Streifen von Wolldecken. Diese stammen aus den Kriegsreserven der Schweizer Armee und werden zusammen mit Gewehrriemen und Bajonetthalftern auch für die Taschen und Kleider der „Army Recycling Collection“ verwendet (Abb. 2).

Dreißig Jahre nachdem die „Grenzen des Wachstums“ und die Forderung nach Nachhaltigkeit ein Thema wurden, ist das Recycling-Design ein Statement gegen Materialverschleiß. Es leistet einen – wenn auch sehr bescheidenen – Beitrag zum sinnvollen Umgang mit knappen Ressourcen. Im Kern jedoch löst es die Probleme der überfluss- und Wegwerfgesellschaft nicht, indem nur der Lebenszyklus bestehender, häufig wenig umweltfreundlicher Materialien verlängert wird und nicht grundsätzlich umweltgerechtere Produkte entwickelt werden. Die „Veredelung“ des Abfalls durch den Designer verleiht dem Käufer jedoch das Gefühl, etwas ganz Spezielles zu erwerben. Da die Designprodukte aus recycelten Materialien in ihrer Herstellung arbeitsintensiv sind, werden sie überwiegend als Unikate oder in Kleinserie hergestellt und sind somit teurer als vergleichbare Produkte aus Neu-Materialien.

Neben ökologischen überlegungen dürfte heute jedoch eher das Bedürfnis nach Individualismus und nach Zugehörigkeit zu einem trendigen Lifestyle-Segment im Vordergrund stehen. In gewissen Szenen gelten Recycling-Produkte deshalb als „alternative“ Statussymbole – die Freitag-Taschen etwa vermitteln eine Aura von Kreativität und urbaner Coolness. Aber auch Weltmarken wie Puma ist das Freitag-Phänomen offenbar nicht entgangen: Aus alten Kleidern wurden in einer Auflage von 510 Exemplaren neue, exklusive und hochpreisige Turnschuhe produziert, die mittlerweile längst ausverkauft sind (Abb. 3). Jedes Paar ist mit einem Zertifikat und einem Foto versehen, welches liebevoll das Ausgangsmaterial dokumentiert. Für die „Thrift“-Turnschuhe von Puma wurde mit dem Slogan „Shoes with souls“ („Schuhe mit Seele“) geworben.

WORIN ABFÄLLE SICH VERBERGEN

Viele Gebrauchsgegenstände enthalten heute Recycling-Materialien, welche für den Konsumenten nicht sichtbar sind. Bei manchen Produkten, besonders bei technischen Geräten, wird die Verwendung von Abfallmaterialien jedoch nicht als Verkaufsargument bemüht. Die Bildröhre des „Green Flagship TV“ von Philips besteht zu 11 bis 18% aus rezykliertem Abfall-Glas aus Haushalten und der Industrie. Von den insgesamt 7 kg Plastik, die für diesen Fernseher verarbeitet werden, stammen etwa 10% aus Industrieabfällen. Dieses „unsichtbare“ Recycling ist im Sinne einer nachhaltigen Nutzung von Ressourcen ausgesprochen wünschenswert und neben Verpackung, Energieverbrauch und Transportweg ein ernstzunehmender Faktor in der Ökobilanz eines Produkts. Die systematische Wiederverwertung von Abfall-Materialien ist jedoch nur mit beträchtlichem Forschungs- und Entwicklungsaufwand zu erreichen.

Werden die Käufer über die Recycling-Materialien informiert, so geschieht dies häufig aus Image-überlegungen und mit dem Hinweis, dass diese Recycling-Produkte qualitativ denjenigen aus Neumaterialien ebenbürtig seien. Eine wachsende Käuferschaft sieht es gerne, wenn die von ihr gekauften Produkte einen sinnvollen Beitrag zum Umgang mit Abfällen leisten und „Entsorgung“ nicht einfach wegkippen oder verbrennen bedeutet.6

Der Hersteller Patagonia leistet im Bereich der Sportbekleidung seit zehn Jahren Pionierarbeit auf der Suche nach einer Alternative zu Erdöl. So stellt Patagonia den Faserpelz „Synchilla“ nicht mehr ausschließlich aus Erdöl, sondern zu 50-90% aus weggeworfenen Kunststoff-Getränkeflaschen her. Das Unternehmen schätzt, dass bei der Herstellung von 150 Pullovern (Ausgangsmaterial: ca. 3’700 PET-Flaschen) insgesamt ein Barrel Rohöl (168 Liter) eingespart wird. Seit 1993 will die amerikanische Firma so bereits über 60 Millionen Flaschen wiederverwertet haben – ein lobenswertes Unterfangen. Dennoch landen allein in den USA nach wie vor 6 von 9 Milliarden der jährlich verkauften PET-Flaschen in der Müllgrube. Teile der Faserpelzkleider werden nach dem Gebrauch gesammelt, geschreddert und – im „Down-Cycling“ – zu Füllmaterial und Akustik-Isolationsmatten verarbeitet oder zu Polyester-Granulat eingeschmolzen.

Im Gegensatz zu den Faserpelzjacken bestehen die Bootshüllen der Prijon-Wildwasserkajaks aus Neumaterial, einem 100% rezyklierbaren Hochleistungsthermoplast. Vom deutschen Hersteller werden die ausgedienten Bootsschalen kostenlos zurückgenommen. Die ursprüngliche Idee jedoch, aus zurückgebrachten Kajaks wieder neue zu machen, wurde bisher nicht umgesetzt. Denn die Firma verfügt im Moment nicht über die aufwändigen Anlagen, um die alten Bootshüllen zu schreddern und so aufzubereiten, dass das gewonnene Material den extremen mechanischen Anforderungen eines Sport-Kajaks genügen würde. Wie bei den Faserpelzkleidern werden deshalb die zurückgegebenen Boote für die Fabrikation von anspruchsloseren Konsumgütern verwendet.

WAS VON TIEREN UND MENSCHEN ABFÄLLT

Auch Tiere hinterlassen Abfall: Die Schlange häutet sich regelmäßig und streift dünne Membrane ab. Dieses ungewöhnliche Material verwendete die Zürcher Mode-Designerin Gabriela Rudin für Kleider aus ihrer Kollektion „Tinkerbell and the Moonshine Revellers“ (Abb. 4). Die dünnen Schlangenmembrane wurden plastifiziert und so zusammengefügt, dass sie ein bodenlanges Kleid zu bilden vermögen.

Noch stärker als Abfälle aus der Tierwelt befremdet uns jedoch Körpereigenes, das von unseren Leibern ab-fällt: Sobald Haare oder Nägel abgeschnitten werden oder ausfallen, ändert sich unser sonst so entspanntes Verhältnis zu ihnen. Nun sind diese Materialien plötzlich Abfall und sollen den Blicken entzogen werden, weil sie unheimlich und unanständig wirken oder uns gar an unsere Sterblichkeit erinnern.

Die Schmuckgestalterin Anna Kunz nimmt die Tradition des Schmucks aus Menschenhaaren wieder auf, die bis ans Ende des 19. Jahrhunderts verbreitet war. Sie fertigte aus abgeschnittenen Haaren ein „Freundschafts-Collier“. Mehrere verschieden farbige Haarbüschel von Freunden der Künstlerin sind mit Silber gefasst und zu einer Halskette verbunden. Die handwerklich präzise Verarbeitung nimmt das Unheimliche des Materials wieder etwas zurück und betont den Erinnerungsaspekt der Haare.

RECYCLING ALS RE-DESIGN

Während beim „normalen“ Recycling das Material eines Gegenstandes verwendet wird, findet beim Re-Design die Wiederverwertung eines bestimmten Objektentwurfs statt: Der Designer geht von einem bereits bestehenden Objekt aus – das oftmals als veraltet, sozusagen als „Abfall“ des Fortschritts empfunden wird – und transformiert das vorhandene Design in einen neuen Entwurf. Dabei geschehen Veränderungen meist im Bereich der formalen oder materiellen Umsetzung. Es kommt jedoch auch vor, dass der Verwendungszweck neu definiert wird und vom alten Gegenstand einzig Formelemente erhalten bleiben. Der Umstand, dass nicht alle Eigenschaften des „Abfallobjekts“ wiederverwertet werden, ist keine Besonderheit des Re-Designs, sondern charakteristisch für die meisten Recyclingvorgänge.

Exemplarisch für diese Form des Recyclings ist ein Projekt der Ecole cantonale d’art in Lausanne, das vom Produktgestalter Jörg Boner kürzlich mit einer Klasse aus dem Fachbereich Industriedesign durchgeführt wurde. Die Studierenden hatten die Aufgabe, im Brockenhaus einen Gegenstand auszuwählen, den sie als besonders interessant und inspirierend empfanden. Ausgehend von diesem „objet trouvé“ sollte ein neues Produkt entwickelt werden, das die Form oder eine oder mehrere Funktionen des Gegenstandes adaptiert. So hat etwa David Glättli eine Tischlampe aus den sechziger Jahren (Abb. 5) in eine Leuchte verwandelt, bei welcher die alten Gestaltungselemente – der kopfähnliche Reflektor, die große Stütze als Kabelkanal, die grazilen Beine – durch neue technische Möglichkeiten radikalisiert werden (Abb. 6).

Jörg Boner weist darauf hin, dass es in diesem Projekt darum ging, den Mythos vom Designer als „Neu-Erfinder“ zu hinterfragen und Möglichkeiten zu zeigen, die in der Transformation von vorhandenen Ideen stecken: „Die Fähigkeit ‚verwandeln‘ steht dem Mythos ‚erfinden‘ gegenüber. Die Arbeit des Designers wird hier als die Arbeit eines Transformers verstanden. Spannend ist es, anhand der gefundenen Objekte eine eigene, individuelle Sichtweise freizulegen. Die Objekte aus dem Brockenhaus sind mehr oder weniger gesammelter Abfall, wäre da nicht der spezielle Blick darauf, der kreative, aufmerksame. Es geht darum, die vorhandene Welt zu reflektieren, ein Denken, eine Ästhetik oder Teile davon zu neuem Leben zu erwecken.“7

RECYCLING ALS REVIVAL

Junge, trendbewusste Konsumenten kaufen heute Dinge, die mit ihren Farbkombinationen und Mustern aussehen, als wären sie in den siebziger Jahren entworfen worden. Noch bis vor wenigen Jahren galt diese ästhetik als der Inbegriff des schlechten Geschmacks.

Gebrauchte „Vintage“-Trainer aus den Siebzigern gelten heute als besonders authentisches „Style-Statement“, wie Modejournalisten versichern. Bislang fand man originale 70er-Jahre-Trainingsanzüge mit keilförmigen Hosen und Fuß-Elastikband beim Stöbern in Brockenhäusern und Secondhandläden. Wer jedoch nicht lange suchen will, für den hat eine findige Modefirma einen 70s-Trainer der Marke Nabholz wieder neu aufgelegt, nachdem die ursprüngliche Herstellerfirma bereits 1991 Konkurs ging. Dem dreißigjährigen Vorbild folgt nun eine geringfügig veränderte Neuauflage, die nur in ausgewählten Trendläden verkauft wird. Auch die Taschen des Labels „NDS“ („Nataly Dressed Soul“) haben das Zeug zum Kultgegenstand und orientieren sich am Look des Gestrigen (Abb. 7). Entstanden sind sie in enger Anlehnung an Flugtaschen, welche die Schweizer Designerin vor fünf Jahren im Brockenhaus entdeckte. Hier geschieht Recycling im übertragenen Sinne: Nicht das Material selber wird rezykliert, sondern eine zuvor verworfene ästhetik wird rehabilitiert.

Heute hat die 70s-Revival-Welle neben der Mode auch die Musik-, Design- und Architekturszene erfasst. Warum hat der Retro-Look so großen Erfolg? Blickt man in unsicheren Zeiten lieber zurück als nach vorne? Oder verspricht uns das 70s-Revival Teilhabe an einer gewissen Unbeschwertheit, die wir im Rückblick auf die siebziger Jahre projizieren? Letzteres dürfte für das Künstlerpaar Lang/Baumann eine Rolle spielen, weil sie die siebziger Jahre selber nur am Rande als Kinder oder Jugendliche miterlebt haben (Sabina Lang *1972, Daniel Baumann *1967). Seit ihrer Installation mit schlaffen Puppen in 70er-Jahre-Trainingsanzügen („Lazy Bone # 1“, 1997) durchziehen Retro-Elemente ihre Arbeiten, nicht zuletzt auch bei der Materialwahl: Den Spannteppich haben sie als Kunst-Material rehabilitiert und für raumgreifende Lounge-Landschaften eingesetzt, die sie genau auf der Schnittstelle von Kunst und benutzbarem Design ansiedeln. Tatsächlich erinnert bei Lang/Baumann vieles an die Seventies, obwohl sie keine Vorbilder getreu übernehmen. Lang/Baumanns bisher spektakulärstes Projekt war das „Everland“-Hotelzimmer, das sie für die Schweizer Landesausstellung „Expo.02“ am Seeufer in Yverdon aufbauten (Abb. 8). Das Hotelzimmer mit seinen deutlichen Anleihen an die siebziger Jahre – abgerundete Formen, Wellenmuster, Spannteppich am Boden und an der Wand – konnte tagsüber von den Expo-Besucher durch die Glasfenster bestaunt werden, während es in der Nacht als Hotelzimmer diente.

ABFALL AUS DEM BROCKENHAUS

Auch das Sicheinrichten mit Gegenständen aus dem Brockenhaus (ein „Indoor-Flohmarkt“ im Großformat, der vor allem in der Schweiz weit verbreitet ist) stellt eine Form des Recyclings dar: Das, was die ehemaligen Besitzer aufgegeben haben – weil es nicht mehr der Mode entsprach, zu alt, zu unzeitgemäß, zu unpraktisch geworden war -, wird von den neuen Käufern wieder einer sinnvollen Verwendung zugeführt.

Seit einiger Zeit wird von dieser Form des Recycings reger Gebrauch gemacht. Bestand früher die Kundschaft der Brockenhäuser fast ausschließlich aus jenen, die sich aus finanziellen Gründen gezwungen sahen, das zu kaufen, was andere nicht mehr brauchen konnten (obschon auch sie gerne etwas Neues erworben hätten), so gehören seit den achtziger Jahren auch Leute zur Käuferschaft, die im Brockenhaus nicht in erster Linie auf der Suche nach dem Billigen sind, sondern nach dem Außergewöhnlichen, das ihre Wohnumgebung verändert und bereichert (Abb. 9). In der gesellschaftlichen Wahrnehmung ist der Gang ins Brockenhaus längst keine traurige Notwendigkeit mehr, sondern eine durchaus positiv bewertete Handlung, die man gerne und mit dem Selbstbewusstsein des wachen Zeitgenossen vollzieht. Reiseführer geben Auskunft über Flohmärkte, Familienzeitschriften testen Brockenhäuser und mit Publikationen wie dem Wegweiser „Zürcher Brockis“8 wird das Brockenhausangebot einer ganzen Stadt vermessen und für den besseren Zugriff aufbereitet.

Auch die Brockenhausbetreiber selbst sehen ihre Tätigkeit nicht mehr als ein Gewerbe von niedrigem Status an, sondern als eine gesellschaftlich relevante Tätigkeit zur Bereicherung des Lebens mit dem, was andere nicht mehr haben wollen. So ist etwa auf dem Werbeflugblatt einer Brockenhalle in der Umgebung Zürichs zu lesen: „Als ein Familienbetrieb haben wir ein Raritätenwarenhaus zu einer wertvollen und umweltgerechten Recycling-Station aufgebaut. Auf diese Art bringen wir bereits benutzte Gegenstände wieder sinnvoll in Gebrauch – und dies seit 15 Jahren.“

In einer Zeit, in der die Möbel bedrohlich nüchtern, die Wände bedrohlich weiß und die Räume bedrohlich leer geworden sind, bietet das Gerümpel der Brockenhäuser die Möglichkeit, der kalten Reinheit der Moderne zu entkommen. Und so ist es kein Zufall, dass das Interesse am Brockenhaus wie auch die anderen Formen des Recyclings im Design in eine Zeit fallen, die sich als Postmoderne – also als die „Nachbereitung“ der Moderne – um deren Defizite kümmert.

So betrachtet ist Recycling im Design längst nicht nur eine Frage ökologischer und ökonomischer Opportunitäten, sondern auch und vor allem ein Versuch, das Leben zu bereichern – mit Dingen, die auf Grund ihrer Vergangenheit ein höheres Maß an Individualität und „Beseeltheit“ aufweisen als das cleane Industrieprodukt von der Stange.

Anmerkungen
1.) Der vorliegende Beitrag entstand im Zusammenhang mit der Ausstellung „Alles Abfall? Recycling im Design“, die vom 6. Februar bis 11. Mai 2003 am Museum Bellerive in Zürich gezeigt wurde.
2.) Adolf LOOS, ornament und verbrechen, in: Adolf LOOS, Trotzdem. Gesammelte Schriften 1900-1930, hg. von Adolf OPEL, unveränd. Neudruck der Erstausg., Wien 1997 (Innsbruck 1931), 80.
3.) Theodor M. BARDMANN, Wenn aus Arbeit Abfall wird. Aufbau und Abbau organisatorischer Realitäten, Frankfurt a.M. 1994, 168.
4.) Bildunterschrift in der 1949 von Max Bill konzipierten Wanderausstellung „Die gute Form“, sich auf Hans Brechbühlers Gewerbeschule in Bern beziehend und im vollständigen Wortlaut: „Baukörper auf Stützen gestellt, darunter Pausenhalle, klare, saubere Gestaltung.“
5.) Zu dieser These vgl. Roger FAYET, Reinigungen. Vom Abfall der Moderne zum Kompost der Nachmoderne, Wien 2003, insbesondere 157-175.
6.) Bezeichnenderweise hieß eine Ausstellung, welche mehrere hundert industrielle Produkte aus Recycling-Materialien zeigte: «Ver(sch)wenden: Aus Alt Mach Neu» Vgl. Natascha DRABBE, (Hg.), Re(f)use: making the most of what we have. First European Arango international design exhibition, Utrecht 1997.
7.) Jörg Boner in einer Projektbeschreibung für die Ausstellung „Alles Abfall? Recycling im Design“ (vgl. Anm. 1).
8.) Aline OZKAN, Zürcher Brockis. Ein kleiner Wegweiser, Publikation zur Ausstellung „Alles Abfall? Recycling im Design“ (vgl. Anm. 1), Zürich 2003.
ROGER FAYET, Jahrgang 1966, vormals Leiter des Museums Bellerive in Zürich, ist Direktor des Museums zu Allerheiligen in Schaffhausen und Verfasser der Publikation „Reinigungen. Vom Abfall der Moderne zum Kompost der Nachmoderne“ (Passagen Verlag, Wien 2003).
PETER STOHLER, Jahrgang 1967, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Museum Bellerive, Zürich. Er organisiert Kunstprojekte, Vortragsreihen und Screenings aktueller Videokunst im roentgenraum.ch, einem privaten Projektraum in Zürichs Industriequartier (www.roentgenraum.ch, peter.stohler@roentgenraum.ch