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Titel: Globale · von Heinz-Norbert Jocks · S. 74 - 85
Titel: Globale , 2015

Die Transzendierung des Menschen durch den Menschen

oder was sich Peter Weibel zur GLOBALE gedacht hat
Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks

1944 in Odessa geboren und in Oberösterreich aufgewachsen, studierte Peter Weibel zunächst für ein Jahr in Paris Französisch sowie französische Literatur, dann 1964 in Wien Medizin und schließlich Mathematik mit Schwerpunkt Logik. Bekannt wurde er zunächst als Künstler, seit 1999 leitet er das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe. Die von ihm konzipierte GLOBALE, fokussiert auf die Effekte der Globalisierung, ist so etwas wie eine weitgespannte Bestandsaufnahme im Lichte eines utopischen Entwurfs einer durch die Anwendung der Naturgesetze vom Menschen kreierten Exo-Welt. In dieser transzendiert sich der Mensch, insofern er in der Lage ist, Fähigkeiten zu erlangen, die ihm von der Natur vorenthalten wurden. Laut Weibel ist der Mensch ein Co-Schöpfer, der sich der Naturgesetze bedient, um seine Welt und sich selbst gemäß seinen Vorstellungen zu verändern.

***

Heinz-Norbert Jocks: Was hat dich zu dieser Manifestation bewogen? Und warum heißt sie GLOBALE?

Peter Weibel: Schon im Jahre 1996 habe ich in Graz während des Steirischen Herbstes eine Ausstellung Inklusion, Exklusion: Versuch einer neuen Kartografie der Kunst im Zeitalter von Postkolonialismus und globaler Migration gemacht. Mich interessierten dabei die Effekte der Globalisierung. Es erschien mir wie ein Glücksfall, dass sich in Karlsruhe auch Hans Belting mit der Frage beschäftigte „Was ist World-Art, was ist Global-Art?“ und dazu in Kooperation mit Andrea Buddensieg eine Forschungsstelle gründete. Das Ergebnis mehrjähriger Forschungen waren Ausstellungen, Symposien und Bücher, dabei hieß die letzte große Ausstellung: The Global Contemporary. Kunstwelten nach 1989. Der Begriff „global“ spielt in meiner Ausstellungskonzeption seit langem eine zentrale Rolle, – und zwar bezogen auf das Adjektiv global und nicht auf das Substantiv Globus. Bereits seit der Weltumsegelung durch Magellan um 1519 wissen wir, dass wir in einem globalen Zeitalter leben, weil wir Kenntnis haben von der Geografie, den Völkern und Kulturen. Mich interessieren die Effekte der Globalisierung, die seit ca. 200 Jahren durch die maschinelle, industrielle Revolution und die informationelle, postindustrielle Revolution eingetreten sind. Wie Globalisierung und Digitalisierung einander bedingen. Diese Effekte nenne ich global. Ein Haupteffekt ist sicherlich die Beschleunigung der Kommunikation, des Verkehrs von Menschen, Gütern und Daten, die mittlerweile einen Punkt der Beinahe-Simultanität erreicht hat. Wir wissen tendenziell, was an allen Orten dieser Welt zu jeder Zeit geschieht. Wir sind mit allen und allem verbunden. Die derzeit stattfindenden Migrationsströme nach Europa sind ein solcher globaler Effekt. Für die Globalisierung im digitalen Zeitalter gilt das Theorem, dass alles mit allem verbunden bzw. vernetzt ist. Dies bezeichne ich als Inseparabilitätstheorem. Der Krieg einer Minderheit in Syrien, der Islamische Staat verändert das Wahlverhalten europäischer Bürger angesichts der durch diesen Krieg ausgelösten Migration. Die Beschleunigung im digitalen Zeitalter ist insofern global, weil sich das Wissen der Welt nicht nur ubiquitär und simultan ausbreitet, sondern dadurch auch extrem vermehrt. Wissenschaftler behaupten die von der digitalen Welt erzeugte globale Datenmenge verdopple sich heute alle zwei Jahre. Mir lag daran, nach Spuren dieser Globalisierung im digitalen Zeitalter auch innerhalb der Kunst zu suchen, weil ich Globalisierung und Digitalisierung für die bedeutendsten Strömungen der Gegenwart halte.

Was war der Anlass für die GLOBALE?

Ganz klar der 300-jährige Stadtgeburtstag Karlsruhes. Denn er bot mir die Chance, mehr Geld für ein größeres Projekt zu erhalten. In Analogie zur 300-jährigen Stadtgeschichte wollte ich eine 300-tägige Kunstmanifestation machen. Die Idee dazu kam mir in den letzten Jahren aufgrund meiner intensiven Beschäftigung mit der Idee der Globalisierung. In den letzten Jahren habe ich diese als Erweiterung der Kartografie der Kunst verstanden. Mit mehreren Ausstellungen, von Thermocline of Art. New Asian Waves (2007) bis The Global Contemporary. Kunstwelten nach 1989 (2011/2012) hat das ZKM den Blick auch auf Kunstkontinente wie China, Südafrika oder Südamerika verstärkt, also auf KünstlerInnen außerhalb der Achse Europa-Nordamerika. Dieses Thema wollte ich nicht nochmals behandeln. Statt einen wiederholten Überblick über die weltweite Kunstproduktion zu geben, widmete ich mich den Auswirkungen der Globalisierung auf die Kultur. Ich suchte nach einer Neudefinition des Globalen vor dem Hintergrund, dass diese Globalisierung die Politik und die Wirtschaft als System so radikal verändert, dass das Leben jedes einzelnen sich verändert. Dabei ist die Globalisierung eng mit der Digitalisierung verbunden. Ohne sie gäbe es keine Globalisierung, und diese wiederum ebnet der Digitalisierung den Weg. Ein Kronzeuge dieser Konvergenz ist die NSA (National Security Agency). Dort hat man begriffen, dass durch die Digitalisierung die Überwachung der ganzen Welt möglich ist. Ende der 1980er Jahre setzte ich mich in Vorträgen und Publikationen auch mit der Infosphäre auseinander und stellte heraus, dass die Erde von einer elektromagnetischen Hülle umgeben ist, die genauso wichtig ist wie die Atmosphäre, insofern auf der Basis elektromagnetischer Wellen die digitalen Nachrichten verbreitet werden. 1990 habe ich in Frankfurt am Main anlässlich der Eröffnung des Deutschen Postmuseums die Ausstellung Vom Verschwinden der Ferne konzipiert. Dabei stellte ich das Haupttheorem auf, dass bei der Infosphäre das entscheidende Moment die Separatio ist, also die Trennung von Bote und Botschaft. Dies ist insofern eine wichtige Erkenntnis, als bis dahin jede Botschaft an den Körper des Boten gebunden war. Für deren Übermittlung brauchte man Vehikel oder Vermittler, also Soldaten, Läufer, Tauben, Schiffe, Autos oder Flugzeuge. Wer eine Botschaft senden wollte, war auf den Körper des Boten angewiesen. In dem Moment, da sich Zeichen drahtlos übermitteln ließen, mit Beginn der drahtlosen Telegrafie im 19. Jahrhundert, bis hin zu den technischen Geräten wie Fernsehen, Internet und Radio, geschah das Wunder, dass der Bote verharrt und die Botschaft „rollt“. Jemand in Paris konnte so mit jemandem in New York telefonieren. Diese Form der Kommunikation war bis dahin unvorstellbar. Das heißt, das entscheidende kulturelle Ereignis bestand in der Loslösung der Botschaft vom Boten.

Die Geburt der Kette freiflottierender Zeichen

Mit welcher Folge?

Dadurch entstand eine Kette freiflottierender, um die Welt zirkulierender Zeichen. Insofern zur Zeit der industriellen Revolution die Welt durch den Transport von Gütern bestimmt war, beschrieb Karl Marx die Globalisierung als eine rasende Ausbreitung der Produktion von Gütern und Materialien. Doch da die Effekte der Globalisierung damals noch nicht absehbar waren, konnte Marx diese in seiner Analyse nicht berücksichtigen. Dafür war es noch zu früh. Heute wird der Transport von Gütern und Menschen mithilfe von Daten organisiert, also durch die Transmission von Daten. Der Transport von Gütern und Menschen und die Transmission von Daten, bilden heute eine Einheit. Deshalb ist die erdumhüllende Datenschicht, die Hülle der elektromagnetischen Wellen, welche die Erde umgeben, entscheidend für die Bedeutung des Wortes global, weil mihilfe elektromagnetischer Wellen die Daten global zirkulieren. In einem Vortrag beschrieb Frank Lloyd Wright 1930 die Welt der industriellen Moderne mit der Gleichung “machinery, materials, and men“. Diese Formel trifft auf die Kunst und das Bauhaus ebenso zu wie auf die Wirtschaft. Die industrielle Revolution verdankt sich dem Bau von Maschinen, mit denen neue Werkzeuge, neue Materialien und neue Dinge wie Autos, Stahl- und Betongebäude und dergleichen produziert wurden. Dabei profilierte sich Deutschland als Land der Maschinenbauer. Auf die industrielle Revolution folgte die Entwicklung der digitalen, von mir mit der Gleichung „Medien, Daten, Menschen“ umrissenen Welt. Wenn die Datenwelt sich auch durch die Separation von Bote und Botschaft über die Materialwelt stülpt, ohne diese zum Verschwinden zu bringen, so werden Künstler weiterhin mit Materialien arbeiten. Es wird auch weiterhin Maschinenbauer geben. Doch wie wir von Google lernen, das Auto der Zukunft kommt von Netzbetreibern und nicht von Maschinenbauern. Im globalen Ranking stehen Datenfirmen wie Apple oder Microsoft weit vor Autofirmen. Zur analogen Welt der Maschinen kommt die digitale Welt der Daten, die neue Welt der Infosphäre. Dort können wir entdecken, dass die Medienkünstler ähnliche, vergleichbare oder gar dieselben Geräte verwenden wie Wissenschaftler oder Ingenieure.

Was ergibt sich daraus?

Nun, solange ein Maler noch mit Pinsel, Farbe und Leinwand arbeitete, während ein Arzt mit Röntgenstrahlen und Computern operierte, waren Vergleiche zwischen Künstlern und Wissenschaftlern unmöglich. Sobald Künstler ebenfalls Röntgenstrahlen, Computer, also die von Wissenschaftlern benutzten Werkzeugen gebrauchen, erlaubt dies einen Vergleich, obwohl sich Wissenschaftler und Künstler in ihren Absichten unterscheiden. In gewisser Weise haben sich beide Seiten aufeinander zubewegt. Aufgrund dieser Annährung drängt sich ein diachroner Vergleich zwischen dem Goldenen Zeitalter der Malerei im 17. Jahrhundert und der durch eine Verwissenschaftlichung der Kunst geprägten Renaissance auf. Der erste Satz im berühmten Traktat von Leonardo da Vinci über die Malerei, „Die Malerei ist eine Wissenschaft“, ist dafür ein Beleg. Diese Konvergenz der Werkzeuge führt dazu, dass das Studio eines Künstlers, dem Labor des Wissenschaftlers ähnelt. Diese Beobachtung deckt sich übrigens mit Bruno Latours Aktanten- und Netzwerktheorie und seinem Interesse für wissenschaftsnahe Künstler. Im Hinblick darauf begab ich mich weltweit auf die Suche nach Künstlern, die sich mit diesen Problemen beschäftigen, wodurch sich mir ein neuer, technisch fundierter Zugang zur Kunst erschloss. Damit wurde ich gezwungen, auch die organologische Grundlage der Kunst neu zu bedenken.

Was heißt das?

Für die Ausübung der Malerei bedarf es zweier Organe, nämlich Hand und Auge. Deshalb wird Picasso oft als „das Auge des Jahrhunderts“ bezeichnet, was auch immer das heißen mag. In Johann Gottfried Herders Ideengeschichte der Menschheit steht zu lesen, die Hand sei das erste Werkzeug des Menschen. Von dem Moment an, da dieser den aufrechten Gang probte und statt auf vier Füßen nur noch auf zweien stand, hatte er auf einmal zwei Hände frei. Mit diesen konnte er neue Werke und auch neue Werkzeuge herstellen. Mit der Hand beginnt folglich die Werkzeugkultur, bestehend aus Werkzeugen und Metawerkzeugen, wie wir heute mit Daten auch Metadaten erzeugen.

Solche Evolutionssprünge lassen sich sehr schön an einem Beispiel demonstrieren: Ein Hund, der, auf vier Beinen vor seinem Napf stehend, gerade dabei ist, diesen auszulecken, schiebt ihn dabei mit der Nase. Wir könnten uns darüber wundern, warum er nicht auf seinen Hinterbeinen sitzt, um den Napf mit den Vorderbeinen festzuhalten. Ebenso die Katze: Auch sie bewegt den Napf mit der Nase hin und her. Ein Tier wie das Eichhörnchen hingegen sitzt auf seinen hinteren Pfoten und hält die Nuss, um sie zu fressen, mit seinen beiden vorderen fest. Die Affen sind ständig dabei, mit den Händen zu arbeiten. Wohl deshalb, weil die Hand als das erste Werkzeug überhaupt diente, sprechen wir vom Handwerk. Dass diesem eines Tages nicht mehr die Hochachtung entgegengebracht, sondern es fast verachtet, zumindest nicht mehr ernstgenommen wurde, hat wohl mit dem Moment zu tun, als die Hand sich selbst neue Werkzeuge wie Hammer, Pfeil und Bogen schuf. Mit diesen Werkzeugen entstand nämlich die neue Werkzeugkultur der Technik, das Ensemble der Metahandwerkzeuge. In dem Augenblick, wo in der Autofabrik nur mehr technische Geräte die Produktion steuern, wird die Hand zweitrangig. Die Technik triumphiert gewissermaßen über das Handwerk, dem sie eigentlich entstammt. Ein schönes Beispiel dafür ist die Entwicklung von Pfeil und Bogen zur Rakete. Zur Herstellung von Pfeil und Bogen greift der Mensch auf Holz und die Sehne eines Tieres zurück. Pfeil und Bogen sind noch innerhalb des Operationsraumes von Hand und Arm, gewissermaßen die Fortsetzung menschlicher Muskeln und Sehnen. Das Besondere an Pfeil und Bogen ist, dass sich damit zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte Raum und Zeit über die Reichweite natürlicher Organe hinaus überwinden ließen. Hiermit beginnt im Grunde bereits das Reich der terrestrischen Frequenzen. Als solche bezeichnet man Frequenzen elektromagnetischer Wellen, die zur terrestrischen Übertragung von Fernseh- und Rundfunkprogrammen genutzt werden. Mit Pfeil und Bogen kann ich auf eine Beute zielen, die ich mit meinem Körper alleine gar nicht berühren oder erreichen kann. Hier wird sichtbar, wie wir durch Werkzeuge unsere Sinnesorgane in Raum und Zeit ausdehnen. Was wir mit unseren natürlichen Fähigkeiten nicht schaffen, gelingt uns mit eigens dafür hergestellten Werkzeugen. So können wir mit dem Pfeil ein Tier erlegen, das wir mit dem Auge nur aus der Ferne sehen.

Exteriorisierungen und Externalisierungen

Du redest in dem Zusammenhang auch von Auslagerungen menschlicher Organe!

Ja, es geht dabei um Exteriorisierungen und Externalisierungen. Durch die Auslagerung meiner Hand verändert sich mein Verhältnis zu Raum und Zeit. Das ist es, was den Werkzeugcharakter ausmacht. Ich kann mit der Hand zunächst einen Hammer und mit diesem dann ein anderes Werkzeug herstellen. Mit Feuer und Hammer, im Grunde ein Metawerkzeug, lässt sich Eisen schmieden, woraus ich wiederum einen als Wurfgeschoß einsetzbaren Speer formen kann. Werkzeuge erzeugen immer andere Werkzeuge und diese neue Materialien, woraus sich wiederum neue Werkzeuge anfertigen lassen. Das nennen wir Werkzeugkultur oder auch, um es abstrakter zu fassen, Ingenieurkultur. Am Ende dieser Entwicklung steht die Rakete. Mit ihr kann ich nicht nur ein Tier, sondern ein bis dato absolut unerreichbares Ziel erreichen, nämlich den Mond. Die Technik stellt also im Grunde die abendländische Ontologie wie auch Metaphysik in Frage. Wenn Ontologie die Lehre dessen ist, was existiert, so zeigt die Technik, dass wir mit ihrer Hilfe zuvor inexistente Dinge fabrizieren. Wenn Metaphysik die Lehre dessen ist, wie wir über das Sein denken, können wir am Beispiel elektromagnetischer Wellen konstatieren, dass wir bis zu ihrer Entdeckung und ihrem empirischen Nachweis im 19. Jahrhundert nicht wussten, dass sie existieren. Da sie dem Reich des Nichtseins angehörten, verfügten wir über kein Wissen. Durch unsere neue Dinge und Existenzen erzeugenden Werkzeuge verändern wir den Umfang des Da-Seienden, und mit unseren Theorien, mit Ziffern und Buchstaben, Zahlen und Worten, Gleichungen und Sätzen kommt es zu einer Erweiterung unseres Wissens. Dank diesem schaffen wir neue Werkzeuge wie Computer. Sein und Wissen, Ontologie und Epistemik beruhen also nicht auf einer „adaequatio rei et intellectu” in einem statischen, sondern in einem dynamischen und dialektischen Sinne. Mit unseren kognitiven Operationen erschließen wir neue mentale Wissensräume und durch diese neue materielle Räume der Dinge wie des Seins. Die Technik lässt sich als das Beispiel einer operativen, von der Triade Wissen, Werkzeug und Sein gesteuerten Ontologie verstehen. Im Laufe der Geschichte haben sogenannte Wissensbäume die Hierarchie von Wissen, Werkzeugen und Sein abgebildet. Als die tradierten Wissensbäume nicht mehr länger mehr widerspruchslos akzeptiert wurden und beispielsweise das Primat der Naturwissenschaft statt der Theologie gefordert wurde, wir denken dabei an Galileo Galilei, war das aus der Sicht der Kirche eine Revolution.

In welcher Beziehung stehen die Wissensbäume zum Werkzeug?

Übernommen haben wir die Wissensbäume der Griechen mit den beiden Begriffen „episteme“ und „téchne“ . Téchne bezeichnete das dem „banausos“ (Banausen) vorbehaltene Handwerk. Es kam sowohl beim Ackerbau als auch beim Spielen von Musikinstrumenten, bei der Bildhauerei sowie bei der Malerei zum Einsatz. Mit „téchne“ bezeichnete man die handwerklichen Künste. Höher geschätzt als diese wurde die episteme, also die auf Sprache und Zeichen basierende Wissenschaft und damit Mathematik, Rhetorik und Grammatik. Indem Michel Foucault von epistemischen Systemen spricht, folgt er der Hierarchie, ohne sich dessen bewusst zu sein, mit welchen Konsequenzen. Bereits bei den Griechen hatte sich wegen der Privilegierung der episteme eine Unterscheidung etabliert, die das von der Hand Gemachte als etwas Drittklassiges abwertete. Die téchne war eine Tätigkeit für Sklaven, die episteme eine Tätigkeit für freie Bürger. Der Wissensbaum spiegelte das Sozialsystem wider. Die Befreiung der Sklaven und die Emanzipation der Menschen können nur in Einklang mit der Emanzipation der Technik und der mechanischen Künste erfolgen. Dies erkannten bereits die Enzyklopädisten der Aufklärung.

In dem Zusammenhang denkst du auch an eine Erweiterung der Antike?

Ja, sie wird möglich, sobald das griechische Modell von einem neuen Standpunkt aus kritisiert wird. Als Leonardo da Vinci in dem berühmten, übrigens nicht öffentlich geführten Paragone-Streit die Malerei über den grünen Klee lobte, beantwortete er die Frage, was Malerei sei, mit seinem „Scienza è detto quel discorso mentale“. Er distanzierte sich damit vom Handwerk. Und Aristoteles warnte die Söhne der freien Bürger vor dem Erlernen eines Musikinstruments, weil Handwerk etwas für Sklaven sei und den Geist verderbe. Diese Geschichte der Diffamierung des Handwerklichen erlebte ich noch in Frankfurt, als ich dort 1989 wegen meines Instituts für neue Medien an der Städel-Schule von Malern wie Raimer Jochims heftig angegriffen wurde. Dabei hatte ich gar nichts gegen seine Malerei. Er befürchtete an der Schule eine Ausdehnung des mechanischen Geistes. Darauf konterte ich: „Wenn Sie gegen den mechanischen Geist sind, sollten Sie historisch weiter zurückblicken.“ Das Klavier sei doch ein ganz simples, aus Holz, Elfenbein und Drahtseilen angefertigtes, mechanisches Instrument, und es komme nicht auf die Hard-, sondern auf die Software an. Diese Szene bei meiner Ankunft in Frankfurt belegt, dass 2.000 Jahre nach den Griechen die Verachtung gegenüber dem Handwerk immer noch besteht. Malerei wird statt als Handwerk, als etwas Konzeptuelles begriffen, weshalb Kandinsky über „das Geistige in der Kunst“ reflektierte. Das sind alles noch Echos der alten Teilung. Auch die Römer übernahmen diese, als sie mit einem Begriff wie „Artes liberales“ nicht etwa die freien Künste bezeichneten, sondern die Kunst für freie Bürger. Die Artes liberales hatten nichts mit den Künsten zu tun, sondern mit dem, was früher die episteme waren. Für die Römer waren Rhetorik, Grammatik und Mathematik die Artes liberales. Diese Verwechslung ist ein schreckliches Missverständnis der Historiker. Was wir unter Künsten verstehen, also Malerei und Architektur, wurde unter der Bezeichnung Artes mechanicae subsumiert, inklusive aller handwerklichen Künste. Der heute gegen die Medienkünstler erhobene Vorwurf, eine rein mechanische Kunst zu produzieren, beruht auf den alten Begriffen téchne und Artes mechanicae. Girolamo Savonarola publizierte um 1500 einen anderen Wissensbaum. Statt die Theologie als die höchste Stufe erreichbaren Wissens zu erachten, verzichtete er darauf völlig, weshalb er als Ketzer auf dem Scheiterhaufen endete. Aus Vorsicht hat Leonardo da Vinci sein Traktat über die Malerei nicht veröffentlicht. Es erschien erst 130 Jahre später. Dennoch hat da Vinci mit seinem Traktat die Wissensbäume verändert, nicht duldend, dass die Malerei unterhalb der Grammatik und Rhetorik angesiedelt ist. Aufgrund seiner Auffassung, dass nicht alle Künste aufgewertet werden sollten, engagierte er sich ausschließlich für die Malerei und begründete, warum Architektur, Poesie, Musik und Bildhauerei nicht zur Wissenschaft gehören. Leonardo sah sich als Maler und Schöpfer epistemischer Kunst und Wissenschaft in Abgrenzung zu den im Staub arbeitenden Bildhauern. Im Grunde wird dieser Wissenschaftsstreit bis heute in seinem Kern nicht verstanden. Er richtete sich gegen die alte Hierarchie des Wissens. Während da Vinci die Malerei favorisierte, ließ Savonarola der Poesie gegenüber der Malerei den Vortritt. An diesen Veränderungsdrang knüpften die Enzyklopädisten an. Sie brachten Anleitungen zum Handwerk mit Abbildungen, sozusagen Gebrauchsanweisungen heraus. Bemerkenswert ist die Position von Diderot: In seinen Augen spiegelt sich die Klassengesellschaft und deren Hierarchie der Mächte, hier Herr, dort Knecht, in der Kunst wider. Bereits vor Marx mit seiner Kritik an der Klassengesellschaft trat er für eine Aufhebung der Klassenunterschiede der Künste ein, weil es ohne eine solche Aufhebung keine klassenlose Gesellschaft geben könne. Als Erster explizit für die Emanzipierung mechanischer Künste stimmend, stellte er diese gedanklich den epistemischen Wissensformen gleich. Er plädierte für das Ende der Hierarchien.

Die Kunst post Digitalisierung

Was ist für dich von Bedeutung?

Dass für die sogenannten mechanischen, von Ingenieuren betriebenen Künste, nachdem sie schon um 1500 und noch einmal im 17. Jahrhundert brilliert haben, jetzt wiederholt eine neue grandiose Phase angebrochen ist. Insofern dies eine wichtige Grundsäule der GLOBALE ist, spreche ich von der Renaissance 2.0. Wir leben in einer noetischen Wende, von einer sprachbasierten zu einer werkzeugbasierten Zivilisation. Exo-Evolution ist der Ausdruck für diese werkzeugbasierte, von Menschen gesteuerte Evolution, bzw. Engineering Culture.

Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?

Sie hat die Prozesse der Renaissance 2.0 enorm beschleunigt. Lass mich eben noch den zweiten Hauptstrang meiner sich über Jahrzehnte hinweg entwickelnden, jetzt konvergierenden Überlegungen ausführen. In der Mitte des 20. Jahrhunderts drang die Wirklichkeit mit dem Nouveau Réalisme, dem Happening und dem Action Painting massiv in die Kunstwelt ein. Begonnen hat das mit Marcel Duchamp. Dazu eine erste These: Leonardo sprach in seinem Buch davon, dass der Maler auf Mittel wie Punkt, Linie, Fläche, Volumen und Schatten zurückgreift. Bezeichnenderweise sprach er wohl deshalb nicht von der Farbe, weil er mehr Zeichner war. Mit diesen von ihm benannten Mitteln kann der Maler die sichtbare Form der Dinge repräsentieren. Nun wissen wir, dass das 1926 erschienene Buch von Kandinsky den Titel Punkt und Linie zu Fläche trägt. Dabei handelt es sich um ein Zitat von Leonardo. Doch Kandinsky ging es nicht nur darum Punkt, Linie, Fläche als Mittel zur Darstellung der Welt zu benutzen. Künstler wie Kandinsky wollten mit dieser Form der Anwendung der Mittel brechen und direkt Punkt, Linie, Fläche setzen, und zwar im Sinne einer Selbstpräsentation der Darstellungsmittel. Abstrakte Kunst ist nichts anderes als eine Verkürzung des leonardischen Programms auf den ersten Teil des Satzes. Es erscheinen Punkt als Punkt, Farbe als Farbe und Fläche als Fläche. Daraus, dass der Gegenstand aus der Repräsentation verbannt wurde, zog Duchamp 1913 die Konsequenz. Statt den Gegenstand malend zu repräsentieren, ließ er diesen sich selbst repräsentieren. So kam es zur Selbstdarstellung der Gegenstände. Das Urinal ist das Urinal und ein Rad ein Rad. Dass der Gegenstand sich plötzlich selbst als Kunst repräsentierte, war bis dahin unvorstellbar. Allerdings sahen Philosophen wie Jean Baudrillard und Paul Virilio in dieser Verdoppelung der Welt keine Kunst. In den Manifesten der Aktionisten findet sich stets der Slogan: Leben ist Kunst, Kunst ist Leben. Was den Nouveau Réalisme ausmacht, ist, dass von den Künstlern die Wirklichkeit nicht mehr länger dargestellt wurde, sondern sie diese selbst in die Kunst einbrechen ließen. An die Stelle des Malens von Landschaften trat die Land-Art. Keine Porträts wurden mehr gemalt, dafür die Körper als Body-Art aktiv. Statt Interieurs als malerisches Genre haben wir Objektkunst, Installationen und Environments, statt gemalter Wasserfälle reale Wasserfälle. Die Wiener Aktionisten mit ihrem Begehren, in die Wirklichkeit einzudringen, forderten diese als ihr künstlerisches Darstellungsmittel ein. Während der Hyperrealist noch eine Putzfrau so realgetreu wie möglich nachahmte, würde ein Tino Seghal diese heute leibhaftig auftreten lassen. Das Personal, ob Wärter oder BesucherInnen, wurde ebenfalls real in die Konstruktion des Kunstwerkes miteinbezogen. Die Medienkunst sorgte durch ihre Closed-Circuit-Installationen dafür, dass die Interaktivität des realen Publikums zu einem Bestandteil des Kunstwerkes wurde. Bei meiner Ausstellung Audience Exhibited 1969 in Wien wurde das reale Publikum selbst zum Exponat. Die einen leeren Saal betretenden Besucher konnten sich in einem Videogerät selbst sehen und in einem anderen Raum zeitverzögert noch ein zweites Mal. Das reale Publikum selbst wurde zum Kunstwerk.

Das heißt, die Kunst im herkömmlichen Sinne als Objekt ist verschwunden.

Ja, die Realität hat die Repräsentation in der Gegenwartskunst vollkommen übernommen. Deshalb zeigten wir zum Auftakt der GLOBALE keine gemalte, sondern eine reale Wolke.

Doch wurde da keine bereits vorhandene Wolke aus dem Himmel gegriffen, sondern eine echte erzeugt.

Ja, so ist es. Herder schrieb 1784 in seinen Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit nicht nur, dass der Mensch dank seines aufrechten Gangs das Handwerk entwickeln konnte. Er sei somit auch der „erste Freigelassene der Schöpfung“. Da Herder dies noch vor Darwin schrieb, kannte er den Begriff der Evolution nicht, stattdessen den metaphysischen Begriff der Schöpfung. Diesen würde ich mit dem der Evolution ersetzen. Somit hätte sich der Mensch zum ersten Freigelassenen der Evolution gemacht, insofern er aus ihr mithilfe der von ihm gemachten Werkzeuge herausgetreten ist. Denn von dem Moment an, da der Mensch die Hände frei hat, kann er Werkzeuge wie Pfeil und Bogen herstellen, welche in der Natur nicht vorkommen. Im Grunde ist eine Rakete nichts anderes als eine Weiterentwicklung von Pfeil und Bogen. Plötzlich sind wir Menschen dank der Werkzeugkultur in der Lage, Distanzen zu überwinden, wovon wir früher allenfalls geträumt haben. Bei Sigmund Freud bis hin zu Marshall McLuhan liest man immer wieder, die technischen Werkzeuge seien Verlängerungen und Optimierungen der natürlichen Organe. Wenn wir heute nach Leben außerhalb unseres Planeten suchen, bezeichnen wir diese Forschung als Exo-Biologie. Das künstliche Korsett, das ein körperlich Gelähmter trägt, als Exo-Skelett und die Planeten außerhalb unserer Galaxien als Exo-Planeten. Im Wasser bewegt man sich mit einem Exo-Suit. Langsam, aber sicher wächst ein Verständnis dafür, dass wir seit 200 Jahren, seit den Anfängen unserer industriellen Revolution, die natürlichen Organe bis zu deren Substitution erweitert haben. Das Defizit unserer natürlichen Augenlinse kompensieren wir mit einer Brille, im Grunde mit einer dem Auge vorgelagerten Linse. Dabei handelt es sich um eine Auslagerung der natürlichen Linse, deshalb Exo-Linse. Alles in allem haben unsere Werkzeuge entweder kompensatorische oder verstärkende Funktionen Funktionen und schließlich sogar ersetzende.. So ist das Rad nichts anderes als die Ausdehnung des Fußes. Im gesamten 19. Jahrhundert beruhte so gut wie alles, ob Filmprojektor, Kamera, Fahrrad, Auto oder Flugzeug, auf einer reinen Radtechnologie, mit der sich die Geschwindigkeit beschleunigen lässt. Das Kino ist das Geschenk zweier Radtechnologien, der Kamera und des Projektors, welche die Illusion bewegter Bilder erzeugen. Die Exo-Evolution mit ihren Leitideen der Auslagerung (Externalisierung) und dem Heraustreten (Exteriorisierung) aus der Evolution verdankt sich der Werkzeugkultur.

Das heißt: Uns wurden von der Evolution die natürlichen Organe geschenkt.

Ja, doch diese sind für die Wahrnehmung des gesamten Spektrums elektromagnetischer Wellen nicht geeignet. Deren Existenz, obwohl seit dem Urknall wirksam, wurde experimentell erst zwischen 1886 und 1888 von Heinrich Hertz nachgewiesen. Den Magnetismus entdeckte man erst vor etwa 500 Jahren. Michael Faraday beschrieb 1831 unter dem Begriff der elektromagnetischen Induktion das Entstehen eines elektrischen Feldes durch Änderung der magnetischen Flussdichte. Dann kam James Clerk Maxwell mit seinen Gleichungen, und schließlich Hertz, der hier in Karlsruhe mit Funkenexperimenten nachwies, dass das Licht sich elektromagnetischen Wellen verdankt. Deshalb sprechen wir von „Funktechnologie“. Wir haben uns künstliche Organe wie Smartphones und Radio konstruiert um elektromagnetische Wellen wahrzunehmen. Die seit beinah 150 Jahren verwendeten, elektromagnetischen Wellen sind der Grundstein der digitalen Kultur. Ohne ihre Nutzbarmachung gäbe es keine Vernetzung der Welt. Kein Smartphone. Kein Facebook. Keine sozialen Netzwerke. Keine Globalisierung.

Entgegen Paul Virilio

Im Gegensatz zu Paul Virilio, der, vor den Gefahren der neuen Technologie warnend, den Verlust der Unmittelbarkeit beklagt, stehst du mit dem heute Möglichen nicht auf Kriegsfuß. Du siehst mehr die Chancen einer anderen Zukunft jenseits der von Macht okkupierten Institutionen. Suchst du nach neuen Formen der Anarchie?

Was das Entwickeln neuer Anarchie-Formen betrifft, so handelt es sich dabei um keine Fortführung des alten Anarchismus. Stattdessen brauchen wir neue Sozialverträge, sowie neue institutionelle Formen, um diese Utopie vermitteln zu können. Doch noch einmal zurück zu Herder mit seiner Idee vom Heraustreten des Menschen aus der Schöpfung: Dafür genügen die Gesetze nicht mehr, die uns Menschen bis dato leiteten. Der Mensch, der laut Herder in seine Eigenverantwortung eintritt, wird nicht mehr gewogen, sondern ist die Waage selbst. Nicht mehr die Natur sagt uns, was gut und böse ist. Wir selbst sind die Waage. Dieses Problem der Eigenentscheidung ist bis heute nicht gelöst.

Wieso?

Nehmen wir eines der zehn biblischen Gebote! Es lautet: „Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Haus, Hof und Gut“. Auf heute übertragen heißt das: „Du sollst nicht begehren Deines nächsten Daten“. Doch wir halten uns nicht an dieses Gebot. Wir widersetzen uns ihm und rücken noch dazu unsere Daten freiwillig heraus. Der Wechsel von Schriftmedien zu sozialen Medien beinhaltet, dass wir bei der Suche nach Informationen nicht nur Datenjäger, sondern selbst zu Datenträgern geworden sind. Unser Medienverhalten, die freiwilligen Auskünfte, die wir beispielsweise bezüglich dessen erteilen, welche Bücher wir gerne lesen, wird gewinnorientiert ausgewertet. Ja, die Auswertung ist das Kapital der großen Firmen. Bis in den Bereich der Ökonomie hinein haben wir nicht verstanden, was mit uns gerade geschieht. Die alten Regeln, wie das Gebot „Du sollst nicht begehren Deines nächsten Hab und Gut“, treffen auf die alte materielle und analoge Dingwelt zu. Bisher fehlen uns Regeln für eine digitale Welt. Außerdem stellt sich heute die Frage nach der Rolle der Institutionen. Wir haben ein Justizsystem entwickelt, das angesichts der Komplexität der digitalisierten Welt keine kausalen Zusammenhänge herstellen kann. Heute schützt es den Täter.

Wie kommst du zu dieser Behauptung?

Bei einem Autounfall mit tödlichem Ausgang fragt man nach dem Schuldigen. War dabei Betrunkenheit oder menschliches Versagen im Spiel? Entscheidend ist das Resultat, der Tod eines Menschen. Daran, dass jemand starb, ist der andere schuld. Müsste man nicht jenseits von Schuld und Strafe darüber nachdenken, wie sich dieser Vorfall rückgängig machen ließe? Strafe ist nichts anderes als der klägliche Versuch der Reversibilität eines Geschehens,, das irreversibel ist. Ausgehend von der Irreversibilität des Todes wurden religiöse Vorstellungen von Buße, Sühne und Bestrafung entwickelt. Faktisch leben wir in einer modernen Welt, in der die klassischen Vorstellungen der mechanischen Welt von Ursache und Wirkung nicht mehr funktionieren. Doch das Gesetz klammert sich immer noch an diese überkommene Denkweise von Ursache und Wirkung wie in alten Stammeskulturen. Dabei bietet uns die Kunst hierfür zukunftsweisende Zeichen, nur lesen wir sie nicht. Das berühmte Ballett Le Sacre du Printemps von Strawinsky führt uns durch die Musik und Nijinskys Choreografie vor, dass wir immer noch primitive Stammesgesellschaften nachahmen. Am Ende wird ein Mitglied der Gruppe geopfert und getötet, damit sich die gesamte Gruppe freispricht. Nicht anders verhielt sich die griechische Regierung, unter dem Druck der EU-Regierung in Brüssel, gegenüber ihrem Finanzminister Gianis Varoufakis. Wie in einer archaischen Stammeskultur wurde er von der Regierung geopfert, damit Griechenland von der EU weitere Zahlungen erhält. Es ist katastrophal, dass wir in den politischen Institutionen nach wie vor Stammesrituale zelebrieren, aber die moderne Datenwelt nicht verstehen. Solange wir keine Lösung für den Umgang mit Daten haben, bleiben uns Kriege, Katastrophen, der Islamische Staat (ISIS) und sonstige Konfliktherde nicht erspart.

Zurück zu dem Traum des Menschen vom Fliegen: Als er diesen zu realisieren begann, orientierte er sich an den Lebewesen der Lüfte, das heißt an der Natur. Überhaupt ist unsere Existenz auf der Erde abhängig von der Sonne.

Wir sind nicht von der Natur abhängig, sondern von den Naturgesetzen. Ich würde nicht wie Novalis eine Hymne an die Nacht schreiben, sondern eine an die Schwerkraft. Ohne sie würden wir nicht um die Sonne rotieren. Sollte die Schwerkraft einmal nachlassen, wäre die Anziehung der Massen außer Kraft gesetzt. Mit der Folge, dass die Erde sofort ins All abdriften würde. Im Grunde wissen wir nichts über die Gravitationskraft. Wie „Pegasus“ ist sie nur eine Metapher. Bis zur Entwicklung des Flugzeuges war die Überwindung der Schwerkraft lediglich ein Wunsch. Insofern sind wir Menschen nicht nur Mängelwesen, sondern auch Wunschwesen, die sich die Welt immer stärker gemäß ihren individuellen Wünschen gestalten. Mit dem Fliegen verstoßen wir letztlich nicht gegen die Naturgesetze. Vielmehr beuten wir sie aus, weil wir in Erfahrung gebracht haben, wie wir der Schwerkraft entkommen können. Meine Utopie zielt auf die Entdeckung weiterer Naturgesetze. Vor 1.000 Jahren wussten wir nicht, dass Elektrizität überhaupt existiert, und solange wir dazu keine Theorie aufgestellt hatten, konnten wir auch keine Elektrizität nutzen. Ganz platonistisch denke ich, dass wir Naturgesetzte nicht erfinden, sondern entdecken. Bruno Latour ist da anderer Ansicht. Die Frage, ob es möglich ist, dass der Mensch, der doch ein Produkt der Natur ist, diese überlisten kann, beantworte ich mit einem klaren Ja. Und wenn auch im Rahmen herrschender Naturgesetze eingesperrt, erweitern wir das Universum durch die Entdeckung neuer Naturgesetze. Beispielsweise haben wir gelernt, dass wir nur mit zwei Ziffern (0, 1) alle Rechenoperationen ausführen können. Wir werden aber entdecken, dass wir, sobald wir das Wort „Zahlenraum“ buchstäblich nehmen, feststellen, dass wir bisher nur auf der zweidimensionalen Fläche zahlenmäßig operiert haben, ebenso wie die Schrift, jetzt bestehend aus 26 Buchstaben und Sonderzeichen, nur auf der zweidimensionalen Fläche kodiert war. Auch hier werden wir neue, im Raum operierende, mit neuen Geräten produzierte und rezipierbare Schriften und Zahlensysteme entwickeln.

Dafür, dass dies nicht unbedingt zum Wohl der Menschheit gereicht, ist doch die Atombombe ein Symbol?

Ja, Wunschwelten sind immer psychotischer Natur, das ist das Problem des sich Wunschwelten imaginierenden Menschen. Eine psychotische Welt ist stets eine infantile. Weil der Psychotiker wie das Kind zwischen Wunsch und Wirklichkeit nicht klar unterscheiden kann. Das ist das Wesen der Technik, Wünsche zu ermöglichen, die normalerweise und realerweise, historische definiert, bis zum Auftauchen dieser Techniken nicht möglich waren. Wenn jemand von Karlsruhe nach Sydney telefoniert, ist dies die Geistreise einer Stimme. Durch die Technologie werden psychotische, pathologische Schübe in der Zivilisation erleichtert. Wir verfügen über Massenvernichtungswaffen, mit denen man nicht mehr wie noch zu Napoleons Zeiten Mann gegen Mann kämpft. Im 20. Jahrhundert wurden zum ersten Mal die Konturen einer Enthemmung deutlich, insofern wir Millionen von Menschen mit Atombomben und Raketen vernichten konnten. Wir bewegen uns folglich in psychotischen Räumen ohne soziale Mechanismen, die Hitler, Mao oder Stalin hätten stoppen können. Das Problem ist kein technisches, sondern ein soziales. Wir brauchen neue Institutionen, welche die sozialen, durch die Technik ermöglichten Enthemmungen kontrollieren können. Dadurch bin ich mir auch sicher, dass in Zukunft nicht nur Moses, Jesus und Mohammed die einzigen Religionsgründer bleiben. Eines Tages werden Propheten und Sekten auftreten, die Religionen für das digitale Zeitalter entwerfen werden.

Freiheit und Technologie

Ist nicht ein weiteres Problem, dass die Technologie von den die Freiheit des Einzelnen einschränkenden Institutionen in den Dienst genommen wird. Du sagtest es bereits: Die Digitalisierung ermöglicht absolute Kontrolle.

Gerade weil ich seit meinem sechsten Lebensjahr in Institutionen aufgewachsen bin, kenne ich die Konfliktzonen nicht nur sehr genau, ich bin dafür auch stark sensibilisiert. Nun ist es so, dass in jeder Minute eine neue Erfindung und eine neue Entdeckung in der Chemie und allem Möglichen produziert werden. Nachdem in der Welt die Informationsbombe geplatzt ist, muss man darüber nachdenken, wie man das ganze Datenmaterial ablagert und zusammenfasst. Meines Erachtens müssen wir noch rasanter prozessieren, noch schneller lesen, noch tiefer denken und noch unverzüglicher Zusammenhänge erfassen. Nur mit der von Virilio kritisierten Beschleunigung werden wir der Informationsbombe entkommen. Das Geheimnis der Evolution ist, dass diejenigen Organismen überlebt haben, deren Verteidigungsmechanismen auf Schnelligkeit aufgebaut sind. Damit meine ich nicht nur die Schnelligkeit des Körpers, sondern auch die des Sehens und Erfassens. Wenn ich als Lebewesen in Urzeiten bemerke, dass sich etwas bewegt, sehe ich erst einen schwarzen Punkt. Ich weiß noch nicht, ob dieser ein Panther ist, der mich in einer Sekunde angreift, oder eine Spinne, die, da noch weit entfernt, mir nicht gefährlich werden kann. Weil blitzschnelles Erfassen überlebensnotwendig ist, haben Organismen Bewegungsdetektoren ausgebildet. Die Menschheit braucht das heute mehr denn je. Die NSA hat zwar Millionen an Telefonen abgehört, aber dennoch weiß sie nichts, weil ihnen die Algorithmen fehlen, um die relevanten Informationen herauszuziehen. Deshalb funktioniert das Netz zur Verhinderung von Terrorakten noch nicht.

Sind und bleiben wir nicht von unserem Körper abhängig? Als die ersten Astronauten zum Mond flogen, wusste man noch nicht, ob der Körper die Schwerelosigkeit überhaupt aushält, welche Langzeitfolgen diese für diesen hat.

Wir haben den Körper, nur müssen wir ihn verbessern. Wenn die Natur sagt, die Hand oder die Lunge sind kaputt, müssen wir nach einer Möglichkeit suchen, die Körperteile durch Exo-Teile zu ersetzen.

Was für ein zukünftiges Leben stellst du dir vor?

Dass der Mensch 150 bis 200 Jahre alt wird und dass wir zu einem friedlichen Zusammenleben finden. Bisher ist die Geschichte nichts anderes als eine Kette von Regimen, die Männer und Frauen entwürdigen. Menschen in Asien und Afrika werden weiterhin geknechtet, und wir werden unserer Individualität beraubt.

Ein ungeheureres Problem für die Menschheit stellt die fast freiwillige totale Überwachung durch „evil eyes“, wie Kameras und digitale augenlose Suchmaschinen, dar. Wir können von Shakespeares Othello lernen, was Paranoia ist, nämlich Überinterpretation von Zeichen und Überproduktion von Bedeutung. Der panoptische Raum ist ein paranoider Raum: Jeder ist verdächtig – denkt man beispielsweise an die Flughafenkontrolle. Es entsteht eine Kreativitätsindustrie des Verdachts. Auch die NSA ist schöpferisch, sie schöpft stets Verdacht. Und von Othello wissen wir wo das endet, im Mord. Der Gewaltpegel in der panoptischen Gesellschaft wird also steigen.

Du bist Österreicher!

Ja, sozialisierter Österreicher.

Du scheinst zu der Familie der Abtrünnigen zu gehören, die ihr Land als Enge erfuhren und darauf mit einer Utopie der Weite antworten. Welche persönlichen Ereignisse ließen dich zum Utopiker werden?

Ich sah mich bereits als Kind vor dem sechsten Lebensjahr und auch später während und nach der Internatszeit von Mautsystemen umstellt. Konfrontiert mit Institutionen und extremen Vorschriften, die das Terrain bestimmten, in dem ich mich zu bewegen hatte, und auch Vorgaben, wie ich mich dort zu verhalten, was ich zu tun und zu lassen habe. Ich galt als verhaltensauffällig. Ich erlebte die Welt als eine extrem enge. Davon habe ich später abstrahiert und mir gesagt: Ok, die Welt besteht aus vier Gitterstäben, aus drei Raumachsen und einer Zeitachse. Die Welt ist ein Gefängnis, wie Descartes es beschrieb. Doch wie kann man die Gitterstäbe ein bisschen lockern und ausdehnen? In dem Kontext faszinierten mich die Relativitätstheorie und die Quantenmechanik.

Die Lehre des Übermenschen

Wenn ich Revue passieren lasse, worum es dir geht, entsteht bei mir der Eindruck, dass du eine Neudeutung von Nietzsches Lehre des „Übermenschen“ vornimmst.

Das ist richtig, wobei ich betonen muss, dass der Gebrauch des Wortes „Übermensch“ durch den faschistischen Missbrauch heikel geworden ist. Ich sehe Nietzsches Lehre vor dem Hintergrund der Frage: Was ist der Mensch? Als Erster hat er die Philosophie in eine Anthropologie verwandelt. Heute kennen wir die Anthropologie der Medien oder des Bildes von Hans Belting. Bei ihm spüren wir Nietzsches Erbe ebenso wie bei Joseph Beuys. Es geht um die Selbstreflektion des Menschen, verbunden mit der Frage: Wer und was bin ich? Und für mich ganz wesentlich: Wie kann man das Humane definieren? In Freuds Theorie wird dieses zwischen den Triebkräften der Natur, dem Über-Ich und den sozialen Normen angesiedelt, und daraus geht das Ich hervor. Seltsamerweise wird ein Begriff wie „Über-Ich“ akzeptiert, nicht aber der des Übermenschen. Da korreliert das Transzendente mit dem Physischen. Der Mensch will sich transzendieren, das ist eine Eigenschaft des Menschen oder das Wesen der Anthropotechnik, von der Sloterdijk spricht. Der Mensch stellt den Anspruch, etwas leisten zu wollen, wozu er noch nicht fähig ist. Wenn Freud den Menschen als ein von Trieben, den Naturkräften, also von der Biologie bestimmtes Wesen begreift, so ist das, wenn du willst, eine Spannung nach unten. Gleichzeitig gibt es, wie Sloterdijk es nennt, die Vertikalspannung, insofern der Mensch Ansprüche an sich selber erhebt, um über sich hinauszugehen. Das Über-Sich-Hinausgehen ersetze ich nun, – und das ist der springende Punkt –, mit dem Aus-Sich-Herausgehen. Das bezeichne ich mit Externalisierung, Exteriorisierung oder Ekstasierung. Der Mensch verbessert sich, und da genau besteht die Parallele zu Nietzsche. Mir schwebt sozusagen eine profanisierte Version des sakralisierten Übermenschen vor, eine Normalisierung der Ekstase. Der Übermensch hat noch göttliche, allmächtige Züge. Meine Version ist mehr eine demokratische. Der Mensch, der seine Defekte oder Mängel realisiert, versucht, diese zu verbessern, auszugleichen oder zu substituieren. Wenn jemand das Problem hat, dass seine natürliche Wirbelsäule nicht funktioniert, wird sie durch eine externe, das Exo-Skelett ersetzt. So wird der Fuß zum Pedal eines Fahrrads. Der Mensch verbessert sich, indem er seine materiellen, physikalischen und mentalen Eigenschaften optimiert. Durch die Erfindung der Rechenmaschine verbessert der Mensch sein Gedächtnis wie schon mithilfe der Schriftkultur. Die Technik ist stets Tele-Technik, d.h. Überwindung von räumlichen und zeitlichen Fernen. Damit erzielt der Mensch übernatürliche, gottähnliche Resultate. Deshalb ist alle Teletechnologie stets auch Theo-Technologie. Der Übermensch ist laut Freud ein zivilisierter, demokratisch gebändigter „Prothesengott“.

Jetzt verstehe ich besser, warum du Sloterdijk nach Karlsruhe geholt hast. Seine Vorstellung vom „Neuen Menschen“ schwingt parallel zu deiner eigenen.

Ja, unsere Denkansätze sind zum Teil vergleichbar. Doch sieht er das nicht technisch und von daher nicht anti-essentiell. Mein Ansatz ist, wie ich es nenne, die digitale Philosophie. Was heißt das? Am Anfang seiner Geschichte hatte der Mensch vor allem mit Dingen und Tieren zu tun, bis er sich dessen bewusst wurde, dass er dabei auf Grenzen stieß. Er gab den Dingen Namen, wodurch er mit diesen operieren konnte, ohne dass Dinge da sind. Schließlich gab er den Tieren und Dingen Bilder und sah, dass er technisch über etwas nicht Vorhandenes schreiben und sich davon Bilder machen konnte. So entstanden zwei autonome Welten, die Welt der Schrift und die der Bilder, die sich verselbständigten. Daraufhin abstrahierte der Mensch noch mehr und gab den Dingen, den Bildern, Tönen und Namen Ziffern und Zahlen.

Mit gravierenden Folgen!

Ja, ohne diesen Schritt vor 200 Jahren gäbe es keine digitale Revolution. Analytisch kommt von „Analysis“, also von einer mathematischen Disziplin. Zu verstehen sind darunter mathematische Operationen. Joseph Louis Lagrange, in meinen Augen der größte Physiker nach Newton, behauptete 1788 in seinem Werk Mécanique analytique, er könne die Welt ohne Bilder und Zeichnungen, nur mithilfe von mathematischen Formeln und algebraischen Operationen erklären.

Doch wie kam man auf die Zahl und zu dieser Evolution? Was ist im menschlichen Gehirn passiert?

Darauf weiß ich keine Antwort. Jedenfalls hat der Mensch diese drei Abstraktionssysteme entwickelt: Erst Buchstaben, dann Bilder und schließlich Zahlen. Die Evolution hat uns zur Erkenntnis unseres Selbst, der Evolution und des Universums die mathematischen Mittel beschert. Wir können offenbar nur das von der Welt erkennen, was digital, also in Zahlen erfassbar ist. Mittels Zahlen sind wir in der Lage, den mathematischen Aspekt des Universums zu erfassen. Deshalb rede ich hier von der Info-sphäre.

Spiderman als konkrete Utopie

Du denkst dir den Neuen Menschen nicht als ein digitales, sondern als ein Wesen, das auch körperlich anders existiert? Vor kurzem sah ich eine Dokumentation über den Film Spiderman. Dabei ging es darum, dass der Film auf wissenschaftlichen Forschungen beruht, die sich damit auseinandersetzen, wie diese Fiktion sich realisieren ließe. Dabei wurden Vergleiche mit der Spinne gezogen, deren Proportionen und Maßstäbe auf den Menschen übertragen und darüber spekuliert, wie sich eine Veränderung des Menschen bewirken lässt, indem man ihm die Gene einer Spinne dadurch vermacht, dass man sein Immunsystem herunterfährt. Wenn der Mensch die Eigenschaften einer Spinne hätte, so wäre vorstellbar, dass er als Spiderman sich an seinen stärker als Stahl seienden Fäden durch die Lüfte von New York schwingt. Denkst du bei deinen Überlegungen an eine derartige Um-Codierung oder Umwandlung des Körpers? Deine Betrachtungen zielen wohl auch auf eine Überwindung der verfluchten Sterblichkeit.

Mit deiner Vermutung liegst du vollkommen richtig. Wenn bei Jürgen Habermas von dem „unvollendeten Projekt der Moderne“ die Rede ist, so muss man sich das etwas größer denken. Sowohl der Kosmos als auch die Evolution sind wie das Humane, wie bereits gesagt, ein unvollendetes Projekt. Heute existieren in Ansätzen zwei Visionen. Die eine geht von bisher einer Erde aus. Die Menschen sind ein monostellares Projekt, aber viele Projekte, wie die NASA mit ihren Expeditionen in das Universum zeigen, sind dabei, den Menschen als multistellares Projekt zu entwerfen. Das ist die Idee der Raumfahrt. Werfen wir einen Blick auf den jüngsten Stand der Gentechnik, wonach es möglich ist, die Sequenzen von Genen beliebig zu schneiden und zu montieren! Das ist die allerneueste Entdeckung mit all ihren darin impliziten Gefahren. Wir stehen am Anfang einer genetisch-molekularen Revolution, die intro- und multihumane Lebewesen hervorbringen wird. Ja, wir übernehmen die Aufgabe der Evolution, und deshalb spreche ich von der Exo-Evolution. Die Evolution, die mit uns dafür gesorgt hat, dass 90 Prozent aller Lebewesen bereits verschwunden ist, wird von uns durch eine Exo-Evolution ersetzt. Wir selbst werden im Laufe der nächsten zweitausend Jahre neue Lebewesen ermöglichen, und die werden nicht alle menschenähnlich sein. Insofern ist die Vision von Spiderman, von der du sprichst, eine, die auf dem Programm stehen könnte.

Der Mensch wird zum Erzeuger und tritt an Gottes Stelle.

So weit würde ich nicht gehen. Er macht sich zum Co-Schöpfer der Evolution, sind wir doch von der Evolution abhängig und nicht deren Chefs. Die Naturgesetze sind die eigentlichen Götter. Die Lichtgeschwindigkeit lässt sich nicht überschreiten, und wir können auch die Gravitationsgesetze nicht abschaffen. Es gibt Philosophen, die uns darauf vorbereiten, dass die Bio-Diversität legitim ist. Ich wiederhole es noch einmal: Jeder Organismus ist dazu da, sich selber fortzupflanzen. Die Bio-Diversität kommt hingegen meist von außen. Das ist das, was wir Migrationsinteresse nennen. Man muss sich daran gewöhnen, dass der Mensch in 10 bis 20 Tausend Jahren nicht alleine auf dem Planeten existieren wird, sondern sich selbst neue Mitwesen erzeugt haben wird. Wenn wir Glück haben, finden wir über kurz oder lang andere, von uns bewohnbare Planeten. Dann werden wir derart leben, wie wir es aus der Welt des Science-Fiction kennen. Ich warne davor, die Science-Fiktionäre zu kranken Menschen zu degradieren. Vielmehr sind sie es, die das Mögliche aus einer im Menschen angelegten Sehnsucht extrapolieren.

Wann hast du angefangen, Science-Fiction zu lesen?

Wie alle in der Jugend als Zwölfjähriger.

Erinnerst du dich an deine Primäreindrücke und Erstlingsreaktionen?

Leider waren meine Primäreindrücke dystopisch. Also negative Utopien. Alles Gelesene, angefangen von Mary Shelley bis hin zu den Schundheften, waren technische Utopien, aber das dort beschriebene soziale Umfeld negativ. Im Grunde ist Science-Fiction Cyberpunk, und Cyberspace ist immer noch negativ besetzt. Sämtliche Science-Fiction-Romane beschwören die Angst.

Virilio steht der Entwicklung der Welt im Zeitalter der Digitalisierung eher kritisch gegenüber. Dennoch hast du ihm die Ausstellung Paul Virilio und die Künste gewidmet.

Ja, er hat die gleichen Phänomene gesehen, aber negativ beurteilt. Weil wir im Kern an den gleichen Ideen arbeiten, habe ich diese Ausstellung gemacht. Von Anfang an waren wir enge Freunde. Ich habe ihm aber sachlich widersprochen und ihm erwidert, alles zu sehr aus der Warte der Militärgeschichte zu betrachten. Sein Buch Kino und Krieg ist richtig, insofern er darin feststellt, dass Medien Teil der Militärindustrie sind. Nur leider hat er nicht gesehen, dass Kunst immer schon Teil der Militärindustrie war. Denke nur an den Brief von Leonardo da Vinci, in dem er sich damit brüstete, Brücken ebenso wie Waffen und Festungen bauen zu können. Wer heute ins Museum geht, sieht dort Schlachtengemälde wie Velasquez Übergabe von Breda im Prado. Die Malerei ist seit jeher auch Militärgeschichte.

Da du das Positive der neuen Technologie so hervorhebst, möchte ich nochmals auf das negative Potenzial pochen. Ein Aspekt dabei wäre, dass Suchmaschinen das Wissen vorprogrammieren, wodurch deren User manipuliert werden.

Einverstanden, und deshalb behandelt eine Ausstellung der GLOBALE das Thema globale Überwachung und Zensur. Wer Google benutzt, verlässt sich auf die Algorithmen einer Suchmaschine. Es ist nicht mehr so wie früher, da man eine Bibliothek aufsuchte, sich Bücher bestellte oder heraussuchte. In dem Augenblick, da man diese Arbeit den Suchmaschinen überlässt, ist man nicht mehr das absolute Individuum.

Verstehst du die GLOBALE als eine neue Form der Aufklärung?

Ja, es ist eine neue, über Werkzeuge funktionierende Form der Aufklärung, und das entspricht dem, was Aufklärung einst war. Wer wie ich der Auffassung ist, dass nicht nur das Handwerk, die Maschinen und die Medien Werkzeuge sind, sondern auch die Algorithmen, wird bemerken, dass die Komplexität der Welt mithilfe unserer Theorien und Werkzeuge nicht reduziert, sondern größer wird. Durch die Herstellung von früher unvorstellbaren Dingen erweitern wir auch unsere Vorstellung vom Menschen. Er ist trotz aller äußeren Ähnlichkeit nicht mehr der gleiche wie derjenige, der noch mit der Hand oder an der Maschine schrieb.

von Heinz-Norbert Jocks

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